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Es ist erstaunlich, welchen Aufschwung die Wuppertaler Oper in kurzer Zeit unter der neuen Leitung von Generalintendant Berthold Schneider nehmen konnte. Nach einem so anspruchsvollen wie anstrengenden Kraftakt mit Heiner Goebbels Surrogate Cities/Götterdämmerung zum Saisonauftakt ist ein wenig Entspannung erlaubt. Die gönnt sich Wuppertal mit der Übernahme einer kunterbunten und munteren Inszenierung von Frederick Loewes seit 1956 ungebrochen erfolgreichem Musical My Fair Lady vom Pfalztheater Kaiserslautern.
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Die Geschichte um den ehrgeizigen Sprachforscher Professor Higgins, der mit allen Mitteln das in schlimmstem Slang des Londoner Marktviertels Covent Garden polternde Blumenmädchen Eliza Doolittle in kurzer Zeit zur sprachlich elaborierten „Herzogin“ drillen will, glänzt und schillert in der Inszenierung von Cusch Jung wie ein schön verpacktes Weihnachtsmärchen. Das Auge bekommt viel zu sehen, gesungen wird ordentlich und der Genre-erfahrene Regisseur lässt es sich nicht nehmen, die Tanzszenen selbst und das mit flottem Händchen einzustudieren.

An Humor fehlt es der Produktion nicht, was zu einem beträchtlichen Teil der überragenden komödiantischen Leistung von Nadine Stöneberg als Eliza zu verdanken ist, die gleichermaßen virtuos als proletarische „Rinnsteinpflanze“ wettert und zur gesellschaftsfähigen Grande Dame mutiert. Und das mit Musical-gestählter Stimme und vollem Körpereinsatz in Spiel und Tanz. Die Erwartungshaltungen werden voll erfüllt, wenn Eliza ihre verzweifelten Sprechübungen absolviert und sich in Ascot zunächst blamiert. Der Unterhaltungswert der Inszenierung ist hoch. Allerdings bleibt alles in einem harmlos verspielten Rahmen gefangen. Dass Professor Higgins Erziehungsversuche von einem bösen Standesdünkel getragen werden, ohne den Charme und Wert der urwüchsigen Dialekte oder gar der Menschen erkennen zu können oder wollen, das bleibt außen vor. Die sozialkritische Botschaft George Bernard Shaws geht zudem in der romantisch verzuckerten Kulisse, mit der Christoph Weyers den sozialen Zündstoff im Proletarierviertel von Covent Garden übertüncht, und in den blitzsauberen, liebevoll kreierten Kostümen von Sven Bindseil verloren. Ohne den ironischen Biss Shaws wirkt das Stück, trotz der schwungvollen Musik, leicht angestaubt. Erst recht, wenn berlinert wird wie in einem Film der 1950-er Jahre.
Dass der Abend dennoch nicht an Schwung verliert, dafür sorgt Michael Cook am Pult des kraftvoll zupackenden Wuppertaler Sinfonieorchesters. Cook erweist sich als Kenner des Genres, der von walzerseligen Tönen bis zu energiereichen Chorattacken die Fäden fest in Händen hält.
Das vorwiegend mit Gästen besetzte Ensemble führt eindeutig die in jeder Sekunde und jedem Takt präsente Nadine Stöneberg als Eliza. Thomas Braus wirkt als Professor Higgins ohne die chauvinistische Schärfe, die die Partie braucht, profilarm. Sebastian Campione glänzt als Elizas Vater, der das derbe, aber gutmütige Herz auf dem rechten Fleck trägt; Dagmar Hessenland überzeugt mit einem schillernden Rollenporträt der vornehmen, aber längst nicht so chauvinistisch wie ihr Sohn angehauchten Mrs. Higgins. Nahezu alle Rollen sind vorzüglich besetzt, der Chor sorgt für Bühnenleben wie auch das Extra-Ballett der Wuppertaler Bühnen.
Das rechte Stück, um in der bevorstehenden Weihnachtszeit die Kassen klingeln zu lassen. Der Wuppertaler Oper sei es ebenso gegönnt wie dem begeisterten, aber während der Vorstellung recht redseligen Publikum.
Pedro Obiera