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Bedrohlich betörend

THUMBPRINT
(Karmala Sankaram)

Besuch am
20. Juni 2025
(Premiere)

 

Wupper­taler Bühnen, Opernhaus

Zum Abschluss der Spielzeit hat Inten­dantin Rebekah Rota die Kammeroper Thumbprint der ameri­ka­ni­schen Kompo­nistin Karmala Sankarams gewählt und damit ein weiteres Mal schreiende Ungerech­tigkeit in dieser Welt zum Thema gemacht. Die deutsche Erstauf­führung widmet sich basierend auf einem Libretto von Susan Yankowitz der unglaub­lichen Geschichte der jungen Pakistani Mukhtar Mai, die im Namen des Stammes­rates von vier Männern 2002 verge­waltigt wird – und sich weigert, diese Schande durch Selbstmord auszulöschen.
Sie begehrt auf, sie zieht vor Gericht und sie begreift, wie vielen Frauen und Mädchen in ihrem Land das Gleiche wider­fährt, nur weil sie ihr Recht nicht kennen und artiku­lieren können. Sie kämpft für Bildung und eine Mädchen­schule im Dorf. Ihre Peiniger werden verur­teilt, doch nur zwei Jahre später hebt ein Gericht das Urteil wieder auf. Der wütende Protest inter­na­tio­naler Organi­sa­tionen macht aus dem Fall Mukhtar Mai eine pakista­nische Staats­affäre – und aus der mutigen Frau eine der meist­ge­hörten Stimmen ihres Landes. Gegen eiserne Tradi­tionen, gegen die Mächtigen, gegen ihre eigene Scham kämpft Mukhtar Mai – und für ihre Ehre, für ihr Leben und das der Frauen in Pakistan.

Bald nach ihrer Verge­wal­tigung gründet sie mit der Entschä­di­gungs­zahlung, die sie von der Regierung erhält, die Mukhtar-Mai-Stiftung, die Möglich­keiten der medizi­ni­schen Versorgung, kostenlose Rechts­be­ratung, Unter­künfte für Frauen, eine Klinik, eine öffent­liche Bibliothek sowie eine Schule für Mädchen und eine für Jungen unterhält. Fünf der sechs Verur­teilten sind mittler­weile frei, und Mukhtar Mai fürchtet wieder um ihr Leben.

Auf den ersten Blick scheint Thumbprint eine weitere zeitge­nös­sische Oper zu sein, die sich mit Schuld, Vergebung und Hoffnung ausein­an­der­setzt. In der nun zu Ende gehenden Spielzeit gab es am Musik­theater im Revier Innocence von Kaija Saariaho, in Hagen American Mother von Charlotte Bray.  Ähnlich aufwüh­lende Zusam­men­hänge, aber doch sehr unter­schiedlich in der Form der musika­li­schen Umsetzung. Bestimmend für die Kammeroper Thumbprint ist ein eklek­ti­scher Mix verschie­dener Musik­ele­mente. Basierend auf dem Einfluss der Minimal Music von Meredith Monk und Phil Glass entsteht eine frisch-forsche Kompo­sition, die sowohl Unter­hal­tungs­musik wie auch die tradi­tio­nelle Hindu­stani-Musik Nordin­diens und Pakistans mit einbe­zieht und damit Klang­räume schafft, wie sie im Kontext der Oper selten zu hören sind. Die Zuschauer verfolgen eine wahre Geschichte, die so unglaublich scheint, dass der Inhalt nur schwer zu ertragen ist. Gleich­zeitig wähnt man sich musika­lisch in einer Art Minimal Musical, das einen ganz eigenen kompo­si­to­ri­schen Weg zu gehen scheint, der weniger von der Harmonie als vielmehr von der Melodie getragen wird. So wird eine mitrei­ßende und leiden­schaft­liche Musik entfacht. Größer könnte der gefühlte Kontrast zwischen Inhalt und Form kaum sein. Es entsteht ein spannungs­reicher Dialog, der neugierig macht und den Zuhörer auf die so unwirklich erschei­nende Reise mitnimmt.

