O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Spritzige Dialoge und Standardtänze

ICH HASSE DICH HEIRATE MICH!
(Florian Battermann, Jan Bodinus)

Besuch am
14. August 2020
(Premiere)

 

Stößel Komödie Wuppertal
Meiningen

Das ist eine solche Überra­schung, dass darüber das Stück fast in Verges­senheit gerät. Klar war, dass Stößels Komödie Wuppertal zum 14. August in die eigene Spiel­stätte, das Theater am Karls­platz, aus der schönen Ausweich­spiel­stätte Kultur­zentrum Immanuel zurück­kehren würde. Der Neustart sollte mit einem brand­neuen Stück versüßt werden. Kristof Stößel hatte ja schon in einem früheren Interview ausge­rechnet, dass bei den geltenden Abstands­regeln nicht allzu viele Plätze für die Besucher zur Verfügung stünden. Dafür ist schon auf dem Vorplatz ziemlich viel Betrieb. Auch im Foyer, in dem eine Einbahn­stra­ßen­re­gelung einge­führt ist, halten sich eine Menge Leute auf. Masken­pflicht im Haus, Desin­fek­ti­ons­mittel am Eingang, Regis­trierung an der Kasse, man kennt das inzwi­schen. Einmal am Platz angekommen, darf man die Maske ja auch wieder abnehmen. Und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Saal füllt sich bis nahezu auf den letzten Platz. Was ist denn hier los? So richtig wohl fühlt man sich mit der neuen Entwicklung nicht. Ein bisschen viel Großfa­milie auf einmal. Erst in der Pause – jawohl, Pause, das Wort, das bei den Ersatz­spiel­plänen der größeren Häuser für die kommende Spielzeit komplett gestrichen ist – gibt es die Aufklärung. Bei Perso­nen­re­gis­trierung sind in Wuppertal Versamm­lungen von bis zu 300 Personen ohne weitere Hygie­ne­regeln möglich.

Da sind die 175 Plätze in der Komödie natürlich rasch gefüllt. So ganz wohl fühlt sich die Theater­leitung mit dieser plötz­lichen Großzü­gigkeit auch noch nicht und hat wenigstens die Hygie­ne­regeln, die bislang galten, noch weitgehend übernommen, bis auf die wichtigste: die Abstands­regel. So richtig beruhigend ist der Umstand, dass das Publikum an diesem Abend nahezu vollständig aus Angehö­rigen der Risiko­gruppen besteht, auch nicht. Die Wupper­taler Besucher hingegen sind schmerzfrei. Zu groß ist das Bedürfnis nach Unter­haltung. Also tun alle so, als wäre ein vollbe­setzter Theatersaal das Normalste auf der Welt. Der eine oder andere schaut wohl schon mal verstohlen auf die Warn-App, aber allüberall leuchtet es grün. Und die Show kann beginnen.

Foto © O‑Ton

Ich hasse dich heirate mich! haben Florian Battermann und Jan Bodinus ihr neues Stück genannt, das von der Zeit im Shutdown handelt. Tanzleh­rerin Kerstin Schröder ist in der eigenen Wohnung gefangen. Sie versucht, sich mit Online-Tanzstunden für Herrn Müller über Wasser zu halten. Über ihr wohnt Helga Otto, die stets gut infor­mierte, inter­es­sierte und Nachrichten verbrei­tende Nachbarin. Man hilft sich gegen­seitig mit Klopapier, Hefe und anderen Dingen, die man für das Überleben in Corona-Zeiten braucht. Holzschnitt­artig geht es weiter, wenn unter der Tanzleh­rerin der ruhelie­bende Schrift­steller Felix Schwarz einzieht und sich alsbald über die Lärmbe­läs­tigung aus der Wohnung über ihm beschwert. Eine abstruse Bezie­hungs­theorie der Tanzleh­rerin führt schnell zu den gewünschten Verwick­lungen. In dieser Komödie steckt alles, was sich die Menschen von einem deftigen Spaß wünschen, wenn es sich auch anfänglich zäh entwi­ckelt. Aber wenn im ersten Teil die Zoten, zu häufige running gags und arg zahme Perso­nen­führung überwunden sind, wird man im zweiten Teil durch rasante Szenen und außer­ge­wöhn­lichen Körper­einsatz rasch entschädigt. Maßgeb­lichen Anteil daran hat Gabriele Schäfer von der Tanzschule Schäfer, die wirklich Grandioses in kürzester Zeit bei den bis in die Haarspitzen motivierten Darstellern an Tanzkünsten hervor­ge­zaubert hat.

