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Foto © O-Ton

Besser als jede Karnevalssitzung

MITTEN INS HERZ
(Angelika Bartram)

Besuch am
21. Februar 2020
(Premiere)

 

Stößels Komödie Wuppertal

Während in den Karne­vals­hoch­burgen in der näheren Nachbar­schaft wie Köln und Düsseldorf der Straßen­kar­neval tobt, traut sich Kristof Stößel was. Er setzt die Premiere eines Zwei-Personen-Stücks auf einen Freitag­abend. Das ist mutig, wird aber belohnt. Stößels Komödie Wuppertal ist an diesem Abend ausver­kauft. Und die Besucher kommen frühzeitig. Es scheint sich in der Fange­meinde herum­ge­sprochen zu haben, dass der Catering-Anbieter das Foyer verlassen und der Theaterchef mit seiner Crew selbst die Theke erobert hat. Es gibt also jetzt kein vornehm klingendes Essen mehr, sondern Brezeln und Snacks und ein paar Getränke, dafür aber viel Platz in dem großzü­gigen Vorraum, der jetzt Stößchen genannt wird. Und die Besucher nehmen das neue Angebot begeistert an.

Mitten ins Herz heißt das neue Angebot im Theatersaal. Es ist die Geschichte von Sieglinde Kranz­meier, die sich gerade auf einen ganz beson­deren Abend vorbe­reitet. Es soll nämlich der letzte ihres Lebens werden. So hat sie es beschlossen. Mit Vom Winde verweht, ihrem Lieblingsfilm, soll ihre Einsamkeit in dieser Welt ausklingen. Dem Kanari­en­vogel hat sie bereits die Freiheit geschenkt, die Wohnung ist aufge­räumt, die Fenster sind geputzt. Auf dem Sofa liegt eine Handfeu­er­waffe bereit, fehlt nur noch der Probelauf des Fernsehers. Und der geht schief! Kein Wunder bei dem Gerät, dass eher an eine sowje­tische oder polnische Baureihe aus den 1950-er Jahren erinnert. Glück­li­cher­weise erreicht Kranz­meier den Fernseh-Notdienst. Winfried Palinski erscheint umgehend. Soweit die Ausgangs­si­tuation der Komödie von Angelika Bartram.

Foto © O‑Ton

Regisseur Andreas Ahnfeldt hat die Handlung in eine Wohnung verlegt, die, gelinde gesagt, mit Gelsen­kir­chener Barock einge­richtet ist. Im Zentrum steht ein alter­tüm­liches Sofa, davor an der Rampe ein Beistell­tischchen, auf dem besagter Fernseher Platz findet. Links befindet sich in dem Wohnzimmer ein Sideboard, rechts so etwas wie eine Essecke und verschiedene Abgänge führen leicht erkennbar zu Schlaf­zimmer, Balkon mit grüner Fototapete, einem weiteren Raum und Wohnungs­eingang. Zahlreiche Acces­soires wie Lampen, Teewagen und künst­liche Blumen lassen das Wohnzimmer, nun, sagen wir, leicht angestaubt erscheinen, was gut zu Sieglinde Kranz­meier passt, die sich vielleicht in den Mittfünf­zigern befindet, also jenem Zeitpunkt, an dem Menschen anfangen, für die nachfol­genden Genera­tionen unsichtbar zu werden.

Ahnfeldt fällt die hohe Kunst zu, in einem handlungs­armen, aber ungeheuer dialogreichen Stück für genügend Abwechslung zu sorgen. Das funktio­niert überra­schend gut, vor allem wohl deshalb, weil es ihm gelingt, sich auf die Charaktere der beiden Darsteller einzu­stellen. Da gibt es zum einen dieses, früher hätte man wohl gesagt: Fräulein Kranz­meier, das seinen eigenen Grabstein auf die Bühne schiebt. Außer­or­dentlich kinoaffin, vor allem, wenn es um die Klassiker geht, ansonsten reichlich emoti­ons­ver­gessen. Ihr Gegenüber ist der bezie­hungs­ge­störte Palinski, als Fernseh­me­cha­niker mögli­cher­weise ein Genie, immer allzu hilfs­bereit auch in Sachen Anruf­be­ant­worter und plötzlich auch Berater und Verhin­de­rungs­ver­sucher in Sachen Freitod.

Kristof Stößel kennt nur eine einzige Person, die für diesen Palinski in Frage kommt, und das ist Stößel. Als gebür­tiger Sachse, der vor zwei Jahrzehnten nach Wuppertal kam, traut er sich den Origi­nal­klang zu und sächselt fröhlich vor sich hin. Köstlich! Da bewegt sich ein sächsi­scher Handwerker über die Bühne, ruht gerade noch in sich selbst, bevor er die weibliche Psyche nicht versteht, verzweifelt, über sich selbst hinaus­wächst, zum Proleten wird, fast aufgibt, um sich endlich zu verlieben, immer aber die Filmklas­siker kennt. Das ist großartig und nur deshalb möglich, weil Bartram flotte, spritzige Dialoge geschrieben hat, die mit wenigen Zoten auskommen, sich nicht auf allzu bekannten oder platten Witzen ausruhen und immer auf den Punkt treffen. Hier kann man einfach mal herzhaft lachen, weil es keine Krücken und seltene Platti­tüden gibt.

Foto © O‑Ton

Gleiches gilt für Tanja Schumann. Nein, die fernseh­erfahrene Schau­spie­lerin muss nicht sächseln. Dafür viel mit den Armen wedeln, der einzige Schwach­punkt in Ahnfeldts Regie. Sie glänzt mit größt­mög­licher Profes­sio­na­lität und einer Textbe­herr­schung, die nachgerade atembe­raubend ist. Ihr Schau­spiel ist mitreißend und auf einer Augenhöhe mit Stößel. Da gelingt einem Duo der perfekte Abend über fast zwei Stunden hinweg. Wenn es zwei Schau­spielern gelingt, das Publikum mit nahezu jedem Satz zum Lachen zu bringen, muss das schon was beson­deres sein.

In der Pause muss das Publikum entscheiden, ob es ein Happy End oder eher eine tragische Variante sehen möchte. Die Wahl fällt an diesem Abend – welche Überra­schung – für das Happy End aus. Ob diese Wahl jemals anders ausfallen wird – Kristof Stößel wünscht es sich, aber jede Wahrschein­lichkeit spricht dagegen. Und was die beiden dann auf der Bühne zeigen, spricht auch wirklich gegen jede andere Wendung.

Spritzige Dialoge, großartige Darsteller und eine Komödie, die nicht an der Oberfläche hängen­bleibt: Wuppertal bekommt etwas zu lachen, das man lange nicht vergessen wird. Das Publikum tobt, feiert Schau­spieler und Regie zu Recht, ausdauernd und von Herzen. Auch an diesem Abend steht Stößel wieder mit dem Spenden­schweinchen am Ausgang. Das will er erst aufhören, wenn ein Förder­verein gegründet ist. Da steht das Publikum Schlange, um sich bei Schumann mit Handschlag und bei Kristof mit Umarmung zu bedanken und auch noch schnell ein Scheinchen ins Schweinchen zu stecken. Auch das macht Stößels Komödie aus: Man ist Teil der Familie.

Michael S. Zerban

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