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Wenn Barock als Seifenoper rockt

AGRIPPINA
(Georg Friedrich Händel)

Besuch am
14. März 2025
(Premiere am 2. März 2025)

 

Opernhaus Zürich

Man kann das Frühwerk Agrippina von Georg Friedrich Händel ohne weiteres als eine Art Vorläufer der heutigen TV-Serien inter­pre­tieren, in denen politische Intrigen, Täuschung, Begierde und rücksichtslose Macht­spiele die Haupt­in­gre­di­enzien sind. Mit Dallas und Dynastie fing es an, mit House of Cards auf Netflix ging es weiter. In diese Richtung zielt auch Regis­seurin Jetske Mijnssen mit der Bühne von Ben Baur und den Edelroben von Hannah Clark, denn ihre Adaption des alten Stoffs um 50 nach Christus spielt im Jahr 2025 in einem Appar­tement der Upper­class, umgeben von funkelnden Hochhäusern.

Kaiser Claudio ist ein mächtiger Politiker, und er muss nicht in ferne Schlachten ziehen, sein Schicksal erfüllt sich am Famili­en­tisch mit Freunden während eines gedie­genen Dinners. In der Video­ein­blendung von Kevin Graber bricht der Patriarch plötzlich zusammen und muss hospi­ta­li­siert werden. Wie in der Oper von Händel, die nach dem Libretto von Vincenzo Grimani 1709 in Venedig urauf­ge­führt wurde, ereilt die Gattin die Nachricht von seinem Hinscheiden. Doch es kommt anders, als es sich Agrippina sehr eigen­nützig erhofft.

Foto © Monika Rittershaus

Die Storyline, die den Opern­freunden Anfang des 18. Jahrhun­derts aufge­tischt wurde, ist denje­nigen von heutigen Krimis und Thrillern in Endlos­schleife sehr ähnlich. Eine intri­gante Patri­archin will ihren Sohn aus erster Ehe ins Zentrum der Macht hieven, und ihr ist jedes Mittel recht dazu. Eine Frau, die über Leichen geht, doch der Totge­glaubte kehrt unerwartet zurück und die Karten werden neu gemischt. Beim Macht­poker ums höchste Amt kommt auch die Liebe mit ins fiese Spiel, denn drei Männer begehren dieselbe junge Frau.

Mit einer Spiel­dauer von gut drei Stunden gehört die Oper Agrippina zwangs­läufig in die Kategorie binge watching. Mijnssens wird den Sehge­wohn­heiten von Serien­junkies gerecht, ihre Lesart ist entspre­chend spannungs­ge­laden und bietet genug Cliff­hanger. Die Regis­seurin hat ihre Protago­nisten fest im Griff, sie alle folgen einem minutiösen Drehbuch, das filmi­schen Charakter hat. Die Gefahr vom Rampen­singen, die bei einer Barockoper mit ihren Da-Capo-Arien um einiges höher ist als bei einem Opus von Giacomo Puccini, bannt die Regie mit einer detail­reichen wie authen­ti­schen Perso­nen­führung. Die unter­schied­lichen Charaktere sind subtil gezeichnet, ohne dabei ins Plakative abzudriften.

Agrippina ist die eiserne Lady, die gegen außen fürsorglich wirkt und hinter den Kulissen ihre giftigen Verschwö­rungen spinnt. Nerone ist ihr verwöhnter Sohn aus erster Ehe, der aufbe­gehrt und sich mit seinen Kopfhörern und Sneakers deutlich abhebt vom Classy Style seiner Mutter und seines Stief­vaters. Ottone gibt den properen Hochglanz­po­li­tiker ab, bei dem die Manieren ebenso gut sitzen wie seine Frisur. Claudio kann seine Selbst­herr­lichkeit nur schwer verbergen, wenn er um die Gunst von Poppea, seiner Kranken­schwester, wirbt.

Ben Baur findet für das Setting des Thrillers ein gehobenes Appar­tement mit teuren Bildern an den Wänden und ebenso erlesenem Mobiliar. Hier spielt Geld keine Rolle bei den Ausgaben, sondern vielmehr, wer künftig über den Reichtum befiehlt. Wenn im Dreiakter die Kulisse wechselt, geschieht das auf der jeweils dreige­teilten Bühne mit wenigen Handgriffen. Aus dem Salon wird ein Polit­podium oder ein Esszimmer. Die Handlung rutscht dank der sicheren Hand von Mijnssen nicht ins Lächer­liche ab, ein Augen­zwinkern gibt es trotzdem, wenn zum Beispiel Poppea mit ihren drei Verehrern in der Küche hantieren muss.

