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JESUS CHRIST SUPERSTAR
(Andrew Lloyd Webber)
Besuch am
20. Dezember 2019
(Premiere)
Andrew Lloyd Webbers frühe Rockoper Jesus Christ Superstar hat fast 50 erfolgreiche Jahre auf dem Buckel. Dass sie gerade diesem stattlichen Alter ihre musikalische Frische zu verdanken hat, ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Denn 1971 setzte Lloyd Webber noch originelle und provozierende Akzente, bevor er begann, stromlinienförmige Konfektionsware in Serie abzuliefern. Und wenn man das Werk nicht nur in der Fassung für großes Orchester aufführt, sondern das Sinfonieorchester noch mit einer sechsköpfigen Rock-Band verstärkt wie jetzt an den Wuppertaler Bühnen, sind Alterserscheinungen nahezu völlig ausgeschlossen.
Zusammen mit drei Genre-erfahrenen Gästen für die zentralen Rollen und einem hochmotivierten Ensemble präsentiert sich die Übernahme aus dem Oldenburgischen Staatstheater musikalisch in Top-Form. Dafür sorgen Jürgen Grimm am Pult des Wuppertaler Sinfonieorchesters, eine stilsicher rockende „Jesus-Band“, der Opern- und Jugendchor der Wuppertaler Bühnen, die fetzigen Choreografien von Yoko El Edrisi und Solisten, die es sogar mit der hochgelobten Dortmunder Produktion vor drei Jahre aufnehmen können. Lauter junge, aber Metier-kundige Leute, die die nicht einfachen Partien stimmlich mühelos, substanzreich und voller Leidenschaft bewältigen. So Oedo Kuipers in der anstrengenden Titelrolle, Rupert Marthaler in der ebenso großen Partie seines Gefährten und Gegenspielers Judas Ischariot und Maureen Mac Gillavry als Maria Magdalena. Sängerdarsteller, die trotz ihrer Jugend auch tiefere Fassetten ihrer Partien zum Ausdruck bringen. Doch auch die Wuppertaler Ensemblemitglieder können überzeugen: So Simon Stricker als zynischer Pilatus, Rainer Zaun als stimmgewaltiger Kaiphas und Mark Bowman-Hester mit einer parodistischen Revue-Einlage als Herodes.

Erik Petersens zwei Jahre alte Inszenierung wurde in Oldenburg ein Publikums-Hit. In der Tat lässt Petersen die Handlung um das Leben und Sterben des Heilands mit kraftvoller Vitalität abrollen, wobei auch die ruhigeren, teilweise introvertierten Passagen zu ihrem Recht kommen. Ein Problem bereitet allerdings Petersens Versuch, Jesus nicht als religiösen Heilsbringer in den Mittelpunkt zu stellen, sondern als Pop-Star, der den unberechenbaren Launen des Publikums, einer korrupten Agentenmafia und den Trugbildern des Showgeschäfts ausgesetzt ist und letztlich zum Opfer fällt. Auch wenn Jesus‘ Aufstieg und Fall Parallelen zu den Karrieren profaner „Stars“ aufweist und die Umdeutung im ersten Akt noch einigermaßen überzeugen kann, passt die brutale Passion Christi weder vom Text noch von der blutig-dramatischen Entwicklung zum Fall eines abservierten Show-Stars. Da erhalten die biblischen Worte Christi am Ölberg und stärker noch am Kreuz eine bleierne, pathetisch-sentimental aufgeladene Schwere, verbunden mit einer aufgesetzt wirkenden Bedeutungstiefe.
Ein Widerspruch, den auch Sam Madwar mit seinen aufwändigen, Show-liken Bühnenbildern nicht auflösen kann, wobei er nicht zuletzt mit dem blutrot ausgeleuchteten Kreuz für starke optische Akzente sorgt. Und Verena Polkowski lässt es auch in den Kostümen nicht an Farbe und Originalität fehlen.
Der Beifall des Premieren-Publikums fällt überschwänglich aus. Wenn man sich an der problematischen inhaltlichen Umdeutung nicht stört, sind zwei unterhaltsame und spannende Stunden garantiert.
Pedro Obiera