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Seelenbilder einer Ausstellung

DIE GEZEICHNETEN
(Franz Schreker)

Besuch am
23. September 2018
(Premiere)

 

Opernhaus Zürich

Das Opernhaus in Zürich unter der Leitung von Andreas Homoki eröffnet die Saison mit einer skandal­um­wit­terten Oper aus dem 20. Jahrhundert. Mit Franz Schrekers 1918 in Frankfurt am Main urauf­ge­führtem Werk Die Gezeich­neten beweist die Stätte einen guten Riecher für selten gespielte Ausnah­me­stücke, die den damaligen wie heutigen Zeitgeist bedienen und Konflikte kommen­tieren. Die schlüssige Insze­nierung von Barrie Kosky, ein starkes Sänger­ensemble sowie das luzide Dirigat von Vladimir Jurowski können aller­dings nicht verhindern, dass nach der Pause einige Sitze leer bleiben. Selbst während des Schluss­bilds des Dreiakters, verlassen verschreckte Zuschauer den Saal. Barrie Kosky rührt gegen Ende des Dramas in Calixto-Bieito-Manier mit der blutigen Kelle an, und das scheinen nicht alle im gleichen Maß zu goutieren.

Franz Schreker zeichnet auch für das Libretto verant­wortlich, und er macht das mit überbordend poeti­schem Wortschwall. Die Geschichte, die er serviert, basiert auf dem Theater­stück Hidalla von Frank Wedekind. Es handelt sich um starken Tobak im Stil des Kinoskandals Die 120 Tage von Salo des Regis­seurs und Drehbuch­autors Pier Paolo Pasolini aus dem Jahr 1975. In diesem wie in Schrekers Oeuvre geht es um eine perverse Gilde reicher Adliger, die junge Leute entführen, um sie zu schänden und zu ermorden. In Die Gezeich­neten steht der missge­staltete Edelmann Alviano Salvago im Zentrum des grausigen Geschehens. Er ist nicht nur hinsichtlich seiner Verstüm­melung eine tragische Figur. Der Genueser Mäzen wird unfrei­willig zur Schlüs­sel­figur der sexuellen Übergriffe, weil das Ungeheu­er­liche ausge­rechnet in seinem Elysium passiert. Ein Ort, den er für die schönen Künste reser­viert hat, aber selber nie betritt. Als er von der geheimen Grotte und den Missbräuchen erfährt, soll eine öffent­liche Schenkung an alle Stadt­bürger von Genua das teuflische Treiben verhindern. Salvago hat aber die Rechnung ohne all die Verge­wal­tiger gemacht, die ihre Lasterhöhle auf keinen Fall aufgeben wollen. Die Liebe zur Künst­lerin Carlotta Nardi reißt den getrie­benen Alviano für einen Moment aus dieser Crux, bis er erkennen muss, dass die Zuneigung der geheim­nis­vollen Schönen mehr der Kunst als ihm selber gilt. Am Ende steht der Krüppel, ähnlich wie in Verdis Rigoletto, als Schul­diger am Pranger.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Regisseur Barrie Kosky, Bühnen­bildner Rufus Didwiszus sowie Kostüm­de­signer Klaus Bruns erweisen sich als begnadete Geschich­ten­er­zähler. In der auf Reduktion getrimmten Lesart trägt die Genueser Upper­class graue Anzüge aus edlem Zwirn und erinnert vermutlich nicht ohne Grund an das Personal einer Zürcher Nobelbank. Koskys Absicht, den Thriller mit den Stilmitteln des Film noir aufzu­rollen, erfüllt sich aller­dings nur bedingt. Den Kenner verschlägt es eher in die eiskalte Ästhetik der Nuller­jahre, als es Regis­seurin Mary Harron wagte, Bret Easton Ellis‘ Blutorgie American Psycho mit dem jungen Christian Bale fürs Kino aufzu­be­reiten. Wie Harron setzt auch Kosky gezielt aufs Kopfkino, in dem er das Abscheu­liche nur andeutet.