Dass es bei diesem Stück erst gar keine ausge­wie­senen Einzel­leis­tungen wie Regie, Bühne und Kostüm gibt, liegt wohl am ehesten daran, dass hier „Familie Stößel und Freunde“ wieder eine bravouröse Gesamt­leistung erstellt haben. Die Wohnung der Tanzleh­rerin Kerstin konzen­triert sich auf ein Wohn‑, Schlaf- und Arbeits­zimmer, aus dem verschiedene Abgänge in Bad, Küche und Flur führen. Hier tummelt sich das Personal. Die Tanzleh­rerin in luftiger Kleidung und absatz­hohen Schuhen, der Schrift­steller im lässigen Jeans­hosen-Look und Frau Otto in wechselnden extra­va­ganten Hosen­an­zügen samt farbig passenden Masken.

Foto © O‑Ton

Und jedem, der zum Stamm­pu­blikum der Komödie gehört, ist natürlich sofort klar, wer Frau Otto ist. Den schil­lernden Paradies­vogel, der hier die übertrieben neugierige Nachbarin gibt, kann – wenigstens bei der Premiere – nur einer geben. Kristof Stößel erntet schon beim ersten Auftritt Applaus, obwohl er eigentlich eine Neben­rolle spielt, ehe er den Sirtaki entdeckt. Die üblichen Hänger und Haken und der Umgang damit haben sich bei Stößel ja längst zum Marken­zeichen entwi­ckelt, die Leute warten geradezu darauf. Aber Frau Otto gelingt es nicht – und davon ist Stößel ja auch weit entfernt – irgend­je­manden an die Wand zu spielen. Denn mit Michèle Connah hat er die Ideal­be­setzung für Kerstin gefunden. Mit enormer eroti­scher Ausstrahlung fegt sie, wenn ihr Gelegenheit gegeben wird, wie ein Wirbelwind über die Bühne, außer­ge­wöhnlich textsicher und letztlich anschmiegsam wie ein Leder­hand­schuh. Ihre Energie überträgt sich auf die anderen. Da kann Dirk Stasi­kowski sich als Schrift­steller völlig gehen lassen, die Rolle des zunehmend Betrun­kenen auskosten und noch einmal neu und überzeugend inter­pre­tieren. Ein köstlicher Abend mit vorher­seh­barem Ende, das so zwingend ist, dass man es sich herbei­wünscht. Dass die zahlreichen Tänze so großartig wie noch ein wenig gelernt wirken, nimmt man gern in Kauf. Da dürfen wir mal getrost davon ausgehen, dass Stasi­kowski für dieses Stück seine ersten Tanzstunden erhalten hat, und dafür ist die Leistung wirklich hervor­ragend. Die Choreo­grafin oder weniger hochtrabend die Tanzleh­rerin hat hier wirklich ganze Arbeit geleistet.

Da liegt die Lust nahe, sich auch die Zweit­be­setzung oder lieber: die andere Besetzung des Stücks anzuschauen. Connah und Safak Pedük werden sich hier einen „erbit­terten Wettkampf“ liefern und vermutlich im Patt enden. Die Komödie in Wuppertal hat sich fulminant zuhause zurück­ge­meldet. Nach zweieinhalb Stunden tobt das Haus, die Leute springen von den Sitzen, applau­dieren, feiern – nein, ausge­lassen darf man ja nicht sagen, aber das eupho­ri­sierte Publikum ist sehr nahe daran. Obwohl, das ist jetzt auch egal. Die Freude obsiegt. Und der Optimismus, dass das Publikum mit seiner ganzen Liebe die Komödie aus dieser Krise empor­tragen wird.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: