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LE GRAND MACABRE
(György Ligeti)
Besuch am
2. März 2019
(Premiere am 3. Februar 2019)
Ende gut, alles gut. Mit der letzten von sieben Vorstellungen von Le Grand Macabre, György Ligetis einziger Oper, vollendet sich die Neuinszenierung von Tatjana Gürbaca am Opernhaus Zürich nach einer Serie von unglücklichen Umständen zum Besten.
Nachdem Fabio Luisi infolge eines Kollapses kurz vor der Premiere die musikalische Leitung an Tito Ceccherini abgeben musste, Judith Schmid kurzfristig erkrankt war, wurde für sie Sarah Alexandra Hudarew, einer der wenigen Mezzosopranistinnen, die die Partitur der Mescalina beherrschen, von einem Übersee-Engagement extra eingeflogen. Da Hudarew erst unmittelbar vor der Premiere in Zürich ankam und so mit der Inszenierung nicht vertraut war, sang sie aus der Seitenbühne, während die Regisseurin Gürbaca kurzerhand die Spielrolle der Mescalina übernahm.
Diese surreal anmutende Premierengeschichte kann man wie ein Spiegelbild von Le Grand Macabre selbst lesen. Wie sich dann nach der Premiere bis zur letzten Aufführung zeigt, hat dieses Zusammentreffen verschiedener unglücklicher Umstände dazu geführt, dass Ligetis Groteske indirekt von allen Beteiligten schon vorab durchlebt, durchzittert wurde – und sie künstlerisch zu einer Erfolgsgemeinschaft zusammengeschweißt hat.
Ceccherini hat sich hörbar immer stärker mit Ligeti identifizieren und die Philharmonia Zürich in einen suggestiven Rausch mitreißen können. Ligetis Instrumentierung mit Autohupen, Fahrradklingeln, Alltagsgeräuschen, vermischt mit subtil nachgeahmten Pseudo-Zitaten quer durch die Oper- und Musikgeschichte von Bach über Mozart, Verdi, Rossini bis Strawinsky sowie folkloristischen Notaten übersetzt Ceccherini mit einer Fülle quietschbunter Klänge zwischen Humor und schwarzer Magie.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Hudarew hat ihren markant signierenden Mezzosopran mit einem lustvoll erotischen, außerordentlich präsenten Mescalina-Spiel verbunden. Von umständehalber bedingten Improvisationen gewonnen, überzeugt die Aufführung mit Spielwitz und ambitioniert charakterisierendem Gesang, dass man es einerseits bedauern kann, dass es vorläufig die letzte ist – um andererseits glücklich darüber zu sein, sie noch erlebt zu haben.
Ligetis ursprüngliche Idee, mit Le Grand Macabre, ohne sinngebende Wort-Artikulation Emotionen, Gefühle und Handlungsmotivation auszudrücken, ist zwar in der letztlich gültigen Form von 1997 reduziert worden. Gleichwohl bleibt die Oper eine dadaistisch aufgeladene Groteske. Obwohl viele Inszenierungen überzeugt sind, Le Grand Macabre kolportiere und verlache die Angst vor dem Tod, bleibt häufig bei allen assoziativen Bemühungen das Absurde, das Vage, das Offene, das Dekadente, das sich einer Erklärungslogik entzieht.
Gürbacas Inszenierung lebt dagegen von der Überzeugung, dass Ligeti es – trotz oder gerade wegen der Form einer Groteske – schafft, mit einem liebevollen Blick auf seine Figuren das Leben zu feiern. Sie nähert sich den Figuren mit einem empathischen Blick, der sie vielschichtiger erscheinen lässt, als man erwartet. Die Regisseurin entdeckt noch im Sadomaso-Miteinander von Astradamors und Mescalina, das bei den ersten Aufführungen in den 1970-er Jahren noch den Geruch des Illegitimen hatte, einen liebevollen Umgang eines in die Jahre gekommen Paares. Liebestollheit gestutzt auf das im Alter noch Mögliche wird zur erheiternden Lebendigkeit.

„Le Grand Macabre kommt mir manchmal vor wie das Warten auf Godot der Oper“, erzählt sie. Unerfüllte Sehnsüchte und ihr Scheitern, ihre surreal-rituellen Hintergründe gehen auf die Ballade Du grand macabre des flämischen Dramatikers Michel de Ghelderode zurück.
