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IGOR LEVIT
(Diverse Komponisten)
Besuch am
8. Juli 2025
(Einmalige Aufführung)
Igor Levit ist landauf landab in aller Munde. Als politischer Aktivist sorgt er für viel Gesprächsstoff, dessen Auftritte in dieser Sache viele Pros und Kontras nach sich ziehen. Nun beehrt er als Pianist Wuppertals Historische Stadthalle mit einem Programm aus der Zeit der Romantik. Auch an diesem Abend gibt es bei den Besuchern im ausverkauften Großen Saal ein Für und Wider: Dieses Mal geht es jedoch um seine musikalische Haltung.
Zu Recht ist man voll des Lobs ob seiner klaviertechnischen Brillanz und nuancierten Anschlagskultur. Erstklassig versteht er es, selbst vertrackte kompositorische Strukturen glasklar, differenziert und allgemeinverständlich dem Konzertflügel zu entlocken. Etwa gestaltet er Mehr langsam, oft zurückhaltend – die erste Nummer aus dem vierteiligen Opus 23 mit dem Titel Nachtstücke aus der Feder von Robert Schumann – sehr feingliedrig. Auch andere Passagen, überwiegend die langsamen Abschnitte, bei Schumann und Frédéric Chopins dritter und letzter Klaviersonate in h‑Moll opus 58 bringt er deutlich durchstrukturiert zu Gehör. Außerdem bleiben hinsichtlich seines hochvirtuosen Vermögens kaum Wünsch offen. Perlende Läufe bei Chopins Scherzo beeindrucken ebenso wie rasend schnell genommene Tonfolgen im dritten Satz der letzten Klaviersonate in B‑Dur, D 960, von Franz Schubert. Des Weiteren fasziniert technisch das staunenerregend schnell gespielte dritte Stück mit der Überschrift mit großer Lebhaftigkeit Schumanns. Deswegen fallen nicht mehr als an eine Handvoll Stellen, bei denen Ton- oder Akkordkaskaden nicht ganz sauber von der Bühne kommen, nicht sonderlich ins Gewicht. Doch hinsichtlich der reichhaltigen Emotionen, die die drei Komponisten in ihren Werken verarbeitet haben, bleiben Fragen offen.
Musikfans und ‑kenner, die mit dem Oeuvre Franz Schuberts vertraut sind, werden sich wohl gewundert haben, wie er seine Sonate und als Zugabe sein drittes Impropmptu in Ges-Dur aus dem vierteiligen Opus 90 mit dem Deutsch-Verzeichnis 899 interpretiert. Denn es ist nicht von der Hand zu weisen, dass er hier statt dieser Gefühle seine eigenen Empfindungen in den Vordergrund stellt.

Der weit gespannten Form des Kopfsatzes mit seinem epischen Grundcharakter des Haupt- und elegischen Seitenthemas mangelt es an einem großen Spannungsbogen von der ersten bis zur letzten Note. Auch die dreiteilige Liedform des sich anschließenden Andantes mit seinem außerordentlichen Tiefgang hätte besser zum Ausdruck gebracht werden können. Stattdessen legt er die beiden Abschnitte derart dunkel-nebulös, streckenweise so äußerst leise an, als käme die Musik aus einer anderen Welt. Nicht im von Schubert vorgeschriebenen Allegro vivace kommt das Scherzo daher. Vielmehr wird der Turbo aktiviert und so anständig auf das Gaspedal gedrückt, dass die gleiche, mit Presto bezeichnete Geschwindigkeit des Finalsatzes auf dem Tacho abzulesen ist. Beim Impromptu lässt er zwar traumhaft schön den ruhig-dahinfließenden Gesang und die sensibel zurückgenommene Begleitung in der Mittellage erklingen. Doch der Bass setzt nicht nur bei den Trillern und den Achtelbewegungen einen Kontrapunkt. Auch die lang-gehaltenen Töne gehören dazu und könnten wesentlich prägnanter hervorgehoben werden.
Bei Chopins Sonate wird im Eingangssatz der marschähnliche Charakter des Hauptthemas nicht anschaulich genug herausgestellt, da der Auftakt zu belanglos erklingt und es somit ein wenig an Prägnanz mangelt. Das innige Empfinden des Trios im Scherzo hat einen etwas süßlichen Beigeschmack. Der entspannte Mittelteil des darauffolgenden Largo mit seinem von Achtelwellen umspülten Gesang könnte spannungsvoller zu Ohren kommen. Das Finale kommt zwar angemessen fest zupackend daher. Doch die Virtuosität dominiert vor einer Nachtzeichnung der musikalischen Linien.
Der musikalische Gehalt der Schumannschen Nachtstücke wird noch am plausibelsten interpretiert. Einige lyrische Momente wirken zwar ein wenig zu sachlich vorgetragen, andere Teile etwas suchend-grüblerisch. Trotzdem kann man an der ihnen innewohnenden düster-traurigen Stimmung Anteil nehmen.
Das Publikum jubelt stehend vor der erwähnten Zugabe und danach wie nach Events von Rock- und Popstars. Manche applaudieren sogar nach jedem Satz der drei Werknummern. Andere verlassen gedankenversunken den Ort des Geschehens.
Hartmut Sassenhausen