Schlagzeugbeats und Scat

VOKALORCHESTER NRW
(Diverse Komponisten)

Besuch am
13. November 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Loch, Wuppertal

Für die Gattung impro­vi­sierte Musik sind Instru­men­tal­ensembles mit oder Gesangs­stimme zuständig. So wird sie jeden­falls oft in eine Schublade einge­ordnet, wenn es um die sogenannte westliche Musik geht. Doch es gibt mindestens eine Ausnahme: das Vokal­or­chester NRW. Dabei handelt es sich um ein mindestens zehnköp­figes Stimmen­kol­lektiv, das sich anno 2018 gründete, am Moers-Festival teilnahm und seitdem bei Konzerten aufhorchen lässt. Nun ist der kleine Chor auch im Wupper­taler sozio­kul­tu­rellen Zentrum Loch zu Gast und beein­druckt mit vielfäl­tigen Klängen und Gesangstechniken.

Es sind bis auf zwei Stücke aus der Feder von Theo Bleckmann Kompo­si­tionen und Arran­ge­ments des Ensembles, denen viele Stile aus der Unter­hal­tungs­musik als Basis dienen. Die vorge­stellten 15 ruhig-balla­desken und fetzigen Nummern verfügen zwar über je einen Grundton. Er dient aber nur als Bezugs­punkt für jeden ausge­bil­deten Sänger. Andern­falls wären wohl Stimm­gabeln vonnöten, um Töne exakt treffen zu können. Sicher bewegen sich die versierten, sattel­festen Stimmen der elf Sänger – vier Männer und sieben Frauen – glänzen in allen Registern mit ausdrucks­starken und ausge­wo­genen, auch bei vertrackten Stellen stets intona­ti­ons­reinen Gesängen, Geräu­schen oder Instru­men­ten­imi­ta­tionen. Unüber­hörbar kennen sie sich auf den Gebieten U‑Musik, explizit Rock, Pop und Jazz richtig gut aus. Traum­wand­le­risch sicher bewegen sich darin.

Foto © O‑Ton

Ja, man hört richtig. Es sind Stimmen und keine Instru­mente, die zu vernehmen sind. Etwa kommen Schlag­zeug­beats, zum Verwechseln ähnliche groovende Bassklänge, Blechblas- oder Saiten­in­stru­mente aus den Kehlen. Die Vorträge ähneln denen von rockig anmutenden Sounds, sonoren Bläser­sätzen, feindif­fe­ren­zierten musika­li­schen Kommu­ni­ka­tionen. Es sind also gesang­liche Instru­men­tal­im­pro­vi­sa­tionen in den Beset­zungen Duett, Kammer­mu­sik­t­erzett bis hin zu kleinem Orchester bezie­hungs­weise Big Band. Dabei changieren die unter­schied­lichsten Techniken: tradierter Gesang, normales lautes Atmen, Schnaufen; Schreien oder Summen.

In einigen Stücken kommen Texte vor, etwa das Gedicht Gerüchte gehen, die dich vermuten von Rainer Maria Rilke oder andere mit den Anfängen Sag mir, was bedeutet Freiheit, In Your Own Time und Wenn ich Flügel hätte, könnte ich fliegen zu dir. Sie werden rezitiert, gesungen oder im Parlando – ein dem Sprech­gesang ähnlichen Singen mit exakter Aussprache und leichter Tongebung – packend vorge­tragen und impro­vi­sa­to­risch verar­beitet. Es wird rein mit Vokalen gespielt oder dem Scat, also dem variablen Singen von rhyth­mi­schen und melodi­schen Silben ohne Bedeutung und Sinn, gefrönt.

Die Sänger harmo­nieren bestens mitein­ander. Jeder reagiert auf die stimm­lichen Aktionen der Kollegen in Form von Variation, spontaner Präsen­tation anderer musika­li­scher Motive, Setzen von Kontra­punkten oder Hinzu­fügen eines weiteren Instru­ments. Trotz der kompo­si­to­ri­schen Vorgaben stehen die Impro­vi­sa­tionen, die teils parallel statt­finden, im Vorder­grund. So entwi­ckeln sich vielstimmige Darbie­tungen, die trotz mancher Komple­xität dank der inten­siven, nachdrück­lichen Gesangs­arten packend von der Bühne kommen und in ihren Bann ziehen.

Hin und wieder wird das Publikum mit einbe­zogen, das qua der eingän­gigen Sequenzen eifrig mitmacht. Es zeigt sich von dem Abend begeistert und spendet lang anhal­tenden Schluss­ap­plaus. Dafür bedankt sich das Vokal­or­chester NRW mit einer Zugabe.

Hartmut Sassen­hausen

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