Mit der von Franck Evin grell ausge­leuch­teten Bühne wähnt man sich im Ausstel­lungsraum eines Kunst­mu­seums. Die weißen Büsten und Statuen aus der Zeit der Antike, die sich passend zur jewei­ligen Situation im Kreis drehen, verstärken nicht nur die Nüchternheit, sie werden in der schieren Menge auch als Bedrohung wahrge­nommen. Im dritten Akt nach der Pause taucht der Zuschauer in Salvagos Wahnsinn ein. Die Einflüsse Sigmund Freuds und die Wehen des Ersten Weltkriegs, die in Schrekers Schaffen deutlich zum Ausdruck kommen, werden mit schumm­rigem Licht, üppigen Nebel­schwaden und geister­haften Ensem­ble­auf­tritten untermalt. Selbst Carlotta erscheint am Ende als eine Art Gespenst, bevor Salvago vollends den Verstand verliert und blutver­schmiert eine tragische Kunst­figur abgibt.

Foto © Monika Rittershaus

Die Zürcher Neupro­duktion kann auf ein starkes Sänger­ensemble zählen, das sich auf der gleichen Höhe begegnet. John Daszak ist als Alviano Salvago vor allem darstel­le­risch eine Wucht. Als physisch wie psychisch verkrüp­pelter Edelmann mit einem ausge­prägten Minder­wer­tig­keits­gefühl bedient er die die ganze Palette seeli­scher Zerrüttung und berührt nachhaltig. Sein heller Tenor strahlt über allem, außer bei den hohen Tönen im Forte wirkt Daszaks Stimme nicht selten angestrengt und spröde. Catherine Naglestad ist bekannt dafür, ihren Figuren emotionale Tiefen­schärfe zu verleihen. Das ist auch mit der Partie der Carlotta nicht anders. Stimmlich variiert die Sopra­nistin geschickt zwischen mädchen­haftem Charme bis hin zu einer lasziven Tiefe einer geheim­nis­vollen Frau. Die Facetten und die Dynamik ihres schil­lernden Soprans sind in den ersten beiden Akten ausge­prägter als im letzten Teil der Oper, wo sich vokale Ausbrüche mehren. Thomas Johannes Mayer ist als Graf Andrea Vitelozza Tamare ein diabo­li­scher Gegen­spieler Salvagos. Mit seinem wendigen wie warmen Bariton betört er durchwegs, sein dezidiertes Spiel ist plausibel. Chris­topher Purves als intri­ganter Herzog Antoniotto Adorno fällt mit seinem kräftigen Bariton stimmlich nicht ab und gibt des Teufels Advokaten mit knisterndem Impetus. Bariton Albert Pesen­dorfer als Lodovico Nardi, Carlottas Vater, komplet­tiert den Reigen der Haupt­rollen souverän. Wie Purves und Mayer gibt auch Pesen­dorfer sein Rollen­debüt in Zürich.

Es ist kein leichtes Spiel, Schrekers feinste musika­lische Veräs­te­lungen, die immer wieder in flirrendem Bombast erblühen, auf eine klare Linie zu bringen. Die eindring­liche Seelen­ma­lerei des Kompo­nisten ist verschwen­de­risch schwel­ge­risch, wie sie im Gegenzug verstörend wirken kann. Im einen Moment umschmei­cheln einen zarte Geigen­klänge, im anderen ist es ein Furioso mit Donnerhall. Vladimir Jurowski schafft mit der Philhar­monia Zürich ein durchwegs trans­pa­rentes Klangbild, das von Anfang an einen ungeheuren Sog entwi­ckelt und auch nach zweieinhalb Stunden Spielzeit seine Strahl­kraft nicht verliert. Zum ersten Mal am Opernhaus Zürich am Dirigen­tenpult, mangelt es Jurowski zeitweise an Gespür für die akusti­schen Rahmen­be­din­gungen. Es würde seinem Dirigat nicht schaden, die Crescendi in homöo­pa­thi­scheren Dosen zu verab­reichen, anstatt den Klang­körper wie einen Tornado an die Wand krachen zu lassen.

Peter Wäch

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