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KONZERT UND LESUNG
(Diverse Komponisten)
Besuch am
18. Februar 2024
(Einmalige Aufführung)
Keine Sorge, es handelt sich nicht um eine Bildungslücke, wenn man den Namen zum ersten Mal hört. Zwar war die Frau im 19. Jahrhundert in der europäischen Kulturszene in aller Munde. Doch als die Sängerin, Pianistin und Komponistin am 18. Mai 1910 im Alter von 89 Jahren starb, war sie fast vergessen, da sie sich nach dem Tod des Ehemanns Louis Viardot und ihres Lebensfreunds Iwan Turgenjew innerhalb von sechs Monaten im Jahr 1883 zurückgezogen hatte. Dabei ist es weitestgehend bis heute geblieben. Fachliteratur gibt es zwar reichlich. Doch ist sie für die breite Öffentlichkeit wohl nicht sonderlich von Interesse. Lediglich hin und wieder stehen ein paar ihrer Werke auf Konzertprogrammen, etwa Lieder auf denen von Cecilia Bartoli. In der Begegnungsstätte für unterschiedliche Kulturen „Insel“ über dem traditionsreichen Café ADA im Wuppertaler Stadtteil Elberfeld wird nun unter dem Titel Konzert und Lesung an das Multitalent erinnert und ihm gebührend Respekt gezollt.

Marlene Baum, ehemalige Kunst- und Musiklehrerin sowie Lehrbeauftragte der Bergischen Universität und der Kunstakademie Düsseldorf, gibt Einblicke in Leben und Wirken der seinerzeit hochgeschätzten Künstlerin. Sie berichtet, dass Pauline Viardot-García als Sprössling spanischer Eltern mit ihnen als Mitglied einer fahrenden Operntruppe auf Achse war und so von Geburt an mit dem Musiktheater aufwuchs. Franz Liszt, der sie über den grünen Klee lobte, war ihr Klavierlehrer. Doch aus ihrem Wunsch, Pianistin zu werden, wurde zunächst nichts. Denn ihre Mutter sorgte dafür, dass sie wie ihre dreizehn Jahre ältere und früh verstorbene Schwester Maria Malibran Sängerin wurde. Bald nach ihrem Debüt als Mezzosopranistin feierte sie in Europa auf allen wichtigen Opern- und Konzertbühnen große Triumphe. Daneben erfüllte sie doch noch ihren ursprünglichen Wunsch und trat auch als gefeierte Pianistin auf, spielte unter anderem im Duo mit ihrer Freundin Clara Schumann. In dieser Zeit heiratete sie 1840 den 21 Jahre älteren Louis Viardot, der seinen Job als Theaterdirektor an den Nagel hängte und ihr von nun an als Manager zur Seite stand. Drei Jahre später lernte sie den russischen Dichter Iwan Turgenew kennen und lieben. Es entstand eine Dreiecksbeziehung, die bis zum Tod der beiden Männer anhielt.

Früh, mit 42 Jahren, zog sie sich von den Bühnen zurück. Baum schildert, wie sie ab 1863 in Baden-Baden und anschließend, nach Beginn des deutsch-französischen Kriegs 1870⁄72 in Paris in den Salons ihrer Häuser eine vielfältige Kulturszene entwickelte und pflegte, die viele bekannte Künstler anlockte. In jener Zeit konzentrierte sie sich außerdem auf das Komponieren und wurde eine gefragte Musikpädagogin. Wie Zitate aus Briefe und Dokumenten belegen, die Baum vorträgt, waren unter anderem etliche berühmte Komponisten voll des Lobs über die Werke, die sie schuf. Auf die Kompositionssprache wird zwar nicht eingegangen. Doch ist unüberhörbar, dass Viardot keinen Wert auf einen unverwechselbaren Personalstil legte. Denn die vorgestellten Lieder von ihr machen deutlich, dass sie zwischen Musikstilen changierte. Sie vertonte Texte aus den deutsch‑, französischen- oder russischsprachigen Räumen und pflegte dabei die musikalischen Sprachen der jeweiligen Gebiete. Ihr ging es vor allem um Vermittlung und Kommunikation zwischen den verschiedenen Musikkulturen. Der Mangel an einer individuellen Musiksprache mag wohl ein weiterer Grund sein, warum ihr Name und somit ihr Oeuvre nicht gepflegt wurden. Erst seit jüngerer Zeit wird vermehrt in Archiven gekramt und geforscht.
Es sind Sopranistin Annika Boos und ihr Klavierbegleiter Igor Parfenov, die zwischen Baums Vorträgen einige ihrer Lieder und dazu passend solche von etwa Peter Tschaikowsky, Hugo Wolf, Richard Strauss sowie eine Arie Gioachino Rossinis vortragen. Auch machte sie gerne aus Werken für Klavier solo Lieder. So sind von ihr neu arrangierte Stücke Frédéric Chopins mit dabei. Insgesamt sind es an diesem Abend 17 an der Zahl plus eine Zugabe, die das Duo intensiv und tief ausgelotet zu Gehör bringt. Der in ihnen ruhende große emotionale Gehalt wird packend zur Geltung gebracht. So fallen kleine pianistische Ungenauigkeiten und leichte Schärfen bei lauten Passagen in ganz hohen Gesangsgefilden nicht sonderlich ins Gewicht.
Das zahlreich erschienene, aufgeschlossene Publikum zeigt sich begeistert ob der Darbietungen und erklärenden Worte. Es kann einen Zugang zu einer emanzipierten Frau des 19. Jahrhunderts finden, die sich gegenüber der männlichen Dominanz behaupten konnte, nicht wie viele ihrer Kolleginnen ins zweite Glied rückte und allerorts als Mensch mit ihrer politisch wie gesellschaftlich liberalen, toleranten Einstellung und Lebensform sowie als großartige Künstlerin hoch angesehen war.
Hartmut Sassenhausen