Foto © Bettina Stöß

Regis­seurin Katharina Kastening hat sich auf der Bühne des Wupper­taler Opern­hauses dafür von Bettina John-Taihuttu eine kleine, intime Kammer­bühne bauen lassen. Ein weißer Laufsteg mit hohem Baldachin, an dessen Stirn­seite sich Video­pro­jek­tionen von Elena Tilli zeigen. Gegen­über­liegend positio­niert sich das Kammer­or­chester und an den Längs­seiten sitzt das Publikum. Die Handlungen vollziehen sich in einem Abstand von weniger als zehn Metern. Intimer könnte das Kammer­spiel kaum einge­richtet sein, dass den Besuchern einiges abver­langt und sie dafür doch so reich entschädigt. Als Requi­siten werden lediglich überdi­men­sio­nierte Taue einge­setzt, die wie Tentakel aus dem Bühnen­boden hervor­ge­zogen werden, um das erdrü­ckende Geflecht von äußeren Einflüssen zu bebildern, in dem Muckhtar zu ersticken droht. Video­se­quenzen zeigen verwischte, atmosphä­risch stimmungs­volle Closeups verschie­dener Protago­nisten. Kamera­führer und Kamera­objekt wechseln je nach Erzähllage vermittels einer Handvi­deo­kamera. Die für den indischen Subkon­tinent so typischen Gewänder aus leichten Baumwoll­stoffen verweilen ebenso wie die Stoff­seile im weiß-beiger Zurück­haltung. Einziger Farbakzent auf Bühne und Videowand ist der rot-orange­farbene Hijab von Mukhtar.

Die Geschichte von der Schuld, eine Frau zu sein, wird an der Wupper­taler Oper bedrohlich, betörend und letztlich doch hoffnungsfroh erzählt. Dabei ist die Geschichte aus Pakistan nur ein Einzelfall. Denn „norma­ler­weise“ wird in Pakistan von einer verge­wal­tigten Frau verlangt, dass sie einen Suizid begeht. Mukhtar Mai ist also eine Ausnahme. Frauen werden immer noch im Namen der Ehre ausge­grenzt, entwürdigt, attackiert, verge­waltigt und in den Tod getrieben und das nicht nur in Pakistan. Erst zwei Tage vor der Wupper­taler Premiere wurde im benach­barten Hagen eine Mutter von vier Kindern von ihrem syrischen Lebens­partner erstochen. Femizide finden alleine in Deutschland täglich statt, und die Gewalt gegen Frauen wächst.

Für die aufwüh­lende Kammeroper steht in Wuppertal ein exzel­lentes Ensemble aus sechs Sänger­dar­stellern zur Verfügung. Die Kolora­tur­so­pra­nistin Sharon Tadmor verkörpert die Titel­heldin Mukhtar Mai mit großer Hingabe. Ihre klare, helle Sopran­stimme berührt in lyrischen wie in drama­ti­schen Passagen. Die Rolle der zerbrech­lichen wie mutigen Pakistani scheint ihr auf den Leib geschnitten. Nicht minder eindrucksvoll Banu Schult in ihrer Doppel­rolle als Mutter und Minister. Einer Erda gleich steht sie mit warmem, tiefem Mezzo unver­brüchlich an der Seite der Tochter. Nihal Azak zeigt sich als Schwester darstel­le­risch glaub­würdig mit schöner, ausba­lan­cierter Sopranstimme.

Die drei Herren im Ensemble, Oliver Weidinger, Merlin Wagner und Sergio Augusto schlüpfen in verschiedene Rollen und beein­drucken durch Inten­sität und Vielfalt in der Darstellung. Merlin Wagner vor allem als Anführer des schuld­haften Mastoi-Clans mit schier teufli­scher Attitüde und kraft­voller, ausdruck­starker Stimm­führung. Oliver Weidinger vor allem als Vater und Richter sanft und weise, robust und resilient. Der flexible Bassba­riton erweist sich als ausge­wie­sener, stimm­ge­wal­tiger Charak­ter­dar­steller. Sergio Augusto rundet das erlesene Sextett ab und berührt mit Spiel und Gesang. Seine nuancierte Tenor­stimme zeichnet authen­tisch jeden Charakter nach und verfügt über große Spann­breite mit präziser Intonierung.

Die musika­lische Leitung liegt an diesem Abend in den Händen von Bonnie Wagner, die das Füllhorn der Klang­welten Kamala Sankarams über die Besucher äußerst diffe­ren­ziert und effektvoll auszu­schütten vermag. Die Hetero­ge­nität der Kompo­sition, noch verstärkt mit rhyth­mi­schem Klatschen, Harmonium und Trommeln ist in Kombi­nation mit Gesang und Kammer­or­chester ein beein­dru­ckendes Crossover im aller­besten Sinne.

Für diesen intimen und berüh­renden Saison­aus­klang zeigt sich das Publikum äußerst dankbar und begeistert und schließt alle Betei­ligten in den langan­hal­tenden Schluss­ap­plaus mit ein.

Bernd Lausberg

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