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LUCIA DI LAMMERMOOR
(Gaetano Donizetti)
Besuch am
28. Februar 2019
(Premiere am 14. September 2008)
Mit Lucia di Lammermoor bringt Gaetano Donizetti den Typus Belcanto-Oper in seinem romantischen Kern zum Klingen. Seit der frenetisch gefeierten Uraufführung 1835 in Neapel bis heute kann man sich ihrem schaurig-düsteren Sog nicht entziehen.
Nach der Aufführung im Opernhaus Zürich in der feinsinnig raffinierten Inszenierung Damiano Michielettos bleibt einzig die Frage offen, wem die Krone gebührt. Dem hochbetagten Maestro Nello Santi am Pult der Philharmonia Zürich oder der beeindruckenden Sopranistin Nina Minasyan?
Santi, eine Legende traditionsbewusst in der Nachfolge von Toscanini und Furtwängler, seit fast 70 Jahren am Pult versus Minasyan, deren Stern gerade aufgeht. 2014 ihr fulminantes Debüt an der Deutschen Oper Berlin als Königin der Nacht in Mozarts Zauberflöte, gefolgt von eben jener Lucia di Lammermoor an der Staatsoper München, an der Opéra national de Paris, an der Semperoper Dresden und jetzt in Zürich.
Diese Frage ist letztlich nicht wirklich zu beantworten. Die Zürcher Aufführung beweist allerdings, wie es weit über Generationsgrenzen hinweg gelingt, Tradition und Moderne künstlerisch zu einem grandiosen Ganzen zusammenzufügen.
Schon zu Beginn, als Santi das Pult mit einiger Mühe betritt, geht ein lautstarkes Raunen und Applaudieren durchs Opernhaus. Nach wie vor weltweit insbesondere als Donizetti-Spezialist unterwegs, dirigiert er alle seine Opern auswendig. Es ist beeindruckend, wie er trotz körperlicher Beeinträchtigung – zum Schlussapplaus lässt er sich von Nina Minasyan und Ismael Jordi, dem Sir Edgardo di Ravenswood der Aufführung, stützen – mit seiner über Jahrzehnte umfänglich gesättigten Weisheit Orchester, Chor und Solisten stilsicher durch die schaurigen Ab- und Hintergründe der Familien Ashton und Ravenswood führt.
Das dunkel schimmernde d‑Moll-Motiv zu Beginn dirigiert er ostentativ stehend, weit ins Orchester ausgreifend, um fortan im Sitzen mit sicherem Gespür Akzente zu setzen. Santi führt die Philharmonia Zürich souverän auch durch Michielettos Extra-Klangreizungen, die ihm möglicherweise weniger entsprechen. Die Szenenbeschreibung des Librettos mit Gewitter übersetzt Michielettos Lichtgestalter Martin Gebhardt in flackerndes Stroboskoplicht, wie die fröhliche Tanzmusik zum Hochzeitsfest vom durchgehend wacker und agil intonierenden Männerchor mit karnevalesken Konfetti-Kanonen bebildert wird.
Jede Inszenierung, die sich nicht aus der grundsätzlichen Überzeugung der Romantik, dass es Bereiche im Leben gibt, die sich in Konsequenz einer Logik entziehen, heraus mogelt, hat ein Problem. Denn schlussendlich, wie es Donizetti mit der Wahnsinnsarie anspricht, gilt der romantischen Überzeugung nach der Wahnsinn als die höchste Identifikationsstufe, in der der Mensch zu sich selbst nur kommen kann. Michieletto hat eine wirkungsmächtige Idee.
