O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
NEUJAHRSKONZERT
(Diverse Komponisten)
Besuch am
1. Januar 2025
(Einmalige Aufführung)
Sinfonieorchester Wuppertal, Historische Stadthalle Wuppertal
Allerorts stehen auf Programmen von Neujahrskonzerten schwungvolle, allseits bekannte Nummern wie Walzer, Märsche, Polkas oder Galopps. Auch das Sinfonieorchester Wuppertal lässt sich nicht lumpen und bietet zum allseitigen Ergötzen eine Auswahl solcher Nummern. Doch es beschränkt sich nicht nur darauf, sondern präsentiert darüber hinaus auch gehobene Werke. Dieses Mal hat es mit Friedrich Haider einen Dirigenten eingeladen, der ein ausgewiesener Spezialist in Sachen Leben und Werk des deutsch-italienischen Komponisten Ermanno Wolf-Ferrari ist. Es wundert also nicht, dass er eine kleine Auswahl seiner Tonschöpfungen mit im Gepäck hat, um im ausverkauften Großen Saal der Historischen Stadthalle auch in Wuppertal die Musik des in Vergessenheit geratenen Künstlers bekannt zu machen.

Der Komponist, Sohn des deutschen Malers August und der Venezianerin Emilia Ferrari und 1876 im Geburtsregister als Herrmann Friedrich Wolf eingetragen, fügte ab 1895 den Geburtsnamen seiner Mutter hinzu und änderte seinen Vornamen in Ermanno. Zu Lebzeiten, gerade um die Jahrhundertwende, stand er hoch im Kurs. Laut Haider, der kurz in sein Leben und Werk einführt, gehörte er zu den sechs Komponisten, deren Opern am meisten aufgeführten wurden. Um seine Person machte er kein Aufhebens, war er doch ein sehr bescheidener und zurückhaltender Mensch. Er mied die laute Welt. Neben der Musik war die Philosophie seine Lieblingsbeschäftigung. Seine nachromantische Musiksprache ist unproblematisch, schwerelos, glatt und sehr eingängig, also ohne Ecken und Kanten. Seine Stücke sprießen vor melodischem Einfallsreichtum. Seinem Stil blieb er bis zu seinem Tod anno 1948 treu. Er machte also neue zeitgenössische Kompositionstechniken nicht mit. Obwohl seine Musik sehr eingängig ist, war er keineswegs erpicht darauf, dass sie gefällt – ganz im Gegensatz zu dem ein oder anderen modernen Tonschöpfer. Vielmehr war es seine tiefe innere Überzeugung, gesellschaftliche beziehungsweise soziale Aspekte mit all ihren Höhen, Tiefen und Konflikten nicht in Töne zu fassen. In dem hier und jetzt mit all seinen Kriegen und menschlichen Polarisierungen lädt seine Musik dazu ein, einmal abzuschalten von den alltäglichen Problemen und es sich etwa mit einem leckeren Getränk entspannt gut gehen zu lassen.

Dazu können also auch Neujahrskonzerte passen, bei denen entspannt-beschwingter Hörgenuss im Vordergrund steht. Zumindest während der ersten drei kurzen Nummern aus drei seiner Opern – Intermezzo aus Die vier Grobiane, Ouvertüre zu Susannas Geheimnis und Intermezzo Nr. 2 aus Der Schmuck der Madonna – kann man sich wohlig zurücklehnen. Dafür sorgen die bestens disponierten städtischen Sinfoniker, die unter Haiders umsichtiger Stabführung mit vielfältigen nuancierten Klangbildern überzeugen. Beim seinem Violinkonzert in D‑Dur hört man gebannt und konzentriert zu. Das liegt in erster Linie am Solisten Benjamin Schmid, der ganz kurzfristig für den laut Orchestermanager Raimund Kunze erkrankten Alban Beikircher einspringt. Es ist zwar ebenso ein rundum schönes Stück, voller gefälliger musikalischer Linien, reizender Rhythmen oder Klangfarben. Vom Orchester feinfühlig begleitet, brilliert der Geiger mit großen musikalischen Bögen und selbst an sehr heiklen, hochvirtuosen Stellen mit einer entspannt-sonoren, sensiblen, nie in den Kitsch verfallenden Tongebung, die in ihren Bann zieht.
Nach diesem Wolf-Ferrari-Block wird der Frohsinn richtig groß geschrieben. Schwungvoll werden die Polka aus Bedřich Smetanas Oper Die verkaufte Braut und ein Walzer aus der Feder von Antonín Dvořák zu Gehör gebracht. Schmissig geht es bei Johann Strauss Sohn mit der Polka Nur nicht mucken, dem Walzer Tausend und eine Nacht und der Ouvertüre zu Der Zigeunerbaron zur Sache. Der Seufzer-Galopp von Johann Strauss Vater ist Anlass für die Sinfoniker, bei den für sie vom Dirigenten gewollten übertriebenen Betonungen des Seufzer-Motivs zu streiken. Kurz vor Schluss hören sie auf zu spielen, während Haider vergeblich wild durch die Gegend fuchtelt. Schließlich hat der Konzertmeister ein Einsehen und gibt das Signal zum Schlussakkord. Neben dem kleinen Spaß kommen außerdem dynamisch-beschwingt die Polka Kleine Chronik von Eduard Strauss und von Joseph Hellmesbergers die Polka Unter vier Augen sowie der Galopp Kleiner Anzeiger von der Bühne.
Das Publikum zeigt sich begeistert und feiert vor der Pause Schmid wie am Schluss Orchester und Dirigent mit nicht enden wollenden, stehenden Ovationen. Ohne Sorgen, eine Polka von Josef Strauss, lässt als Zugabe die rund drei Stunden Kurzweil lebendig ausklingen.
Hartmut Sassenhausen