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Mädel, fahr mit mir Schwebebahn

VON THALIA GEKÜSST
(Diverse Komponisten)

Besuch am
1. März 2025
(Premiere am 17. Januar 2025)

 

Wupper­taler Bühnen, Opernhaus

Die erste eigene Regie­arbeit der neuen Inten­dantin Rebekah Rota in Wuppertal mit dem Titel Von Thalia geküsst widmet sich der Geschichte des Elber­felder Thalia-Theaters, das von 1906 bis 1967 als größtes Operetten- und Revue­theater im Westen Deutsch­lands galt.

Neben dem Barmer Stadt­theater und dem Stadt­theater am Brausen­garten in Elberfeld unter­strich das dritte große Theater in Wuppertal den damaligen Anspruch an Kunst und Kultur. Die verhee­renden Kriegs­zer­stö­rungen der Bomben­nächte von 1943 haben vieles zerstört, aber sowohl das Barmer Theater als auch das Thalia-Theater wurden in den 50-er Jahren wieder­auf­gebaut. Das stark beschä­digte Theater am Brausen­garten hingegen fiel der neuen Verkehrs­führung der B7 zum Opfer. Insgesamt muss man festhalten, dass die Nachkriegs­zer­stö­rungen noch größer waren als die Zerstö­rungen im Krieg. Das, was in den zwei Jahrzehnten nach Kriegsende wieder aufgebaut wurde, verschlang vielerorts der neue Zeitgeist ab Mitte der 60-er Jahre, so auch das Thalia-Theater in Wuppertal, auf dessen Gelände sich heute ein Sparkas­senturm erhebt. Das in nächster Nähe gelegene Juwel Histo­rische Stadt­halle ist nur deshalb noch vorhanden, weil man einen funkti­ons­fä­higen Saalbau brauchte und die kunst­volle Gründerzeit-Innen­aus­stattung hinter Schal­platten versteckt in großen Teilen erhalten blieb.

Im Jahre 1929 wurde das seit der Eröffnung 1906 herun­ter­ge­kommene Thalia-Theater vom jüdischen Schau­spieler und Impre­sario Robert Riemer mit eigenen finan­zi­ellen Mitteln nach nur zehnwö­chiger Renovierung wieder­eröffnet. Der sich einstel­lende große Erfolg vermochte nicht über die angespannte wirtschaft­liche Lage hinweg­zu­täu­schen, und in Folge entwi­ckelte Riemer ein innova­tives Unter­hal­tungs­konzept, das über die Operette hinaus eine Kombi­nation von Varieté und Film in den Mittel­punkt stellte. Das für 2000 Besucher ausge­legte Theater spielte zweimal am Tag, sieben Tage die Woche und verbuchte trotz Zeiten der Wirtschafts­krise außer­or­dent­liche Einspiel­ergeb­nisse. 1933 wurde Direktor Riemer nach Denun­zia­tionen von den Natio­nal­so­zia­listen zwangs­ent­schädigt und aus dem Amt gejagt, konnte ins ameri­ka­nische Exil entkommen und sah Wuppertal nie wieder. Sein Thalia-Theater aber versank in der Bedeutungslosigkeit.

Zu Beginn der aktuellen Insze­nierung sieht man die pracht­vollen Fotos aus vergan­genen Zeiten und es stellt sich angesichts des Verlustes eine gewisse Wehmut ein. Drama­turgin Laura Knoll hat vor diesem Hinter­grund eine bezau­bernde Geschichte entwi­ckelt, die dem Zuschauer einen authen­ti­schen Einblick in entschei­dende vier Jahre Geschichte des einstigen Elber­felder Musen­tempels zwischen 1929 und 1933 gewährt.

Regis­seurin Rota gelingt mit ihrer Insze­nierung ein ganz großer Wurf. Indem sie die Geschichte des verlo­renen Thalia-Theaters aufzeigt, wird klar, welchen Wert die bestehende Oper in Wuppertal für die Stadt­ge­sell­schaft hat, und der Funke scheint an diesem Abend überzuspringen.

Foto © Patrick Gawandtka

Geschickt wird ein bunter, revueh­after Fächer ausein­an­der­ge­schoben, wie ihn Wuppertal schon lange nicht mehr erleben durfte. Gerade beim Thema Stadt­theater und Operette wird oft die Frage gestellt, inwieweit Form und Inhalt die Gegenwart noch erreichen können. Da vermag zum einen die Qualität einer Produktion zu überzeugen, wie es am benach­barten Theater Hagen über viele Jahre erfolg­reich gelungen ist, oder man versucht, Operette ganz neu zu denken, wie es Barry Kosky mit der überra­genden Kopro­duktion von Orpheus in der Unterwelt durch die Salzburger Festspiele, der Deutschen Oper am Rhein und der Komischen Oper Berlin eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat.

Mit der aktuellen Insze­nierung Von Thalia geküsst nutzt man in Wuppertal die Gelegenheit, musika­lische Inhalte und histo­rische Zusam­men­hänge authen­tisch mit der eigenen Stadt­ge­schichte zu verknüpfen und damit ein Wir-Gefühl bei den Theater­be­su­chern zu erzeugen.