Das Auf und Ab zwischen Weltuntergang und Weiterleben-Können-Müssen übersetzt die Bühne von Henrik Ahr in mobile, horizontale Segmente, über denen ein luftschiffähnliches Fluggerät schwebt. Himmelshorizont und Venus-Gehäuse in einem, Platzhalter für Gürbacas sinnlich-erotische Wendung der Groteske ins allzu Menschliche. Eir Inderhaug ist als Venus so erotisch – per Live-Video auf die Außenhaut des Luftgeräts projiziert – wie sie als Geheimdienstchef Gepopo mehr lahmt als manipuliert. Ihre ausgewogen temperierte Stimme lahmt dagegen keineswegs. In stotternder Rossini-Persiflage kurbelt sie Ligetis Grand-Macabre-Zwitschermaschine vehement an.
Während Amanda und Amando – die Sopranistin Alina Adamski und die Mezzosopranistin Sinéad O’Kelly singen und spielen slapstickartig mit lustvoller Überzeugung – es vorziehen, nichts auf Nekrotzars großmäulige Weltuntergangsprognose zu geben und sich mit Sexspielen abwenden, wird das Besäufnis von Piet vom Fass mit dem Showmaster-Angeber zum Desaster. Die Figur des Nekrotzar charakterisiert Leigh Melrose in einer Mischung aus Überheblichkeit, Anmaßung und Kleinkariertheit sängerisch und schauspielerisch wirkungsvoll.
Letztlich wird der Weltuntergang verpasst. Der Grand Macabre hat versagt. Er ist ein Betrüger. Alles wieder auf null: Weiterleben. Aber wie und mit welcher Gewissheit?
Nach irritierender Orientierungssuche – eindrucksvoll wie Alexander Kaimbacher als Piet vom Fass und Jens Larsen als Astradamors zu Beginn des vierten Bildes schwimmend choreografiert über die Bühne hinweg ins Irgendwo schweben – singen am Ende alle befreit „Fürchtet den Tod nicht, gute Leut‘! Irgendwann kommt er, doch nicht heut‘!“ Bei diesem fröhlich gestimmten Abgesang bewegen sie sich wie aus dem Gemälde Winterlandschaft mit Eisläufern und Vogelfalle von Pieter Bruegel dem Älteren hervorgetreten.
Bruegel ist für Gürbaca Bild und Metapher zugleich, die das Geschehen im Fürstentum Breughellland im soundsovielten Jahrhundert ins Heute überträgt. Zeitlos und bunt von Barbara Drosihn kostümiert, sind Sänger und Opernbesucher fashionable the same. Der Chor der Oper Zürich, der, wie es im Libretto heißt, bisher vom Publikum nicht zu unterscheiden war, schmettert zur Mitte des dritten Bildes Wehe-Rufe durch Parkett und Rang. Leinene Totenkopfmasken auf den Köpfen geben ihren Bitten eine unübersehbare Direktheit. Der Chor intoniert und spielt kraft- und lustvoll.
So überdreht, ins Surreale gewendet, das Libretto ist, so präzise hat Ligeti komponiert. Die Zwischenmusik am Ende des dritten Bildes, eingetaucht in ein bläuliches Halbdunkel, paraphrasiert das Nichts mit suggestiven Cluster-Klangflächen.
Schon der legendäre Anfang mit den besagten Autohupen eröffnet einen ungewöhnlichen Klangkosmos. Ligetis mehrstimmige Klangperspektiven zwischen schriller Redundanz, barockisierenden Toccata-Anklängen und psalmodierenden Klangräumen, angereichert mit belcantesken Koloraturketten, geriert sich unter Ceccherini nicht zu einem postmodernen Zitaten-Flickenteppich, sondern zeigt Ligeti synästhetisch pur.
Die Philharmonia Zürich handhabt das ungewohnte Instrumentarium Ligeti-like. Während die Solisten spielerische und sängerische Spagate en masse bravourös absolvieren, dynamisiert der Chor mit seiner Interaktion aus dem Publikum heraus die Inszenierung.
Großer Beifall für eine große Inszenierung mit einer verschämten Abschiedsträne im Auge.
Peter E. Rytz