Das Opernhaus Zürich glänzt für die Produktion mit Opern­stars der Extra­klasse. Für Anna Bonita­tibus ist die Partie der durch­trie­benen Agrippina eine Parade­rolle, die sie im Stil einer Alexis Carri­ngton aus dem Denver-Clan genüsslich auskostet. Ihr Mezzo­sopran zeichnet sich durch eine warme, flexible und klanglich nuancierte Qualität aus, wobei ihr Timbre auch in den Höhen schön geschmeidig bleibt. Bonita­tibus glänzt ebenso mit präziser Phrasierung, klarer Diktion und einer beacht­lichen dynami­schen Bandbreite.

Für Chris­tophe Dumaux ist der Nerone ein Rollen­debut in Zürich. Er spielt den Antihelden, der aus dem snobis­ti­schen Rahmen fällt und sich wohl selbst als Paria wahrnimmt, nuanciert und mit Verve. Man nimmt ihm die späte Renitenz eines Mutter­söhn­chens gerne ab. Sein Counter­tenor ist markant, kraftvoll und punktet mit bewun­derns­werter Agilität. Das Timbre seiner Stimme ist metal­lisch und in jeder Lage absolut durch­set­zungs­fähig. Dumaux gelingen als Nerone sowohl strah­lende Höhen als auch robuste Tiefen.

Foto © Monika Rittershaus

Jakub Józef Orliński vollbringt den Spagat zwischen erst gefei­ertem und später gebro­chenem Helden Ottone mühelos. Sein Counter­tenor hat die wunderbare Mischung aus Geschmei­digkeit, Wärme und Flexi­bi­lität. Mit seinem weichen Timbre und einem natür­lichen, mühelosen Fluss, der sowohl sanfte Lyrik wie virtuose Brillanz ermög­licht, erobert Orliński die Herzen des Publikums im Sturm. Nahuel Di Pierro gewinnt sogar als Patron und Schür­zen­jäger Sympa­thien, sein Bass zeichnet sich durch warme, dunkle und zugleich elegante Klang­farben aus. Di Pierro faszi­niert als Claudio mit einem runden wie resonanten Timbre, das über eine natür­liche Geschmei­digkeit verfügt. Da ist auch Kraft und Flexibilität.

Dass sich die selbst­be­wusste wie temporär verliebte Poppea am Ende der Oper, das sogar nicht nach lieto fine riecht, zum Miststück entpuppt, ist der Darstellung von Lea Desandre im Rollen­debüt zu verdanken. Mit ihrem hellen Sopran beweist sie eine hohe Agilität in der Melodie­führung, dabei wirkt ihre Stimme nie scharf oder überdehnt, sondern vielmehr elegant und von lyrischer Qualität. Bestens besetzt sind auch die Neben­rollen mit José Coca Loza als Pallante, Alois Mühlbacher als Narciso und Yannick Debus als Lesbo.

Das Opus Agrippina, das Händel mit 25 Jahren schrieb und damit seinen Durch­bruch schaffte, ist die erste perfekte Kombi­nation zwischen virtuoser Gesangs­kunst mit tiefge­hender Charak­ter­zeichnung und einem feinen Gespür für drama­tische Entwick­lungen. Harry Bicket am Pult des Orchestra La Scintilla sorgt für einen reich­hal­tigen Klang­körper mit bedroh­lichen Basslinien und leichten tänze­ri­schen Rhythmen. Hier mischt sich auf wunderbare Weise die italie­nische Eleganz mit der deutschen Gründ­lichkeit der Kontra­punkt-Technik. Bicket bringt die eingän­gigen und ausdrucks­starken Melodien orchestral zum Blühen, ohne dabei die Virtuo­sität der Solisten zu unter­mi­nieren. Rezitative und Arien gehen nahtlos inein­ander über und sorgen für eine Stern­stunde des Barock.

Das Publikum honoriert das hohe Niveau der Solisten und des Orchesters mit Jubel­rufen und brandendem Applaus.

Peter Wäch

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