O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Zum Abschluss der Spielzeit hat Intendantin Rebekah Rota die Kammeroper Thumbprint der amerikanischen Komponistin Karmala Sankarams gewählt und damit ein weiteres Mal schreiende Ungerechtigkeit in dieser Welt zum Thema gemacht. Die deutsche Erstaufführung widmet sich basierend auf einem Libretto von Susan Yankowitz der unglaublichen Geschichte der jungen Pakistani Mukhtar Mai, die im Namen des Stammesrates von vier Männern 2002 vergewaltigt wird – und sich weigert, diese Schande durch Selbstmord auszulöschen.
Sie begehrt auf, sie zieht vor Gericht und sie begreift, wie vielen Frauen und Mädchen in ihrem Land das Gleiche widerfährt, nur weil sie ihr Recht nicht kennen und artikulieren können. Sie kämpft für Bildung und eine Mädchenschule im Dorf. Ihre Peiniger werden verurteilt, doch nur zwei Jahre später hebt ein Gericht das Urteil wieder auf. Der wütende Protest internationaler Organisationen macht aus dem Fall Mukhtar Mai eine pakistanische Staatsaffäre – und aus der mutigen Frau eine der meistgehörten Stimmen ihres Landes. Gegen eiserne Traditionen, gegen die Mächtigen, gegen ihre eigene Scham kämpft Mukhtar Mai – und für ihre Ehre, für ihr Leben und das der Frauen in Pakistan.
Bald nach ihrer Vergewaltigung gründet sie mit der Entschädigungszahlung, die sie von der Regierung erhält, die Mukhtar-Mai-Stiftung, die Möglichkeiten der medizinischen Versorgung, kostenlose Rechtsberatung, Unterkünfte für Frauen, eine Klinik, eine öffentliche Bibliothek sowie eine Schule für Mädchen und eine für Jungen unterhält. Fünf der sechs Verurteilten sind mittlerweile frei, und Mukhtar Mai fürchtet wieder um ihr Leben.
Auf den ersten Blick scheint Thumbprint eine weitere zeitgenössische Oper zu sein, die sich mit Schuld, Vergebung und Hoffnung auseinandersetzt. In der nun zu Ende gehenden Spielzeit gab es am Musiktheater im Revier Innocence von Kaija Saariaho, in Hagen American Mother von Charlotte Bray. Ähnlich aufwühlende Zusammenhänge, aber doch sehr unterschiedlich in der Form der musikalischen Umsetzung. Bestimmend für die Kammeroper Thumbprint ist ein eklektischer Mix verschiedener Musikelemente. Basierend auf dem Einfluss der Minimal Music von Meredith Monk und Phil Glass entsteht eine frisch-forsche Komposition, die sowohl Unterhaltungsmusik wie auch die traditionelle Hindustani-Musik Nordindiens und Pakistans mit einbezieht und damit Klangräume schafft, wie sie im Kontext der Oper selten zu hören sind. Die Zuschauer verfolgen eine wahre Geschichte, die so unglaublich scheint, dass der Inhalt nur schwer zu ertragen ist. Gleichzeitig wähnt man sich musikalisch in einer Art Minimal Musical, das einen ganz eigenen kompositorischen Weg zu gehen scheint, der weniger von der Harmonie als vielmehr von der Melodie getragen wird. So wird eine mitreißende und leidenschaftliche Musik entfacht. Größer könnte der gefühlte Kontrast zwischen Inhalt und Form kaum sein. Es entsteht ein spannungsreicher Dialog, der neugierig macht und den Zuhörer auf die so unwirklich erscheinende Reise mitnimmt.

