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Pianistische Sternstunde

SEONG-JIN CHO
(Maurice Ravel, Franz Liszt)

Besuch am
1. Juli 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Klavier-Festival Ruhr, Histo­rische Stadt­halle Wuppertal

Es kommt sehr selten vor, dass auf Programmen von Klavierre­zitals ausschließlich Literatur steht, die an Pianisten aller­höchste Ansprüche stellt. Denn in der Regel wird zwischen­durch zumindest ein Stück bezie­hungs­weise Satz entspannten Charakters gespielt. Doch dieser Abend im nicht ausver­kauften Großen Saal der Histo­ri­schen Stadt­halle bildet im Rahmen des Klavier-Festivals Ruhr solch eine große Ausnahme. Denn es wird ein Programm geboten, das Pianisten wegen des extrem hohen Schwie­rig­keits­grads technisch und musika­lisch keine Sekunde zur Ruhe kommen lässt. Es ist der 30-jährige Südko­reaner Seong-Jin Cho, der sich den Heraus­for­de­rungen stellt und sie brillant meistert. Vor neun Jahren gewann er den ersten Preis des renom­mierten Inter­na­tio­nalen Chopin-Wettbe­werbs. Von Stund‘ an ging seine Karriere steil nach oben. In der kommenden Spielzeit ist er Artist in Residence der Berliner Philhar­mo­niker. Eine solche Berufung kann als ein Ritter­schlag bezeichnet werden. Nun kommt er gegen Ende der Saison mit Werken von Maurice Ravel und Franz Liszt nach Wuppertal und wird den allerorts zu hörenden Lobes­hymnen über ihn voll gerecht.

Foto © Christian Palm

Schlicht betritt er die Bühne, verbeugt sich kurz, setzt sich an das Instrument, geht kurz in sich und beginnt wie selbst­ver­ständlich mit Ravels Sonatine. Außer­or­dentlich durch­sichtig, licht sowie diffe­ren­ziert-erregt im Finale kommt das Stück wie aus einem Guss von der Bühne. Die sich anschlie­ßenden Valses nobles et senti­men­tales des franzö­si­schen Impres­sio­nisten verlangen erstklassige Klavier­tech­niken, die Cho spiele­risch leicht zu beherr­schen scheint: etwa weite Sprünge, große Griffe im zügigen Tempo, feiner Umgang mit den Pedalen, wiesel­flinke Änderung der Position der rechten Hand, eine singende Stimme im Diskant und ständige Wechsel der Anschlags­kultur. Die achtteilige Suite präsen­tiert Cho sehr flüssig, achtet auf jede noch so kleine Vortrags­an­weisung. Die unter­schied­lichen Charaktere der Walzer bringt er glasklar zum Ausdruck. Ravels Gaspard de la nuit, explizit der Schluss-Satz, gilt mit als eins der schwie­rigsten Solostücke für Klavier überhaupt. Auch hier gelingt dem Pianisten alles perfekt. Die düster diffusen, teils melan­cho­li­schen Stimmungs­bilder des Kopfsatzes, die unerbittlich pochenden Töne b bezie­hungs­weise ais, die eine in Glocken­geläut versin­kende makabre Landschaft im Binnenteil symbo­li­siert und die ganze Zerfah­renheit des Finales, das der Komponist einmal als eine Karikatur auf die Romantik bezeichnete, kommen lupenrein aus dem Tasteninstrument.

Die Deuxième Année: Italie aus Franz Liszts Années de pèlerinage sind nicht minder gehalt- und anspruchsvoll. Äußerst hohe Virtuo­sität und eine tiefe Auslotung des reich­hal­tigen emotio­nalen Gehalts sind auch hier vonnöten, um die sieben Teile plausibel zu vermitteln. Hochgradig schwer ist beispiels­weise das immer wieder abrupte Wechseln von aggressiv-gewal­tigen Ton- wie Akkord­kas­kaden und in sich gekehrter Poesie. Der Parforceritt gelingt Cho ebenfalls ohne die kleinsten Anzeichen von Ermüdungs­er­schei­nungen mit Bravour. Im Auditorum könnte man eine Steck­nadel fallen hören, derart klar und ergreifend, versehen mit sehr großen Spannungs­bögen, wird die große Palette an musika­li­schen Farb- und Stimmungs­bildern zu Gehör gebracht.

Die letzte Note ist noch nicht vollständig verklungen, als frene­ti­scher Beifall anhebt. Niemanden hält es mehr auf den Sitzen. Unzählige Kamera-Apps hatten extrem viel zu tun. Bescheiden nimmt der Pianist die stehenden Ovationen entgegen. Zunächst bedankt er sich dafür mit Robert Schumanns Träumerei aus dem Klavier­zyklus Kinder­szenen opus 15. Traumhaft schön innig gestaltet er diese siebte der dreizehn Nummern. Es hört nicht auf mit den Jubel­stürmen. Also setzt er sich noch einmal an den Konzert­flügel und spielt Joseph Haydns Finalsatz mit dem Titel Innocen­te­mente – auf Deutsch: unschuldig – und der Vortrags­be­zeichnung Molto vivace der Sonate in e‑Moll Hob. XVI:34. Es handelt sich um ein Rondo über ein volks­tüm­liches Thema. Cho spielt das Stück gekonnt mit einer trockenen Tongebung und imitiert somit annährend den Klang eines Cembalos, das zur Zeit des Kompo­nisten das geläu­figste Tasten­in­strument war. Erst danach, als die Saalbe­leuchtung angeht, ebben die Lobes­hymnen ab. Flugs bildet sich im Foyer eine ellen­lange Warte­schlange vor dem Autogramm­tisch. Geduldig warten die Fans fast ausschließlich fernöst­licher Herkunft auf das Erscheinen des Pianisten, um eine Unter­schrift zu ergattern.

Hartmut Sassen­hausen

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