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Während in den Karnevalshochburgen in der näheren Nachbarschaft wie Köln und Düsseldorf der Straßenkarneval tobt, traut sich Kristof Stößel was. Er setzt die Premiere eines Zwei-Personen-Stücks auf einen Freitagabend. Das ist mutig, wird aber belohnt. Stößels Komödie Wuppertal ist an diesem Abend ausverkauft. Und die Besucher kommen frühzeitig. Es scheint sich in der Fangemeinde herumgesprochen zu haben, dass der Catering-Anbieter das Foyer verlassen und der Theaterchef mit seiner Crew selbst die Theke erobert hat. Es gibt also jetzt kein vornehm klingendes Essen mehr, sondern Brezeln und Snacks und ein paar Getränke, dafür aber viel Platz in dem großzügigen Vorraum, der jetzt Stößchen genannt wird. Und die Besucher nehmen das neue Angebot begeistert an.
Mitten ins Herz heißt das neue Angebot im Theatersaal. Es ist die Geschichte von Sieglinde Kranzmeier, die sich gerade auf einen ganz besonderen Abend vorbereitet. Es soll nämlich der letzte ihres Lebens werden. So hat sie es beschlossen. Mit Vom Winde verweht, ihrem Lieblingsfilm, soll ihre Einsamkeit in dieser Welt ausklingen. Dem Kanarienvogel hat sie bereits die Freiheit geschenkt, die Wohnung ist aufgeräumt, die Fenster sind geputzt. Auf dem Sofa liegt eine Handfeuerwaffe bereit, fehlt nur noch der Probelauf des Fernsehers. Und der geht schief! Kein Wunder bei dem Gerät, dass eher an eine sowjetische oder polnische Baureihe aus den 1950-er Jahren erinnert. Glücklicherweise erreicht Kranzmeier den Fernseh-Notdienst. Winfried Palinski erscheint umgehend. Soweit die Ausgangssituation der Komödie von Angelika Bartram.

Regisseur Andreas Ahnfeldt hat die Handlung in eine Wohnung verlegt, die, gelinde gesagt, mit Gelsenkirchener Barock eingerichtet ist. Im Zentrum steht ein altertümliches Sofa, davor an der Rampe ein Beistelltischchen, auf dem besagter Fernseher Platz findet. Links befindet sich in dem Wohnzimmer ein Sideboard, rechts so etwas wie eine Essecke und verschiedene Abgänge führen leicht erkennbar zu Schlafzimmer, Balkon mit grüner Fototapete, einem weiteren Raum und Wohnungseingang. Zahlreiche Accessoires wie Lampen, Teewagen und künstliche Blumen lassen das Wohnzimmer, nun, sagen wir, leicht angestaubt erscheinen, was gut zu Sieglinde Kranzmeier passt, die sich vielleicht in den Mittfünfzigern befindet, also jenem Zeitpunkt, an dem Menschen anfangen, für die nachfolgenden Generationen unsichtbar zu werden.
Ahnfeldt fällt die hohe Kunst zu, in einem handlungsarmen, aber ungeheuer dialogreichen Stück für genügend Abwechslung zu sorgen. Das funktioniert überraschend gut, vor allem wohl deshalb, weil es ihm gelingt, sich auf die Charaktere der beiden Darsteller einzustellen. Da gibt es zum einen dieses, früher hätte man wohl gesagt: Fräulein Kranzmeier, das seinen eigenen Grabstein auf die Bühne schiebt. Außerordentlich kinoaffin, vor allem, wenn es um die Klassiker geht, ansonsten reichlich emotionsvergessen. Ihr Gegenüber ist der beziehungsgestörte Palinski, als Fernsehmechaniker möglicherweise ein Genie, immer allzu hilfsbereit auch in Sachen Anrufbeantworter und plötzlich auch Berater und Verhinderungsversucher in Sachen Freitod.
Kristof Stößel kennt nur eine einzige Person, die für diesen Palinski in Frage kommt, und das ist Stößel. Als gebürtiger Sachse, der vor zwei Jahrzehnten nach Wuppertal kam, traut er sich den Originalklang zu und sächselt fröhlich vor sich hin. Köstlich! Da bewegt sich ein sächsischer Handwerker über die Bühne, ruht gerade noch in sich selbst, bevor er die weibliche Psyche nicht versteht, verzweifelt, über sich selbst hinauswächst, zum Proleten wird, fast aufgibt, um sich endlich zu verlieben, immer aber die Filmklassiker kennt. Das ist großartig und nur deshalb möglich, weil Bartram flotte, spritzige Dialoge geschrieben hat, die mit wenigen Zoten auskommen, sich nicht auf allzu bekannten oder platten Witzen ausruhen und immer auf den Punkt treffen. Hier kann man einfach mal herzhaft lachen, weil es keine Krücken und seltene Plattitüden gibt.

Gleiches gilt für Tanja Schumann. Nein, die fernseherfahrene Schauspielerin muss nicht sächseln. Dafür viel mit den Armen wedeln, der einzige Schwachpunkt in Ahnfeldts Regie. Sie glänzt mit größtmöglicher Professionalität und einer Textbeherrschung, die nachgerade atemberaubend ist. Ihr Schauspiel ist mitreißend und auf einer Augenhöhe mit Stößel. Da gelingt einem Duo der perfekte Abend über fast zwei Stunden hinweg. Wenn es zwei Schauspielern gelingt, das Publikum mit nahezu jedem Satz zum Lachen zu bringen, muss das schon was besonderes sein.
In der Pause muss das Publikum entscheiden, ob es ein Happy End oder eher eine tragische Variante sehen möchte. Die Wahl fällt an diesem Abend – welche Überraschung – für das Happy End aus. Ob diese Wahl jemals anders ausfallen wird – Kristof Stößel wünscht es sich, aber jede Wahrscheinlichkeit spricht dagegen. Und was die beiden dann auf der Bühne zeigen, spricht auch wirklich gegen jede andere Wendung.
Spritzige Dialoge, großartige Darsteller und eine Komödie, die nicht an der Oberfläche hängenbleibt: Wuppertal bekommt etwas zu lachen, das man lange nicht vergessen wird. Das Publikum tobt, feiert Schauspieler und Regie zu Recht, ausdauernd und von Herzen. Auch an diesem Abend steht Stößel wieder mit dem Spendenschweinchen am Ausgang. Das will er erst aufhören, wenn ein Förderverein gegründet ist. Da steht das Publikum Schlange, um sich bei Schumann mit Handschlag und bei Kristof mit Umarmung zu bedanken und auch noch schnell ein Scheinchen ins Schweinchen zu stecken. Auch das macht Stößels Komödie aus: Man ist Teil der Familie.
Michael S. Zerban