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JENSEITS VON GUT UND BÖSE
(Isabella Leonarda)
Besuch am
25. Oktober 2024
(Einmalige Aufführung)
In der pittoresken Altstadt von Zons, die immer wieder einen Besuch wert ist, gibt es die historische Burganlage der ehemaligen Zollfeste Friedestrom. Dort befindet sich seit 1972 das Kreismuseum Zons mit seinem Schwerpunkt auf Angewandte Kunst des Jugendstils. Seit 2012 ist es auch musikalische Spielstätte. Der Verein der Freunde und Förderer des Kreismuseums Zons veranstaltet dort alljährlich Konzerte mit der Musik von Komponistinnen. Anlässlich des zehnten Komponistinnen-Konzerts veranstaltete der Verein 2021 erstmalig ein eigenes Festival. Jetzt, drei Jahre später, folgt die zweite Ausgabe. Drei Tage lang will der Verein Konzerte mit Musik von Komponistinnen präsentieren und verspricht, die Werke von Tonsetzerinnen aus 400 Jahren bis in die Gegenwart erklingen zu lassen.
Das Ambiente ist großartig. Die anheimelnde Atmosphäre des Museums setzt sich bis in die Bootshalle fort. Heute wird der Saal genutzt, um Wandbehänge von Helmut Hahn zu zeigen, einem Künstler, der 1928 in Mönchengladbach geboren wurde, 2017 in Korschenbroich starb und zeit seines Lebens dem Niederrhein, auch in seinen künstlerischen Arbeiten, verbunden blieb. Das Kopfende des Saals ist hell erleuchtet. Hier findet das Ensemble Platz, das für das Eröffnungskonzert des Festivals zuständig ist.

Il Giratempo – zu Deutsch der Zeitenwandler – heißt das Ensemble, das Lautenistin Vanessa Heinisch 2017 gründete, um alte Musik in historischer Aufführungspraxis nach Möglichkeit in neuen Formaten zu präsentieren. Beim Eröffnungskonzert wird das Programm Jenseits von Gut und Böse – Klostergesänge und Kampfschriften von Isabella Leonarda und Arcangela Tarabotti zur Aufführung gebracht. Leonarda wurde 1620 als Tochter einer reichen Familie in Novara geboren und schloss sich im Alter von 16 Jahren den Ursulinen an, einem jungen Orden, der sich zur Aufgabe gesetzt hatte, Mädchenschulen und Waisenhäuser zu betreiben. Die Nonne und spätere Äbtissin veröffentlichte 20 Bände mit ihren Kompositionen, von denen 16 erhalten blieben. Neben Motetten und Messen komponierte sie auch zwölf Sonaten für ein bis vier Instrumente und Basso continuo. Il Giratempo hat für diesen Abend fünf Solo-Motetten ausgewählt, die mit Instrumentalstücken gemischt werden.
Aber es bleibt nicht bei dem musikalischen Auftritt, denn das Ensemble stellt eine weitere Nonne vor, deren Leben nicht ganz so glücklich verlief. Die Rede ist von Arcangela Tarabotti. Als einzige von elf Geschwistern erbte sie die „Lahmheit“ ihres Vaters und taugte damit nicht für den Heiratsmarkt. Wie im Italien des 17. Jahrhunderts üblich, war ihr damit der Gang ins Kloster beschieden. Die Frauenklöster glichen allerdings eher Haftanstalten. Über das venezianische Benediktinerkloster Sant’Anna, in das Tarabotti 1617 entgegen ihrem Willen mit elf Jahren gegeben wurde, ist im Abendzettel zu lesen: „So wurden die Öffnungen der Holzgitter, hinter denen die Nonnen die Messen hörten, verkleinert, Türknäufe an der Innenseite von Türen entfernt. Der Blick aus den Fenstern auf die umliegenden Gärten und Kanäle wurde mit Sichtblenden verstellt. Die Türschlösser der Zellen wurden entfernt, damit jederzeit Kontrollen durchgeführt werden konnten. Bücher unterlagen strenger Zensur. Der Kontakt zu Personen, die nicht zum Kloster gehörten, wurde auf ein Minimum beschränkt und bedurfte einer Genehmigung.“ Trotz haftähnlicher Bedingungen gelingt es Tarabotti, ein publizistisches Netzwerk aufzubauen, aus dem Schriften wie Il paradiso monacale – das klösterliche Paradies – Tirannia paternale – die väterliche Tyrannei – oder L’inferno monacale – die klösterliche Hölle – erhalten geblieben sind. Daraus liest Schauspielerin Nina-Mercedés Rühl zwischen den musikalischen Einlassungen Wehklagen über die Männerwelt, die Ungerechtigkeit der Welt im Allgemeinen und die verbotenen Bildungsmöglichkeiten der Frauen mit viel Verve, aber im Sitzen. Das hätte stehend sicher noch mehr Wirkung entfaltet.

Aber auch die Texte, die Mezzosopranistin Ulrike Malotta mit einer wunderbaren Altstimme vorträgt, haben es in sich, wenngleich auf ganz andere Art. Dass sie sich während des Vortrags nicht das Kleid vom Leibe reißt, überrascht schon fast, wenn es beispielsweise in Ubi es o Domine – Wo bist Du, o Herr? – heißt: „Ich stoße alles von mir, aber verzehre mich nach Dir. Ich will nichts von dieser Welt, aber nach dir suche ich.“ Und weiter: „Getrieben von großer Zuversicht, komme ich zu Dir, mein Jesus. Himmlischer, verhülle Dich nicht. Wenn Du mich beglücken willst, lass mich, o Jesu, bei Dir sein.“ Von Keuschheit ist da wenig zu hören.
Und auch die Musiker tragen wenig dazu bei, eine klösterliche Frömmigkeit im Raum zu zaubern; da klingt die Musik doch eher nach weltlichen Liebeskantaten als nach gregorianischen Gesängen. Die Truhenorgel und das Cembalo, das wohl Ende des 17. Jahrhunderts in Italien gebaut wurde, klingen schmalbrüstig, so dass die Künste von Kadra Dreizehnter zu selten durchklingen. Bei ihrer Virtuosität ein echtes Manko. Noch unglücklicher trifft es aber den Flötisten, der hier eine überzeugende Hauptrolle spielt, wenn er mit den verschiedenen Instrumenten, die er mitgebracht hat, die Führung übernimmt. Yeuntae Jung wird nämlich im Programmheft gar nicht erst erwähnt. Das ist nicht weniger als blamabel für die Verantwortlichen, von denen man gar nicht weiß, wie sie sich dafür entschuldigen wollen. Vanessa Heinisch an der Laute und Matthias Bergmann an der Viola da Gamba tragen ebenfalls gekonnt und engagiert zu einem musikalischen Gelingen des Abends bei.
Das Publikum im vollbesetzten Saal ist nach mehr als zwei Stunden begeistert und applaudiert lang und ausgiebig. Dass es zu Beginn des Festivals ein Ausflug in die tiefste Vergangenheit sein musste, erinnert ein wenig an die Praxis des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der verzweifelt nach toten Komponistinnen sucht, die er präsentieren kann, um „sichtbar zu machen“, wie ungerecht die Frauen in der Musik behandelt werden und nicht etwa quicklebendige Musikerinnen vor die Mikrofone holt. Da wird man sehen, ob es wenigstens dem Festival gelingt, wie versprochen in der Gegenwart anzukommen. Zwei Tage bleiben dazu noch.
Michael S. Zerban
Das Ensemble Il Giratempo äußert sich am 27. Oktober dazu: