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Tja, der Jazz in Norwegen. Gibt es den überhaupt? Und falls ja: Wie sieht es in der Szene aus? Zumindest in Deutschland orientiert man sich gerne danach, was in den USA oder Westeuropa los ist, einige Blicke Richtung Osten mit eingeschlossen. Dagegen lässt das Interesse am hohen Norden Europas mancherorts einige Wünsche offen. Gut, das Land stand auch hier einmal ganz hoch im Kurs, als ab den 1970-er Jahren Musiker wie der Saxofonist Jan Garbarek, Schlagzeuger Jon Christensen, Bassist Arild Andersen oder Gitarrist Terje Rypdal weltweit in aller Munde waren beziehungsweise noch sind. Aber auch die nachfolgenden Generationen, jenseits der Landesgrenzen vielleicht nur eher in Fachkreisen bekannt, dürfen sich in ihrer Heimat pudelwohl fühlen. Denn der Jazz steht dort gleichberechtigt mit Klassik, Oper oder Theater auf derselben Stufe, erfährt also die gleiche staatliche Förderung.

Dachverband ist das Norsk Jazzforum. Die gemeinnützige Organisation vereint die norwegische Jazzszene. Ihr Hauptziel ist die Verbreitung des norwegischen Jazz im In- und Ausland. Sie erhält hohe öffentliche Fördermittel, die direkt an die norwegische Jazzszene ausgezahlt werden, indem Tourneen und Projekte für Musiker und Bands, Veranstalter und Big Bands unterstützt werden. Darüber hinaus führt das Norsk Jazzforum verschiedene Projekte für und mit seinen Mitgliedern durch, allein oder in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen. Mitglieder sind derzeit fünf regionale Jazzzentren, 30 Jazzfestivals, 90 Jazzclubs, 140 Big Bands, 700 professionelle Musiker, 100 Jazzstudenten sowie die Jazzakademien in Trondheim, Oslo, Bergen und Stavanger. Kurzum: Der Jazz ist fester Bestandteil des öffentlichen Kulturlebens. In Norwegen wird kulturell nicht gekleckert, sondern geklotzt.
Ein Paradebeispiel dafür ist das Trondheim Jazz Orchestra. Es ist ein flexibel agierendes Ensemble, das für seine jeweiligen Projekte aus einem großen Pool von Musikern schöpft. Damit hat auch Tuva Halse zusammengearbeitet. Die Jazzgeigerin und Komponistin, die vor rund drei Jahren ihr Studium abschloss, gilt mit zu den großen Nachwuchstalenten. An etlichen Projekten war und ist sie beteiligt. Drei eigene Formationen hat sie gegründet. Das Bento Box Trio, die Tuvahalseband und das Tuva Halse Quintett. Mit Letzterem ist sie zurzeit unterwegs und nach einem Konzert in Dresdens Blue Note für ein Gastspiel in Wuppertals soziokulturellen Ort Loch gekommen, um für einen stimmungsvollen Abend zu sorgen.

Kompositionen aus Halses Feder haben die fünf Musiker im gleichen Alter von etwa 25 Jahren mitgebracht, veröffentlicht unter anderem auf Duo, ihrem im Oktober 2023 erschienenen Debüt-Album: Zeptember, Adam, Mikromy, This Makes Me Understand. Auch andere Stücke, auch jüngeren Datums sind mit dabei: etwa Sorryrow, Confusion Illusion, Close, Contemplation oder Reconnection. Dabei handelt es sich um emotionale Werke, denen laut ihrer Anmoderationen Gedanken über Sorgen, Fantasien, Unruhe oder die Beziehung zwischen zwei Personen – „jemandem nahe sein, aber auch die Türe schließen“ – verarbeitet sind. Es sind gefühlsbetonte, atmosphärisch dichte, tonale Melodieköpfe, die über weite Strecken im Duo von Geige und Trompete oder Geige und Klavier – oder als Vokalisen vorgestellt und anschließend in Form von Variationen und Improvisationen weiter entwickelt werden. Sie laden dazu ein, in eine große Palette von Gefühlswelten wie Melancholie, Kontemplation, muntere Heiterkeit einzutauchen. Vieles kommt ruhig-balladesk daher. Mitunter geht es aber auch munter-beschwingt, fetzig zur Sache. Frei, ohne harmonische Bezüge sind hingegen die fantasievollen Intros gehalten, die gleitend zu den Themen führen.
Kongenial verstehen sich die Musiker. Denn nicht nur kommt die Gestaltung der Melodien selbst im sehr schnellen Tempo, von zwei Musikern vorgetragen, absolut synchron von der Bühne. Auch den großen, empfindsamen Gehalt bringen Halse, Trompeter Oscar Andreas Haug, Pianist Benjamín Gísli Einarsson, Schlagzeuger Øyvind Leite und Gard Kronborg an der akustischen Bassgitarre seelenverwandt voll zur Geltung. Ihre hohe Virtuosität und meisterhafte Beherrschung ihrer Instrumente demonstrieren sie anhand ihrer hochmusikalischen wie abwechslungsreichen, fein aufgebauten Improvisationen.
Das zahlreich erschienene Publikum zeigt sich begeistert, applaudiert ausgiebig nach jeder Nummer und entlässt das Tuva Halse Quintet erst nach einer Zugabe, die wie eine kleines friedliches Schlafliedchen daherkommt: Why It Didn‘t.
Hartmut Sassenhausen