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LES NOCES – OEDIPUS REX
(Igor Strawinsky)
Besuch am
15. September 2019
(Premiere)
Strawinskys Oedipus Rex in Wuppertal, Hindemiths Cardillac in Hagen, eine neue Version von Wagners Nibelungen-Ring in Aachen und Sciarrinos Infinito Nero in Bonn: Was die Programmgestaltung angeht, mangelt es unseren Opernhäusern und insbesondere den kleineren unter ihnen beileibe nicht an Risikobereitschaft. Zumindest nicht zum Saisonauftakt. Den Reigen eröffnet das Wuppertaler Opernhaus mit zwei Werken Igor Strawinskys, der Tanzkantate Les Noces – Die Hochzeit – und dem Opernoratorium Oedipus Rex – König Ödipus – die der russische Regisseur Timofey Kulyabin zu einer geschlossenen Geschichte verknüpft. Les Noces, Strawinskys 1923 in Paris uraufgeführte „Tanzkantate“, deutet Kulyabin als Hochzeitszeremoniell, bei dem sich Ödipus und dessen Mutter Iokaste das Ja-Wort geben. Ein wildes, rhythmisch brutales Stück für vier perkussiv strapazierte Klaviere und riesiges Schlagwerk mit einer gewaltigen Chorpartie, strukturiert als wüste Folge von Tänzen und Gesängen, mit denen Strawinsky alte russische Hochzeitsbräuche aufleben lassen wollte. Bei Kulyabin klammert sich die offensichtlich aus Flüchtlingen und Emigranten bestehende Hochzeitsgesellschaft mit fanatischer Leidenschaft an derartige Traditionen, die ihnen Halt und Orientierung geben. Und Oedipus selbst steigt zum Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft auf.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Dieser Aufgabe soll der König nach der Pause in Strawinskys 1928 in Wien uraufgeführtem Opernoratorium Oedipus Rex gerecht werden, indem man von ihm erwartet, das von der Pest heimgesuchte Theben zu erlösen. So steht es bei Sophokles wie auch in der für Strawinsky gestrafften Version Jean Cocteaus. Dass der Fluch der Götter Oedipus dazu verdammt, aus extremer Fallhöhe vom Volkshelden zum Verbrecher zu stürzen, der, wenn auch unbewusst, seine eigene Mutter heiratet, seinen Vater tötet und sich selbst als Täter überführen muss, um Theben von der Pest befreien zu können, darauf möchte sich der Regisseur freilich nicht einlassen. Götter, Fluch und den Kern einer jeden antiken Tragödienhandlung, in der der unschuldige Held unentrinnbar schuldig wird, interessieren Kulyabin nicht. Er inszeniert die Tragödie als bewussten Racheakt des Titelhelden an seinen Eltern, die ihn einst als Kind ausgesetzt haben. Inzest und Vatermord, auch der Tod der Mutter gehören zu den kalkulierten Vergeltungsschlägen des Königs.

Eine diskutable Idee, die Kulyabin freilich durchaus noch deutlicher herausarbeiten könnte. Dafür geht es jedoch auf der Bühne zu turbulent zu. Der Chor ist nicht nur ständig anwesend, sondern auch stets aktiv und versperrt die Sicht auf die Protagonisten ebenso wie das mehrfach geteilte Bühnenbild von Oleg Golovko mit einer winzigen, aber dramaturgisch wichtigen Schlafkammer und einem Verhörzimmer, in dem der geblendete Oedipus die Handlung wie eine Rückblende Revue passieren lässt. Es gibt viel zu sehen, darunter auch viel Ablenkendes, das nicht zur statischen Oedipus-Musik Strawinskys passen will, mit der die Solisten samt ihrem raffinierten Stilmix aus hart skandierten Rezitativen und ironisch angehauchten Anleihen an italienische Opern-Traditionen bewusst überdeutlich ins Rampenlicht gestellt werden könnten.
Dadurch kommen auch die vokalen Leistungen der Sänger weniger wirkungsvoll zur Geltung als möglich. Dabei interpretiert Mirko Roschkowski mit seinem hellen, makellos ansprechenden Tenor die vertrackten Koloraturen der Titelpartie elegant und mühelos, während Almuth Herbst der Iokaste durchaus rollengerecht robustere Züge verleiht. Simon Stricker bleibt den Anforderungen des Kreon nichts schuldig, auch wenn sein Bariton ein wenig mehr Volumen verströmen könnte. Sebastian Campione als Teiresias, Sangmin Young als Hirte und Ralitsa Ralinova als Sängerin in Les Noces runden das insgesamt vorzügliche Ensemble ab. Johannes Pell sorgt mit den Chören der Wuppertaler Bühnen und dem Wuppertaler Sinfonieorchester für rhythmische Präzision.
Großer Beifall für einen hochwertigen Saisonauftakt, der zugleich eine gehörige Dosis an Diskussionsstoff bereithält.
Pedro Obiera