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DIE THERAPIE
(Sebastian Fitzek)
Besuch am
12. April 2024
(Premiere am 7. April 2024)
Als 2006 Sebastian Fitzeks Debütroman Die Therapie erschien, ging ein Raunen durch Deutschland. Hatte das Land endlich seinen eigenen Stephen King? Seine ersten Bücher begeisterten die Menschen, weil sie stilistisch packend, voller Raffinesse und mit überraschenden Wendungen vollgepackt waren. Inzwischen erinnern seine Werke eher an Splatter-Romane, die man in ihrer Plattheit eigentlich nicht mehr braucht. Aber noch verkauft der Name des Schriftstellers. Und zieht auch das Publikum im Theater an. 2016 wurde Die Therapie im Berliner Kriminal-Theater erstmals als Theaterfassung gezeigt.
Jetzt bringt das K4 Theater für Menschlichkeit in Wuppertal das Stück auf die eigene Bühne. K4 steht für die Betreiber des Theaters. Das ist die Familie Köhler mit Papa Kris Köhler, Mama Mona Köhler und den beiden Töchtern Lina und Elli, die ihr kleines, aber feines Theater mit ungeheurem Engagement im Stadtteil Elberfeld befeuern. Wenn solch eine kleine Bühne sich einen derart großen Namen an die Brust heftet, gibt es im Grunde nur zwei Möglichkeiten. Die Aufführung ist ein Mumpitz, und künftig wird das Theater als zweit- bis drittklassig gelten, um nicht zu sagen: Das war’s. Oder es gelingt eine überzeugende Aufführung, die dem Stück gerecht wird. Dann sollte der Grundstein für dauerhaft ausverkaufte Aufführungen gelegt sein. Am Abend der zweiten Aufführung stehen die Leute Schlange, der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt. Etwa ein Fünftel der Besucher haben sich vom Namen des Autors anlocken lassen und sind zum ersten Mal hier. Glücklicherweise ist offenbar keiner dabei, der den Inhalt des Buches explizit kennt. Bekanntlich muss jede Bühnenversion eine Strichfassung sein, soll das Stück innerhalb von zwei Stunden gezeigt werden können. Und da ist es keine gute Empfehlung, die Aufführung am Buch zu messen, sondern als eigenständiges Werk zu betrachten.
Die Ausgangssituation hingegen sollte den meisten geläufig sein. Die zwölfjährige Tochter des „Star-Psychiaters“ Viktor Larenz verschwindet unter mysteriösen Umständen. Larenz zieht sich auf die fiktive Nordsee-Insel Parkum zurück, um zur Ruhe zu kommen. Dort taucht Anna Spiegel auf – man braucht kein heller Kopf zu sein, um das Palindrom und die „Spiegelfunktion“ zu erkennen, nur einordnen kann man es zu Beginn sicher noch nicht – um sich von dem Arzt therapieren zu lassen. Das schlechter werdende Wetter verhindert die geplante Abreise der „Patientin“ und allmählich eskaliert die Situation. Gegen Ende wird der Zeitpunkt kommen, an dem das Publikum die Handlung nicht mehr versteht, den Kopf schüttelt und sich ärgert, dass der bis dahin spannende Verlauf so abstrus wird. Das ist einen Moment vor der Katharsis. Dann heißt es: durchhalten. Viel mehr sollte der Besucher auch nicht wissen, wenn er sich auf den Abend einlässt.

Die Bühne zeigt gekonnt das Interieur eines Ferienhauses. Auf der linken Seite ist das Wohnzimmer zu sehen mit einem kleinen Schreibtisch, einer Kommode und einer Chaiselongue, dessen Hintergrund mit einem Vorhang abschließt, der den Abgang zum Garten verbirgt. Das Wohnzimmer ist etwas höhergelegt. Auf der rechten Seite führt ein Gang zu einem weiteren Vorhang, hinter dem sich, wie aus dem Text deutlich wird, Bad, Küche und Schlafzimmer befinden. Das Telefon, das auf dem Schreibtisch einen prominenten Platz findet, wird eine zentrale Rolle in der Verbindung zur Außenwelt spielen. Die Telefonpartner werden von der Festplatte eingespielt. Peter Steinmeyer spricht den mit Larenz befreundeten Privatdetektiv, Stefan Keim verkörpert mit seiner Stimme den Kollegen und Praxisnachfolger des Psychiaters. Eine besondere Herausforderung für den Protagonisten, der live seinen Text passend in die Pausen sprechen muss. Für Kris Köhler offenbar eine seiner leichteren Übungen.
Dabei ist die Überraschung erst mal groß, wenn man den Schauspieler ansonsten als überaus professionell und souverän kennt. Der Typ da auf der Bühne turnt nervös herum, holt sich unmotiviert permanent Getränke, wird mitunter geradezu hysterisch in der Stimme. Das ist nun wirklich nicht der Köhler, den man als Darsteller schätzt. Aber merke: Hier ist nichts so, wie es scheint, also auch die Hauptfigur nicht. Erst rückblickend wird man verstehen, welchen großartigen Auftritt Köhler hier eigentlich hinlegt. Ganz anders Mona Köhler als Anna Spiegel im blutroten Gewand, die die Handlung überzeugend zu beherrschen scheint. Selbst Nils Findling wirkt glaubhafter als Bürgermeister Halberstaedt, der sich ständig um das Wohlergehen Larenz‘ sorgt. Und doch ist gerade er es, der für die größte Schwäche des Abends sorgt, wenn er in trockener Kleidung aus dem Sturm kommt, der über die Insel fegt. Da hätte ein Eimer Wasser hinter der Bühne für Glaubwürdigkeit sorgen können, den man ihm über den Parka geschüttet hätte.
Am Ende des Abends bescheinigt das Publikum den Darstellern, dass sie Die Therapie nicht nur packend auf die Bühne übersetzt, sondern so manchem auch Respekt vor der Wirkung von Psychopharmaka eingeflößt haben. Eine fesselnde Inszenierung von Anfang bis Ende. Ach ja, und was die kleinen Theater angeht, die sich große Autorennamen auf die Brust schreiben: Hier in Wuppertal dürfen sie sich auch gleich noch ein paar Orden ans Revers heften.
Michael S. Zerban