Mit der Szene am Brunnen als dem Ort, von dem in der Vergangenheit der Fluch ausging, der die Ashtons und die Ravenswoods zu Todfeinden signierte, erfindet Michieletto den Fluch-Geist Lucias mit einer so bezeichneten weißen Frau. Ginger Nicole Wagner wird Lucia in somnambulem, langsam schreitendem Slow-Motion- Habitus fortan vorausschauend begleiten.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Mit einer Rose, aufgesetzt auf einer Pfeilspitze, markiert Lucias Schattenfrau lautmalerisch jene, von Santi akzentuiert gesetzten Generalpausen, die den nächsten, aufhaltsamen Schritt des Schicksals vorantreiben. Einen Dolch, wie ein Damokles-Schwert wegweisend haltend, schaffen Wagners choreografierten Körperbewegungen spielerische Resonanzböden, die Minasyan mit ihrer Stimme sublimiert.
Minasyans Abschluss „Ascolta“ ihres ersten Einsatzes am Brunnen, zu ihrer Kammerfrau Alisa – Gemma Ni Bhriain in der gebotenen Zurückhaltung rollengerecht mit Struktur – geneigt, schwingt sich ihr Gesang zu einer hauchzarten, traumverlorenen, überirdischen Klangfeinsinnigkeit auf. Ihr Sopran schimmert pianissimo. Für einen Moment glaubt man, seinen Ohren nicht zu trauen. Noch Stimme, gleichzeitig schon sphärisch entrückt.

In der Wahnsinnsarie führt Michieletto sie von den oberen Etagen des von Paolo Fantin gläsernen, schief gebauten Turmes, einem Lammermoor-Babel von oben abwärts nach unten und in einer Kreisbewegung wieder zurück nach oben. Auf der Spitze des Wahnsinns springt ein Lucia-Double in den vom Chor umstaunten Tod. Minasyan singt diese 15-minütige Bravourarie mit einer ungewöhnlich authentischen, stimmlich und spielerisch poetischen Noblesse. Man kommt bis zuletzt nicht aus dem Staunen heraus, woher diese eher zierliche, figürlich mehr Tanzelevin als Sopranistin, mädchenhaft wirkende Frau Kraft und Volumen hernimmt. Ihre Lucia ist außerordentlich. Sie ist in und mit dieser Inszenierung maßstabsetzend.
Schief, aus dem Lot geraten, durchsichtig ist Fantins Turm eine brillante Metapher für Szenenfolgen, die Transparenz suggeriert, aber in der Handlung keine Durchsichtigkeit im Kräftespiel von Macht und Potenz zulässt. Der Turm, ein gebautes Gespenst, in dem niemand leben kann. Enrico, Lucias Bruder sinnt allein auf Rache und verheddert sich in seinem intriganten Machtspiel.
Roman Burdenko gibt den Enrico mit animalischer Wut einen gewaltig tönenden Charakter. Mit Pater Raimondo glaubt er sich göttlichen Beistandes zu versichern. Am Ende, so oder so, obsiegt immer der Gottesmann. Wenwei Zhang gewinnt, je mehr sich die Geschichte dem Ende zuneigt, dem Libretto von Salvatore Cammarano nach der Erzählung The Bride of Lammermoor von Sir Walter Scott immer mehr Gewicht. Sein voluminöser, gleichwohl geschmeidiger Bass figuriert die gottgegebene Erhabenheit in eine entlarvende, aalglatte Brüchigkeit.
Klassischerweise könnte nach der Wahnsinnsarie Schluss sein. Aber Donizetti überlässt anstelle einer Primadonna Ismael Jordi als Primo Uomo die letzte Dramatik. Jordi, von einigen als der spanische Tenor des 21. Jahrhundert gefeiert, ist ein Edgardo im Torero-Habit. Kämpferisch behauptend in seinem Liebesversprechen gegenüber Lucia, wie blind vertrauend im Eitelkeitsmodus, trifft sein Tenor einen, den Höhen mitunter over-tuned konturiert, den jeweils situativ dimensionierten Ton. Im Duett mit Minasyan klingt Donizetti, wie man sich Donizetti vorstellt.
Überwältigender Beifall am Ende trotz der dreistündigen Schauerromantik. Ästhetisch kann jeder sie deshalb trotzdem genießen, weil, wahnsinnig sind ja immer nur die anderen.
Peter E. Rytz