Die Zuschauer im gut gefüllten Barmer Opernhaus wähnen sich für pausenlose 100 Minuten im alten Thalia-Theater und schauen auf ein von Sabine Lindner geschaf­fenes Bühnenbild, das tatsächlich in den späten 20-er Jahren angesiedelt zu sein scheint und von der faszi­nie­renden Opulenz jener Zeit erzählt. Ausge­dehnte, variable Freitreppen mit effekt­voller Beleuchtung, großzügige Perso­nen­staf­fagen und kurzweilige Regie­ein­fälle, darunter ein hin und herfah­rendes Minia­tur­modell der Schwe­bebahn, vermitteln ein Gefühl der Unmit­tel­barkeit. Gespro­chene Dialoge der Sänger­dar­steller vom Logenrang aus lassen die Besucher eintauchen in die einer­seits vergangene und gleichsam doch real existie­rende Theaterwelt. Die wunder­baren Kostüme von Elisabeth von Blumenthal und Petra Leidner sind eine wahre Augen­weide. Von den detail­lierten histo­ri­schen Kostümen des Bettel­stu­denten der Zeit August des Starken entlehnt hin zu den ganz neuen Tendenzen freier Mode der 20-er Jahre bekommt man viel zu sehen.

Intel­ligent und geschickt in Szene gesetzt entspinnt sich auf der Bühne ein quirliges, dynami­sches Theater, das eine Welt der Operetten-Seligkeit den Gefahren und Abgründen gesell­schaft­licher Verwer­fungen mit einem berüh­renden Ensemble, einem großen Chor und stili­sie­render Tanzsta­tis­terie gegenüberstellt.

Man hört bekannte und weniger bekannte Melodien aus Operette und der Unter­hal­tungs­musik der 20-er und 30-er Jahre. Im Barock nannte man diese Methode Pasticcio, die deutsche Romantik spricht eher abwertend von Flickoper. In Wuppertal gibt es ein stimmiges Potpourri – klang­schön und gehaltvoll zugleich.

Von der Ouvertüre der Schönen Galathée von Franz von Suppe, Carl Millö­ckers Bettel­student und der Lustigen Witwe von Franz Lehar bis hin zu Arran­ge­ments von Ralph Benatzky, Eduard Künneke und Paul Lincke ist alles dabei, was den Spielplan des Thalia-Theaters einst beseelt hat. Inwieweit Zarah Leanders Lied Ich steh im Regen des Ufa-Films Zu neuen Ufern aus dem Jahr 1937 da zulässig ist, mag dahin­ge­stellt sein. Sicherlich hätte man auch die Zäsur durch den Natio­nal­so­zia­lismus eindring­licher darstellen können, wobei sich das legendäre Musical Cabaret von Masteroff, Kander und Ebb genau dieser Thematik bereits unüber­troffen gewidmet hat.

Musika­lisch kann das junge Ensemble der Oper Wuppertal ein weiteres Mal überzeugen. Edith Grossmann als Muse Thalia rahmt das dem Zuschauer gewährte Zeitfenster mit großer stimm­licher und darstel­le­ri­scher Hingabe, während sie als Theater-Muse unter anderem vom Bühnen­himmel herab­schwebt oder mit einer kleinen Stepp­einlage die Roaring Twenties zitiert.

Oliver Weidinger und Vera Egorova sorgen mit ihren Charak­ter­auf­tritten und der emotio­nalen Tiefe ihrer Vokal­vor­träge für die gehalt­volle Einbettung in den dunklen histo­ri­schen Gesamtzusammenhang.

Merlin Wagner zeigt den umtrie­bigen Lokal­re­porter Peter Herzen­bruch mit großer Spiel­freude und stimm­licher Präsenz. An seiner Seite kongenial

Foto © Patrick Gawandtka

Elia Cohen-Weissert als Luise Funke mit schmei­chelnd lyrischem Sopran. Zachary Wilson beindruckt als Felix Funke ein weiteres Mal mit barito­naler Ausdrucks­kraft und schau­spie­le­ri­schem Vermögen. Hinzu kommt die für die teils langen Dialoge erfor­der­liche gute Diktion. Das gilt besonders auch für Sangmin Jeon, der den bekannten Tenor Walter Zierau verkörpert. Zusammen mit der überra­genden Margaux de Valensart als Operndiva Vera Schwarz gelingt der Lehársche Operet­ten­wohl­klang süffig und stimmungsvoll.

Der Chor vermag an diesem Abend homogen, synchron und klang­schön zu überzeugen. Choristen und Tanzsta­tis­terie werden dabei von einer ausge­klü­gelten Perso­nen­regie über die Bühne und durch das reich bebil­derte Geschehen geführt.

Unter der musika­li­schen Leitung von Jan Michael Horstmann stellen sich die Mitglieder des Wupper­taler Sympho­nie­or­chesters engagiert der Aufgabe, die Klang­welten der leichten Muse mit viel Schwung und Enthu­si­asmus herauszuarbeiten.

Das ergriffene und begeis­terte Publikum stimmt final rythmisch-klatschend in das Schwe­be­bahnlied Mädel, fahr mit mir Schwe­bebahn aus dem Jahre 1925 ein.

Große Zustimmung für diesen ganz besonders authen­ti­schen und unter­halt­samen Abend im Opernhaus Wuppertal. So kann große Unter­haltung auch mit einem begrenzten Budget funktionieren.

Angesichts der zahlreichen Verän­de­rungen innerhalb der Theater­land­schaft der Region darf man zunehmend optisch sein, dass der einge­schlagene Weg an der Oper Wuppertal zielführend ist. In Gelsen­kirchen, Hagen, Essen und Düsseldorf wird es in naher Zukunft neue Inten­danzen geben. In Wuppertal selbst scheint sich die Szene angesichts des Vertrags­endes von Boris Charmatz beim Tanztheater zu berei­nigen. Umso wichtiger, dass die Zukunft der Oper sicher­ge­stellt wird. An der beein­dru­ckenden Leistung des Teams um Rebekah Rota jeden­falls sollte es nicht scheitern.

Bernd Lausberg

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