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LA FANCIULLA DEL WEST
(Giacomo Puccini)
Besuch am
21. Dezember 2017
(Premiere am 22. Juni 2014)
Barrie Koskys Einstand als Regisseur am Opernhaus Zürich in der Saison 2013/2014 war ein voller Erfolg. In seiner ungekünstelten und pointierten Umsetzung des Puccini-Westerns La fanciulla del West nach dem Libretto von Guelfo Civinini und Carlo Zangarini, 1910 an der New Yorker Met uraufgeführt, lieben und hassen sich die Helden auf dem Minenfeld eines Bergarbeiterareals und nicht in einem Cowboy-Saloon. Koskys schlüssige wie unaufgeregte Personenzeichnungen entwickeln sich an einem kargen und verlassenen Ort, der an den Gefängnisplaneten im dritten Teil der Alien-Saga erinnert. Das Monster ist hier aber kein gefräßiges Lebewesen, sondern die menschliche Eifersucht. Dem Regisseur gelingen subtile Tiefenschürfungen in einem trostlosen Stollen, die unter die Haut gehen. Er verzichtet bewusst auf romantischen Firlefanz und reduziert die eigentliche Dreiecksgeschichte zwischen zwei Männern und einer Frau auf das Wesentliche: die Emotion.
Im verlassenen Flecken, wo sich die Arbeiter nicht nur eine schmutzige Hose, sondern auch eine Staublunge holen und dieses Elend mit Whisky herunterspülen, spendet ein taffes Weib emotionalen Halt. Es ist die Barbesitzerin Minnie, und sie hat ihre Kerle gut im Griff. Die Frau ohne Furcht versteht es, mit Zuckerbrot und Peitsche die Ängste und Sehnsüchte der Mannschaft zu lindern und deren Rüpelhaftigkeit zu zügeln. Das geht so lange gut, bis ein Gangster namens Ramerrez die Gegend unsicher macht und unter falschem Namen das Herz der Wirtin erobert. Das sind für Sheriff Jack Rance bereits zwei Gründe, den Eindringling dingfest zu machen und an den Galgen zu führen. Aber Minnie ist stärker, als alle vermuten.
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Giacomo Puccini schrieb sein Opus vor mehr als 100 Jahren als eine Hommage an das geliebte Gastland Amerika. Dem Komponisten gelang mit der spanungsgeladenen Geschichte eine veritable Vorläuferversion des guten alten Kinowesterns. Dass Kosky bewusst auf schnittige Stetsons und schummrige Saloon-Romantik verzichtet, ist ein genialer Regieeinfall. Mit der tristen Umgebung einer Bergarbeiter-Siedlung schafft er den passenden Rahmen für packendes Schauspiel. Die Protagonisten erhalten im minimalistisch gestalteten Bühnenbild von Rufus Didwiszus die Möglichkeit, die Zerrissenheit ihrer Charaktere authentisch auf den Punkt zu bringen.
Der Tresen ist abgetakelt, die Stimmung aufgeladen. Liebe und Leidenschaft, aber auch Wut und Verzweiflung werden zu Tage befördert, so wie das Gold von den Männern in der Mine. Die raffinierte Lesart, die sich in einem filmischen Modus präsentiert, wirkt lebensnah. Das ist auch der Verdienst von Nina Russi, die mit ihrer szenischen Einstudierung den Sog dieses Beinahe-Dramas gewährleistet. Franck Evins Lichteffekte sind präzis und differenziert, mit Zurückhaltung geht auch Klaus Bruns bei den Kostümen ans Werk. Im Stil zeitlos, in den Farben blass, erhält man den Eindruck eines Schwarzweiß-Films, der nachkoloriert wurde.
Catherine Naglestad gab die Partie der Minnie bereits vor drei Jahren in Zürich und beweist auch bei der Wiederaufnahme, dass sie eine der angesagten Sopranistinnen unserer Zeit ist. Naglestad lebt ihre Rollen: Sie kocht vor Eifersucht als Mascagnis Santuzza, bebt vor Wut als Puccinis Tosca und steht ihre Frau als Mädchen aus dem fernen Niemandsland. Ihre Figurenzeichnung ist klar umrissen und zu jeder Minute glaubwürdig. Stimmlich ist die Sängerin in Hochform und bietet die ganze Palette, die Puccini in seiner polternden Partitur fordert. Man hört die vokale Pracht in der Tiefenlage, aber auch im gleißenden Forte.

Auf derselben Augenhöhe bewegt sich Brandon Jovanovich, der mit dem Banditen Dick Johnson ein starkes Rollendebüt in Zürich gibt. Der Tenor glänzt mit unbändiger Kraft und farbiger Fülle, die auch gegen Schluss des Dreiakters mit der Arie Ch’ella mi creda libero gänzlich unverbraucht wirkt. Eine Sternstunde ist der zweite Akt im kleinen und zugigen Eckzimmer der Schankwirtin. Wenn Naglestad und Jovanovich sich als Minnie und Ramerrez alias Johnson in Duett-Folgen ihre Liebe gestehen, ist das aufgeregte Knistern förmlich greifbar, und das macht schlichtweg ergriffen.
Scott Hendricks als Jack Rance hat anfangs keinen leichten Stand, der Stimmgewalt des Liebespaars Paroli zu bieten. Das macht sich in einem leichten Flattern im Forte bemerkbar. Der Bariton vermag sich aber in kurzer Zeit deutlich zu steigern und weit mehr Stabilität, aber auch Farben und Facetten in seine sonore Stimme zu legen. Einige der vielen männlichen Nebenfiguren in dieser Oper sind in Zürich mit eindrücklichen Stimmen aus dem Internationalen Opernstudio besetzt, darunter Jamez McCorkle und Cheyne Davidson. Pavel Daniluk als zwielichtiger Agent Ashby ist ein betörender Bass mit samtigem Timbre.
Die Philharmonia Zürich unter der musikalischen Leitung von Marco Armiliato lässt die Funken sprühen für Koskys Bergstollen. Es rauscht und stürmt, die satten Klänge brechen wie eine berstende Welle in der See über einen herein. Der Maestro hält die ungeheure Spannung von Beginn an aufrecht und treibt den Klangkörper mit pulsierenden Rhythmen und prächtiger Dynamik zur Blüte. Die Piano-Passagen sind fein austariert und selbst im krachenden Forte bleibt die Transparenz dieser vielschichtigen Partitur gewahrt. Das Ergebnis ist ein durchweg klares Klangbild, das sämtliche Schattierungen offenlegt. Armiliato schafft es souverän, die harmonische Wucht nicht im Kitsch zu ertränken. Der Chor der Oper Zürich unter Ernst Raffelsberger steht in punkto Brillanz und Volumen dem hohen Niveau des Ensembles in nichts nach und präsentiert sich außerdem in bester Spiellaune.
Das Publikum honoriert diesen Opernabend, bei dem einfach alles stimmt, mit tosendem Applaus und wiederholten Jubelrufen.
Peter Wäch