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PATRICIA KOPATCHINSKAJA UND ORCHESTRE DES CHAMPS-ÉLYSÉES
(Robert Schumann, Johannes Brahms, Salvatore Sciarrino)
Besuch am
5. Mai 2024
(Einmalige Aufführung)
Die Kulturabteilung der Firma Bayer lässt sich nicht lumpen, wenn es um ihr alljährlich im Frühjahr stattfindendes Start-Festival geht. Denn sie sorgt dafür, dass sich namhafte Künstler und Ensembles an den Standorten etwa in Leverkusen, Wuppertal und Berlin ein Stelldichein geben. Dazu gehören auch die Violinistin Patricia Kopatchinskaja, das Orchestre des Champs-Élysées und der Dirigent Philippe Herreweghe, die zur ersten Wuppertaler Festival- Veranstaltung des Jahres in der Historischen Stadthalle kommen. Ein gehaltvolles romantisches Programm haben sie mitgebracht, das nicht jeden klassischen Musikfan auf dem Johannisberg lockt. Denn im Großen Saal sind etliche Stühle nicht besetzt.

Zum einen ist es das einzige Violinkonzert von Robert Schumann. Seine Rezeptionsgeschichte kann getrost als misslich bezeichnet werden. Er vollendete es am 1. Oktober 1853. Zwei Tage später war die Instrumentierung fertig, tags darauf der Klavierauszug. Doch zu einer Uraufführung kam bis weit nach seinem Tod am 29. Juli 1956 nicht. Statt der geplanten Premiere am 27. Oktober 1853 in Düsseldorf wurden andere Werke aufs Konzertprogramm gehoben. Im darauffolgenden Januar fand zwar eine Probe in Hannover statt. Das war es dann auch schon. Denn der für die Aufführung zuständige Geigenvirtuose Joseph Joachim, in diesem Fall auch Dirigent, fiel unverhofft wegen eines „müden“ Arms aus. Schumanns Frau Clara und Joachim entschlossen sich nach seinem Tod, das Opus nicht zu veröffentlichen. Nach Joachims Ableben erbte sein Sohn Johanes die Notenblätter. Unter der Bedingung, sie nicht vor 1956 – also 100 Jahre nach Schumanns Tod – zu publizieren, verkaufte er 1907 das Autograf an die Preußische Staatsbibliothek. Doch bereits 30 Jahre später wurde das Werk als „deutscher“ Ersatz für das abgesetzte Violinkonzert des als Juden gebrandmarkten Felix Mendelssohn Bartholdy von den Berliner Philharmonikern unter Karl Böhm mit dem Geiger Georg Kulenkampff aus der Taufe gehoben. Anlass war eine NS-Veranstaltung, auf der Joseph Goebbels eine Rede schwang. Obwohl sich nach dem Zweiten Weltkrieg etliche namhafte Musiker für das Violinkonzert stark machten, wurde es nur gelegentlich aufgeführt, unter anderem wegen der Zweckentfremdung durch die NS-Propaganda. Erst allmählich fand eine Rehabilitierung statt. Seit rund 25 Jahren gibt es ein Comeback. Und erst 2010 erschien die revidierte bis heute gültige Ausgabe.
Es wurde und wird viel über das Werk ohne Opuszahl spekuliert. Auch waren die Bewertungen über die drei Sätze – in kräftigem, nicht zu schnellem Tempo; langsam; lebhaft, doch nicht zu schnell – nicht immer positiv. Joachim war der Meinung, dass der hohe technische Anspruch und der musikalische Gehalt voneinander abweichen. Für Clara passte der tänzerisch-heitere Schlusssatz nicht zur katastrophalen Situation der letzten Jahre ihres Gatten. Generell neigte man zu der Behauptung, man könne an der Tonschöpfung Zeichen seines geistigen Verfalls erkennen. Auch dieser dem Werk dadurch sehr lange anhaftende Schatten sorgte bis zur vorurteilsfreien Herangehensweise vor rund 50 Jahren für einen faden Beigeschmack. So brauchte es lange, bis sich das Stück durchsetzen konnte.

Dass Kopatchinskaja hin und wieder live mit extravaganten Interpretationen für Diskussionsstoff sorgt, ist bekannt. So könnten auch wegen ihrer Sichtweise auf dieses Konzert in d‑Moll die Meinungen geteilt sein. Sie legt wenig Wert auf eine lyrisch-romantische Tongebung. Die vielschichtige emotionale Musiksprache von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt, die euphorischen Momente, der Weltschmerz, die freudige Ausgelassenheit drückt sie nur ab und an aus. Stattdessen packt sie fest und wild zu, achtet wenig auf schöne Klänge und große Gefühle. Schlank, nahezu blass und kaum wahrnehmbar sind die Töne einerseits, andererseits hart, unnachgiebig schrill-eruptiv. Ihr Spiel nimmt streckenweise gespenstische, übernatürliche Züge an. Ob diese Haltung im Sinn Schumanns ist? Jedenfalls ist sie nachvollziehbar, als sie vor der Zugabe erklärt, beim Komponieren seien Engel, auch von Geistern spricht sie, um ihn herum gewesen. Deshalb spielt sie nun aus den Sei capricci per Violino Solo, entstanden 1975⁄76, des 1947 geborenen italienischen Komponisten Salvatore Sciarrino ein Stück. Es ist die hochvirtuose Nummer zwei mit der Vortragsbezeichnung Andante. Sämtliche hochgradig schweren zeitgenössischen Spieltechniken wie mannigfaltige Flageolett-Techniken und Tremoli werden verlangt. Sie ist eine differenzierte Studie über Klang, Atmosphäre, Stimmung und Farbe. Es flimmert und flirrt ununterbrochen so, als würden überirdische Wesen durch den Raum schwirren.
Ohne eigene Akzente zu setzen, wird sie akkurat vom Orchestre des Champs-Élysées begleitet. Bei Schumanns zuvor gespielter Ouvertüre in d‑Moll zu Szenen aus Goethes Faust traut man seinen Ohren nicht ob der manchmal nervösen Bogenführung der ersten Geigengruppe, die so eine harmonischen Gesamtklang vermissen lässt. Auch an den musikalischen Gegensätzen, die die literarische Person widerspiegeln, kann man noch deutlich vernehmbarer feilen. Das Orchester ist bekanntlich spezialisiert auf die historische Aufführungspraxis, spielt auf Instrumenten der jeweiligen Musikepoche, in diesem Fall der Romantik. Diese Tongebung kommt heute Abend auch vollends zur Geltung. Nur wirkt die Spielweise der erstklassigen Sinfoniker blass, uninspiriert. Vielleicht liegt das Manko auch an Philippe Herreweghe, der ein paar Tage zuvor 77 Jahre alt geworden ist. Denn mit nur sehr spärlichen Hand- und Armbewegungen und zu wenig Gestaltungswillen lotst er am Dirigentenpult durch die Partituren. So kommt abschließend die dritte Sinfonie von Johannes Brahms zwar sauber gespielt, doch wenig aussagekräftig, zu antriebs‑, kraft- und lieblos von der Bühne.
Dessen ungeachtet freut sich das Publikum, die bekannten Musiker leibhaftig erleben zu dürfen und feiern sie mit frenetischem Beifall und stehenden Ovationen.
Hartmut Sassenhausen