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ZURÜCK ZUM HAPPY END
(Frank Pinkus)
Besuch am
16. August 2024
(Premiere am 7. Juli 2024)
Die Freude an diesem Sommer hält sich im Rheinland wahrhaft in Grenzen. Da darf man froh sein, wenn man die Einkäufe trockenen Fußes erledigen kann und die Temperaturen sich – wenn auch mühsam – über 24 °C halten. Das Blau des Himmels gerät zur seltenen und meist stundenweisen Erscheinung, ehe sich wieder bleiernes Grau wie ein dichter Vorhang davorschiebt. Besonders betrüblich ist das für die zahlreichen Freiluftveranstaltungen, die doch sonst schon mal aus dem Sommer ein Fest machen. Konzerte, wenn sie überhaupt stattfinden, bitte schön nur auf überdachten Bühnen, damit die Instrumente keinen Schaden nehmen, und am liebsten hat man immer die Schlechtwetter-Ausweichspielstätte auf dem Plan. Vor zwei Tagen versprach die Wettervorhersage für Wuppertal einen zwar bedeckten, aber immerhin regenfreien Himmel am Freitagabend. Wettervorhersage ist ja inzwischen auch mehr ein Synonym für leere Versprechungen. Aber soll man sich davon entmutigen lassen? Dann bleibt die Depression als Grundstimmung. Also ist Optimismus bis auf die durchnässte Unterwäsche gefragt.
Inzwischen zu den gefragtesten Attraktionen im Sommer zählt in Wuppertal Stößels Komödie, die ihre Stücke dann im Brauhaus unter freiem Himmel aufführt. Wenn das Wetter es zulässt – na, Sie wissen schon. Ansonsten wird die Aufführung in den Brausaal der gastronomischen Einrichtung verlegt. Das entscheidet das Ensemble spontan, ohne Feigheit vor dem Feind. Noch am Vormittag hat Kristof Stößel mitgeteilt, dass der Aufführungsort am Abend absolut ungewiss sei. Und dann lässt es sich doch erst mal richtig gut an. Viele Menschen haben sich spontan in letzter Minute entschieden, das Theater unter freiem Himmel zu besuchen, und so bleibt – überraschend, wie Martin Jansen, der für die Technik verantwortlich ist, berichtet – auch an diesem Abend kein Sitzplatz frei. Der Himmel wieder einmal grau, aber es ist trocken, die Außentemperaturen sind überaus angenehm. Menschen, die eine Komödie besuchen, kommen gutgelaunt, in großer Erwartung, zum Lachen gebracht zu werden. Dementsprechend locker und entspannt geht es zu. Typisch für Jansen: Wenn der Beginn der Aufführung für 19.30 Uhr angesetzt ist, gehen die Lichter auch um halb acht an, das Stimmengewirr erstirbt allmählich.

In diesem Jahr hat Stößel für seine Open-Air-Veranstaltungen das Stück Zurück zum Happy End von Frank Pinkus ausgewählt und inszeniert. Der Autor hat eine interessante Ausgangssituation gefunden. Bettina Kern und Christian Meyer mit ey treten auf die kleine Bühne und küssen sich. Sie stehen vor dem Standesamt und küssen sich, als sie das Publikum bemerken. Wie sollen sie denn jetzt damit umgehen? Anstatt sich unauffällig zurückzuziehen, beschließen sie, dem Auditorium von ihrer Beziehung und davon zu erzählen, was sie vor das Standesamt geführt hat. Kern schreibt an ihrer Doktorarbeit im Fach Germanistik über Fontane, während Meyer Personalleiter beim Bezirksamt ist. Rückblickend erzählen sie nun von verschiedenen Stationen ihrer Beziehung aus der jeweils eigenen Sicht. Schnell wird klar, dass Meyer ein liebenswürdiges, aber in Liebesdingen völlig unerfahrenes Muttersöhnchen ist, das sich selbst gern als Held sieht. Kern sieht in ihm eher den niedlichen Lebensfremdling, der ihr zunehmend Spaß bereitet. In den folgenden zwei Stunden hagelt es Klischees, aber unterschwellig, und das macht den Wert des Stücks aus, bleibt die Frage, warum Mann und Frau eine Beziehung so unterschiedlich wahrnehmen und trotzdem auf die Idee kommen, dass die unterschiedliche Wahrnehmung ihrer Begegnung für ein lebenslanges Band reicht. Da mag der Besucher so manche Frage mit nach Hause in die eigene Ehe nehmen. Und hier sind viele Besucher, die dem Augenschein nach jahrzehntelange Beziehungen erlebt haben.