Regisseurin Katharina Kastening hat sich auf der Bühne des Wuppertaler Opernhauses dafür von Bettina John-Taihuttu eine kleine, intime Kammerbühne bauen lassen. Ein weißer Laufsteg mit hohem Baldachin, an dessen Stirnseite sich Videoprojektionen von Elena Tilli zeigen. Gegenüberliegend positioniert sich das Kammerorchester und an den Längsseiten sitzt das Publikum. Die Handlungen vollziehen sich in einem Abstand von weniger als zehn Metern. Intimer könnte das Kammerspiel kaum eingerichtet sein, dass den Besuchern einiges abverlangt und sie dafür doch so reich entschädigt. Als Requisiten werden lediglich überdimensionierte Taue eingesetzt, die wie Tentakel aus dem Bühnenboden hervorgezogen werden, um das erdrückende Geflecht von äußeren Einflüssen zu bebildern, in dem Muckhtar zu ersticken droht. Videosequenzen zeigen verwischte, atmosphärisch stimmungsvolle Closeups verschiedener Protagonisten. Kameraführer und Kameraobjekt wechseln je nach Erzähllage vermittels einer Handvideokamera. Die für den indischen Subkontinent so typischen Gewänder aus leichten Baumwollstoffen verweilen ebenso wie die Stoffseile im weiß-beiger Zurückhaltung. Einziger Farbakzent auf Bühne und Videowand ist der rot-orangefarbene Hijab von Mukhtar.
Die Geschichte von der Schuld, eine Frau zu sein, wird an der Wuppertaler Oper bedrohlich, betörend und letztlich doch hoffnungsfroh erzählt. Dabei ist die Geschichte aus Pakistan nur ein Einzelfall. Denn „normalerweise“ wird in Pakistan von einer vergewaltigten Frau verlangt, dass sie einen Suizid begeht. Mukhtar Mai ist also eine Ausnahme. Frauen werden immer noch im Namen der Ehre ausgegrenzt, entwürdigt, attackiert, vergewaltigt und in den Tod getrieben und das nicht nur in Pakistan. Erst zwei Tage vor der Wuppertaler Premiere wurde im benachbarten Hagen eine Mutter von vier Kindern von ihrem syrischen Lebenspartner erstochen. Femizide finden alleine in Deutschland täglich statt, und die Gewalt gegen Frauen wächst.
Für die aufwühlende Kammeroper steht in Wuppertal ein exzellentes Ensemble aus sechs Sängerdarstellern zur Verfügung. Die Koloratursopranistin Sharon Tadmor verkörpert die Titelheldin Mukhtar Mai mit großer Hingabe. Ihre klare, helle Sopranstimme berührt in lyrischen wie in dramatischen Passagen. Die Rolle der zerbrechlichen wie mutigen Pakistani scheint ihr auf den Leib geschnitten. Nicht minder eindrucksvoll Banu Schult in ihrer Doppelrolle als Mutter und Minister. Einer Erda gleich steht sie mit warmem, tiefem Mezzo unverbrüchlich an der Seite der Tochter. Nihal Azak zeigt sich als Schwester darstellerisch glaubwürdig mit schöner, ausbalancierter Sopranstimme.
Die drei Herren im Ensemble, Oliver Weidinger, Merlin Wagner und Sergio Augusto schlüpfen in verschiedene Rollen und beeindrucken durch Intensität und Vielfalt in der Darstellung. Merlin Wagner vor allem als Anführer des schuldhaften Mastoi-Clans mit schier teuflischer Attitüde und kraftvoller, ausdruckstarker Stimmführung. Oliver Weidinger vor allem als Vater und Richter sanft und weise, robust und resilient. Der flexible Bassbariton erweist sich als ausgewiesener, stimmgewaltiger Charakterdarsteller. Sergio Augusto rundet das erlesene Sextett ab und berührt mit Spiel und Gesang. Seine nuancierte Tenorstimme zeichnet authentisch jeden Charakter nach und verfügt über große Spannbreite mit präziser Intonierung.
Die musikalische Leitung liegt an diesem Abend in den Händen von Bonnie Wagner, die das Füllhorn der Klangwelten Kamala Sankarams über die Besucher äußerst differenziert und effektvoll auszuschütten vermag. Die Heterogenität der Komposition, noch verstärkt mit rhythmischem Klatschen, Harmonium und Trommeln ist in Kombination mit Gesang und Kammerorchester ein beeindruckendes Crossover im allerbesten Sinne.
Für diesen intimen und berührenden Saisonausklang zeigt sich das Publikum äußerst dankbar und begeistert und schließt alle Beteiligten in den langanhaltenden Schlussapplaus mit ein.
Bernd Lausberg