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Foto © O-Ton

Bunter Frauenabend

SOIRÉE
(Diverse Komponistinnen)

Besuch am
26. Oktober 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Kompo­nis­tinnen-Festival im Kultur­zentrum Zons

Der zweite Konzert­abend des Zweiten Zonser Kompo­nis­tinnen-Festivals findet in der Nordhalle unter dem Titel Soirée statt. Das ist der Konzertsaal in der Mitte der Zollfeste Friede­strom, der also hinter dem Kreis­museum Zons liegt. Ein umfang­reiches Programm, das kaum unter drei Stunden zu schaffen ist, schreckt das Publikum nicht ab. Nahezu jeder Stuhl in dem weißge­kälkten Saal mit einem schlichten Podium am Kopfende ist besetzt. Laut Joachim Fischer, Stell­ver­tre­tender Vorsit­zender des Vereins der Freunde und Förderer des Kreis­mu­seums Zons und Initiator des Festivals, sind damit schon jetzt die Besucher­zahlen des ersten Festivals überschritten.

Nachdem das Eröff­nungs­konzert sich am Vorabend auf die Kompo­nistin Isabella Leonarda, einer Nonne aus dem 17. Jahrhundert, beschränkte, soll es heute Abend ein wenig bunter zugehen, auch wenn die künst­le­rische Leiterin, Cosima Streich, gleich zu Beginn mit einer schlechten Nachricht aufwartet. Sängerin Anna Herbst ist nämlich gesund­heitlich angeschlagen und muss deshalb auf den Vortrag der Lieder von Emilie Mayer verzichten. Auch wenn man den Erlkönig sicher gern gehört hätte, erweist sich der Strich als Glücksfall in Bezug auf die Länge des Konzerts.

Dorothy Gemmeke – Foto © O‑Ton

Nichts­des­to­trotz beginnt der Abend mit einem Werk der extra­va­ganten Kompo­nistin, die 1812 in Friedland geboren wurde. Sie begann das Klavier­spiel mit fünf Jahren und verfasste erste eigene Kompo­si­tionen, als sie Unter­richt bei Carl Loewe erhielt. Bald entwi­ckelte sie sich zu einer der bekann­testen und produk­tivsten Kompo­nis­tinnen der Romantik, wurde als „weiblicher Beethoven“ gefeiert. Der Ruhm war aller­dings kurzlebig. Nach ihrem Tod 1883 gerieten ihre Werke, darunter acht Sinfonien, rasch in Verges­senheit. Erst Mitte der 1980-er Jahre wurden sie wieder­ent­deckt. In Zons kommt die Sonate in Es-Dur für Violine und Klavier zu Gehör. Am Klavier inter­pre­tiert von Dorothy Gemmeke, die Geige spielt Elisabeth Moog. Gemmeke, die Klavier und Klavier­päd­agogik in New York studierte und ihr Konzert­examen in Köln ablegte, gehört zu den regel­mä­ßigen Gästen der alljährlich statt­fin­denden Kompo­nis­tinnen-Konzerte im Kreis­museum Zons. 2010 legte Moog ihr Konzert­examen in Köln ab und ist seither freibe­ruflich in verschie­denen Ensembles sowie bei der Deutschen Kammer­aka­demie Neuss beschäftigt. Die viersätzige Sonate ist wohl vor 1855 entstanden und gilt als typisch für die kammer­mu­si­ka­li­schen Werke Mayers.

Da die Lieder Mayers entfallen müssen, geht es gleich weiter zu den nächsten Instru­men­tal­werken. Ein mächtiger Zeitsprung führt das Auditorium in das 20. Jahrhundert zu einer lebenden Kompo­nistin. Sofia Gubai­dulina wurde 1931 in eine tatarisch-russische Familie geboren. Sie studierte Kompo­sition und Klavier in Kasan und Moskau. Nachdem ihre Werke in den 1960-er und 70-er Jahren in Russland verboten waren, weil sie nicht den Vorstel­lungen des sozia­lis­ti­schen Realismus‘ entsprachen, gehört Gubai­dulina mit Alfred Schnittke heute zu den weltweit anerkannten Kompo­nisten Russlands der Ära nach Schost­a­ko­witsch. Seit 1992 lebt die Musikerin in Deutschland. Christian Winter führt Serenade und Toccata für Gitarre solo auf, ein erfri­schendes wie virtuoses Inter­mezzo, ehe Anna Herbst zu Wort kommt.

Anna Herbst – Foto © O‑Ton

Streich hat sich offenbar nicht deutlich genug ausge­drückt, so dass im Publikum ein wenig Verwirrung auftritt, wer denn nun die Sängerin sei. Tatsächlich wollte Herbst nicht ihren Auftritt absagen, sondern nur auf die Lieder von Emilie Mayer verzichten, um ihre angeschlagene Stimme zu schonen. Und so dürfen die Besucher den ersten Auftritt der inter­na­tional gefei­erten Sopra­nistin mit zwei Liedern von Amy Beach erleben. Beach, die von 1867 bis 1944 lebte, galt als musika­li­sches Wunderkind. Mit ihrem Mann verein­barte sie, nur unter dem Namen Mrs. H. H. A. Beach ihre Kompo­si­tionen zu veröf­fent­lichen und nur noch einmal jährlich aufzu­treten. In die Annalen der Geschichte ging sie vor allem ein, weil sie die erste ameri­ka­nische Frau war, die eine Sinfonie schrieb. Die wird nun nicht in Zons aufge­führt. Statt­dessen bringt Herbst die beiden Lieder Mirage und Stella viatoris zu Gehör, verstärkt von Elisabeth Moog an der Geige und Cosima Streich am Cello. Ein schöner Einfall, der noch steige­rungs­fähig ist, wie zu sehen sein wird.

Nach der Pause zeigt Herbst, warum es sich lohnte, dass sie auf die Lieder von Mayer verzichtete. Sie verwendet in Begleitung von Gemmeke sämtliche Reserven auf einen wunder­baren Vortrag des dreizehn Lieder umfas­senden Zyklus Clairières dans le ciel – Himmels­lich­tungen – für Gesang und Klavier nach Gedichten von Francis Jammes. Kompo­niert wurde das Werk von Lili Boulanger, der jüngeren Schwester von Nadia Boulanger, die bereits mit 24 Jahren starb. Sie hinterließ mehr als 50 überwiegend kammer­mu­si­ka­lische Werke. Nach dieser tour de force für die Sängerin steht ein weiteres Werk von Amy Beach auf dem Programm.

Das Klaviertrio opus 150 ist mit seinen drei Sätzen ihr letztes großes kammer­mu­si­ka­li­sches Werk, in dem sie sich ungewöhn­liche Freiheiten leistet, die Moog, Streich und Gemmeke schön heraus­ar­beiten. Hier gibt es eine Aufnahme des Mendelssohn-Piano-Trios aus dem Jahr 2020, die zwar nicht so überzeugend klingt wie die Aufführung in Zons, aber es lohnt sich, mal in den zweiten und dritten Satz hinein­zu­hören. Ein gelun­genes Finale des Abends, der letzt­endlich zweieinhalb Stunden dauert. Dem Publikum gefällt’s.

Am Sonntag steht das letzte Konzert des Festivals an. Dann ist sogar eine Urauf­führung vorgesehen.

Michael S. Zerban

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