Die Antwort bleibt der Autor schuldig. Und ergötzt sich an den unterschiedlichen Betrachtungsweisen. Ehe sich das Schema abnutzt, tritt Marianne Meyer, geborene Streberlein, Mutter des Protagonisten und natürliche Feindin der zukünftigen Schwiegertochter, in Erscheinung. Die lässt ihren Schützling „selbstverständlich“ nicht außer Kontrolle, sondern heftet sich dem Paar an die Fersen. Wie schön, dass der Autor auf bittere Ausfälle verzichtet und stattdessen humorvolle Gelassenheit serviert.
Stößel hat eine Bühne von vielleicht 25 Quadratmetern zur Verfügung. Platz genug für einen Garderobenständer, einen Tisch, zwei Stühle und eine Ablagefläche. Da muss der Regisseur viel Fantasie aufwenden, um die verschiedenen Situationen darzustellen, was ihm mühelos gelingt. Jansen verzichtet auf aufwändige Lichteffekte, verstärkt das Licht zunehmend proportional zur zunehmenden Dunkelheit, ohne dass es dem Zuschauer über Gebühr auffiele.

Der Regisseur, der zur gleichen Zeit in Braunschweig ebenfalls in einer Open-Air-Aufführung als Schauspieler auf der Bühne steht, muss und kann sich ganz auf sein Ensemble in Wuppertal verlassen. Michele Connah zeigt sehr überzeugend die gebildete Tina, die sich allmählich auf den Beamten einlässt und trotz aller im Laufe der Zeit auftretenden Zweifel ihren Humor erhält. Sie tritt alternierend mit Melanie Spielmann auf, sicher ist Spielmann einen zweiten Besuch der Aufführung wert. Als Meyer spielt Eric Haug ganz wunderbar auf, vor allem, wenn er viel Haut zeigen muss. Er wird in weiteren Aufführungen von Jan Philipp Keller vertreten, von dem man sich noch nicht so recht vorstellen mag, dass er ebenso gekonnt den Spagat zwischen dem Muttersöhnchen und dem künftigen Ehemann Kerns schaffen kann. Unglücklicherweise verrät Stößel nicht, wer wann auftritt. Das könnte einen zweiten Besuch sicher erleichtern.
Wer ohne Doppelbesetzung bleibt, ist Ilka Schäfer, mit Verlaub Urgestein im Ensemble. Es ist eine Frage der Zeit, wann sie im Text aus der Rolle fliegt. Kenner des Ensembles wissen das, warten mit Vergnügen darauf, wie sie sich mit Kodderschnauze wieder aus der Affäre zieht. Die Perücke steht ihr hervorragend, den Text rettet sie wieder einmal in wunderbarer Weise und präsentiert eine Mutter, die man einfach liebhaben muss, egal, wie sehr sie sich in die Beziehung der jüngeren Generation einmischt.
Nach der Pause geschieht, an das schon niemand mehr dachte. Der Regen setzt ein. Während die Zuschauer sich unter Mauervorsprünge flüchten, spielen die drei Darsteller unbarmherzig weiter. Eine Glanzleistung, die man gar nicht ausreichend würdigen kann. Das Publikum ist hin und weg. Später, als die Besucher längst gegangen sind, zieht Schäfer ihren Fifi vom Kopf und schüttelt ihn aus. „Hey, pass mit der Technik auf!“ ruft Jansen. „Na klar, habe ihn ja extra in die andere Richtung ausgeschüttelt“, antwortet die pfiffige Schauspielerin – und legt die feuchte Perücke auf die technischen Geräte. Hört das mit dem Lachen überhaupt nicht mehr auf?
Vierzehn Aufführungen sind im Brauhaus noch vorgesehen. Leichte, aber überaus gelungene Unterhaltungskost für den Sommer. Da lohnt sich unbedingt noch eine Anreise von weiter her.