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LE MIROIR DE JÉSUS
(André Caplet, Johann Sebastian Bach)
Besuch am
12. April 2024
(Einmalige Aufführung)
Die Musikforschung wird wohl auf unabsehbare Zeit viel zu tun haben. Denn nicht nur viele Kompositionen, auch etliche ihrer Urheber schlummern unentdeckt im Dunkeln. Bei manchen lohnt es sich vielleicht nicht, sie wieder ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Doch es gibt wohl mehr als genug hochkarätige Musik, die völlig zu Unrecht ein stiefmütterliches Dasein fristet. Le Miroir de Jésus – deutsch der Spiegel Jesu – mit dem Untertitel Mystères du Rosaire – also Mysterien des Rosenkranzes – aus der Feder des französischen Komponisten André Caplet könnte durchaus zu denjenigen gehören, die künftig regelmäßig auf Programmzetteln erscheinen.
Auch Johann Sebastian Bachs Kirchenkantate Tilge, Höchster, meine Sünden“ BWV 1083 geriet in Vergessenheit, bis sie nach dem Zweiten Weltkrieg wieder erwähnt wurde, aus dem gefundenen Particell eine Ausgabe entstand, später nach der Entdeckung des Stimmensatzes eine kritische Ausgabe veröffentlicht und im Jahr 2000 erneut herausgegeben wurde.
Die erste Komposition als Hauptwerk des Abends und die zweite etwa zur Hälfte darin eingeschoben kommen in Wuppertals Immanuelskirche auf die Bühne und geraten gerade wegen ihrer erstklassigen Darbietung zu einem Höhepunkt im städtischen Konzertleben.
Der Komponist André Caplet dürfte fast nur in Fachkreisen bekannt sein. 1878 in Le Havre geboren, ging seine Karriere bis zum Ersten Weltkrieg als Musiker steil nach oben. Nach seinem Studium am Pariser Konservatorium war er zuerst Pauker, dann Dirigent, wurde Musikdirektor am Théâtre de la Porte Saint-Martin und 1901 mit dem Prix de Rome geehrt. 1914 wurde er Leiter der Pariser Oper. Ein paar Tage später meldete er sich als Freiwilliger zum Wehrdienst und erlitt im Krieg eine Gasvergiftung, die mit für seinen Tod anno 1925 verantwortlich war. Er litt seitdem an einer Brustfellentzündung, konnte deswegen nicht mehr dirigieren und beschränkte sich nach dem Krieg auf das Komponieren.
Von César Franck und Gabriel Fauré war er zunächst beeinflusst, danach vom Impressionismus Claude Debussys. In seinem Spätwerk lässt er zwar diese Musiksprache nicht ganz außer Acht. Doch die neoklassizistischen Formen überwiegen in seinen letzten Jahren. Hinzu kommt als tiefgläubiger Katholik sein Hang hin zur Mystik, die sich in der Verwendung der gregorianischen Musik offenbart.
Le Miroir de Jésus für Mezzosopran, Frauenchor, Streichorchester und Harfe entstand als letzte groß angelegte Tonschöpfung zwei Jahre vor Caplets Tod. Ähnlich eines Triptychons ist es in drei Teile unterteilt, die sich mit den wichtigsten Stationen im Leben Jesu beschäftigen: Spiegel der Freude, Spiegel des Leids und Spiegel der Glorie. Geschildert werden sie aus der Perspektive der Jungfrau Maria. Der Chor beginnt das Opus mit einem Exordium und kommentiert durch kurze Zitate wie ein Halleluja.

Der Komponist stellt sehr hohe Ansprüche an den Frauenchor. In allen Registern, bei lauten wie leisen Stellen und selbst großen Intervallsprüngen ist eine hohe Homogenität vonnöten. Haben manche Profichöre in dieser Hinsicht Probleme, beherrschen die Sopranistinnen und Altistinnen die Anforderungen locker-leicht, mühelos. Stets, selbst bei den komplexesten freitonalen Passagen, klingt jede Chorgruppe wie eine einzige runde variable Stimme, die die gesamten Stimmungsbilder hochemotional außerordentlich ergreifend nachzeichnet. Auch als Trio brillieren drei Choristinnen mit ebenmäßigen Gesängen.
Ulrike Malotta schlüpft stimmlich absolut überzeugend in die Rolle der Jungfrau Maria. Ihr in allen Belangen beweglicher, tragfähiger Mezzosopran erzählt, parliert, hebt selbst in den höchsten Tongefilden zu dramatischen elektrisierenden Gesängen an, zeichnet außerordentlich schattierungsreich die Textinhalte nach.
Eingebettet in diese Mysterien sind zwischen den drei Teilen je drei Abschnitte sowie zu Beginn der Eingangssatz und am Schluss das Amen die in vierzehn Teile gegliederte Bachsche Parodie auf das Stabat Mater Giovanni Battista Pergolesis quasi als zweiten Blick auf Jesu Leben. Auch diese Musik intonieren die Choristinnen und als Solistin aus ihren Reihen die glänzend disponierte Altistin Julia Spies ausgesprochen intensiv, dicht, dabei die polyphonen Strukturen klar darstellend.
Dazu bringt das erstklassige Kammerorchester Les Essences die beiden Werke mit festem Zugriff zu Gehör und sämtliche musikalischen Feinheiten absolut differenziert und durchhörbar zur Geltung.
Die Gesamtleitung liegt in den Händen von Julia Selina Blank. Dank der umsichtigen, mitatmenden, exakten Anweisungen und emotionalen Körpersprache der renommierten Dirigentin musizieren Sängerinnen und Instrumentalisten als große Einheitsodas die beiden gehaltvollen Tonschöpfungen, die wie aus einem Guss daherkommen.
Ist es während der Aufführung im Auditorium mucksmäuschenstill, schwillt schließlich der Lärmpegel erheblich an. Der frenetische Beifall will nicht enden und ebbt erst dann allmählich ab, als die Interpreten die Bühne verlassen.
Hartmut Sassenhausen