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Im Fadenkreuz von Realität und Illusion

JULIETTA
(Bohuslav Martinů)

Besuch am
3. März 2018
(Premiere)

 

Opernhaus Wuppertal

Merkwürdig, dass man in der Wupper­taler Neuin­sze­nierung von Bohuslav Martinůs Oper Julietta die Längen des dreistün­digen Werks so hautnah spürt, dass es schwer­fällt, seine Bedeutung als eine der inter­es­santen Opern des 20. Jahrhun­derts zu erkennen. Dass man volle zwei Stunden auf die Pause warten muss, erhöht auch nicht gerade die Spannung. Dabei nimmt das Stück mit seiner traumhaft-grotesken Atmosphäre einen wichtigen Platz zwischen Debussys Pelléas et Melisande und Proko­fieffs Liebe zu den drei Orangen ein. Die bruchlose Inten­sität, mit der Debussy die geheim­nisvoll umwit­terte Welt musika­lisch einkleidet, will sich bei Martinů in Wuppertal ebenso wenig einstellen wie die pointierte Skurri­lität aus Proko­fieffs Märchenoper.

Freilich sucht Martinů auch nicht primär nach der versun­kenen Traumwelt Debussys oder nach der fratzen­haften Groteske Proko­fieffs, sondern beschreitet mit dem Rückgriff auf Georges Neveux‘ Theater­stück Juliette ou la clé des songes einen dezidiert surrea­lis­ti­schen Boden, der nach neuen szeni­schen Lösungen sucht, für die es im Musik­theater wenig Vorbilder gab. Ausge­nomen vielleicht Oskar Schlemmers Triadi­sches Ballett, Poulencs Brüste des Tiresias oder Saties Ballett Parade.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Der Fantasie wären also keine Grenzen gesetzt, womit der Berliner Staatsoper vor zwei Jahren eine spannende Produktion gelungen ist. Anders in Wuppertal, wo sich Regis­seurin Inga Levant zu sehr auf stereotype Bewegungs­ab­läufe und die Fantasie der Kostüm­bild­nerin Petra Korink verlässt und die versteckten Energien und die innere Dynamik des Stücks nicht zum Tragen kommen. Mit einem solchen Ansatz zieht sich die Aufführung in die Länge, zumal Kapell­meister Johannes Pell die fein gearbeitete Partitur sauber, aber auch nicht sehr spannungsvoll umsetzt.

Eine logische Handlung darf man natürlich nicht erwarten: Zu Beginn kehrt der Buchhändler Michel Lepic in ein Städtchen am Meer zurück, wo er sich vor drei Jahren in eine junge Frau namens Julietta verliebt hat, die ihn mit ihrem wunder­baren Gesang verzaubert hat. Bei seiner Rückkehr muss er aller­dings feststellen, dass die Bewohner dieser Stadt keinerlei Erinnerung an ihre Vergan­genheit haben. Da sie ihn für seine eigenen Kindheits­er­in­ne­rungen bewundern, ernennen sie ihn zum Kapitän der Stadt. Schließlich trifft er auch auf Julietta, die sich immer noch zu ihm hinge­zogen fühlt und einem Rendezvous an einer Wegkreuzung zustimmt. Im weiteren Verlauf verlieren sich freilich die Erinne­rungen in einer unüber­schau­baren Mischung aus Realität und Illusion. Das führt zu ständigen Wahrneh­mungs- und Verstän­di­gungs­ir­ri­ta­tionen der Protago­nisten, die durch die Ansammlung grotesker und wider­sinnig agierender Gestalten noch verstärkt werden.

Foto © Jens Großmann

Regis­seurin Levant belebt die vielen Figuren leider nur mit einem begrenzten Reservoir an fanta­sie­vollen Bewegungs­ab­läufen. Entweder verharren sie in einge­fro­renem Still­stand oder bewegen sich mit roboter­haftem Automa­tismus, was auf die Dauer nicht reicht. Vor allem durch die passive Führung der dominie­renden männlichen Haupt­rolle Michel verschenkt sie die Chance, der oft erstarrten Gesell­schaft einen dynami­schen Kontra­punkt entge­gen­zu­setzen, wie es etwa Rolando Villazón in der Berliner Produktion gelungen ist.

Optisch bietet die Kostüm­bild­nerin Korink schon mehr, die munter in die Kleider­kiste zwischen Fantasy, Commedia dell’arte und Picasso gegriffen hat. Aller­dings den entschei­denden Schritt zum überdrehten Surrea­lismus, wie es etwa Oskar Schlemmer prakti­ziert hat, wagt auch sie nicht, so dass es bei einem bunten, pitto­resken, aber letztlich harmlosen Bilder­bogen bleibt. Dem hat auch Bühnen­bildner Jan Freese wenig entge­gen­zu­setzen, der zwar mit geome­tri­schen Figuren gewisse Struk­turen ins Bild setzt und mit einem Schach­brett den spiele­ri­schen Charakter der Handlung ausdrücken kann. Für die Husaren­ritte zwischen Traum und Wirklichkeit verlässt er sich jedoch fast ausschließlich auf die Lichttechniker.

Somit schlängelt sich das Werk recht zäh und zahnlos über die dreistündige Distanz, was durch die begrenzte Textver­ständ­lichkeit der deutsch gesun­genen Aufführung nicht entschärft wird. Retten kann da auch Pell nicht allzu viel, der das Wupper­taler Sinfo­niero­chester zwar zu einem sensiblen Spiel anhält, aber zu wenig dynamische Impulse setzt, um die Motorik des Spiels in Gang zu halten. Und auch die Dekla­ma­torik der Sänger fällt insgesamt zu wenig pointiert aus, zumal Sangmin Jeon zwar für den Michel über ausrei­chendes tenorales Material verfügt, die Rolle aber viel zu passiv und eindi­men­sional präsen­tiert. Und zwar vokal wie auch gestalterisch.

Etwas mehr Pfeffer verbreitet Ralitsa Ralinova als Julietta mit ihrem agilen Sopran und ihrer Spiel­laune, die freilich immer wieder abgebremst wird. Das Ensemble hat angesichts der Beset­zungs­fülle meist mehrere Rollen zu spielen, wobei sich die Ensem­ble­po­litik des neuen Inten­danten Berthold Schneider positiv bemerkbar macht.

Insgesamt eine Produktion, die durch die risiko­freudige Werkauswahl gefällt, den Aufwärts­trend des Hauses aber ein wenig entschleunigt. Freund­licher, teilweise bisweilen fast insze­niert wirkender Jubel nach drei anstren­genden Stunden.

Pedro Obiera

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