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Foto © Toni Suter

Schmetterling unter der Lupe

MADAMA BUTTERFLY
(Giacomo Puccini)

Besuch am
10. Dezember 2017
(Premiere)

 

Opernhaus Zürich

Der Ferne Osten ganz nah. Das Opernhaus Zürich legt Giacomo Puccinis berühmten Sommer­vogel unters Brennglas und gewährt einen inten­siven Blick auf das 1904 an der Scala urauf­ge­führte Meisterwerk mit dem Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica. Madama Butterfly wird in diesem gnaden­losen Close-up von Regisseur Ted Huffman zum intimen Kammer­spiel und auch zum Tränen­drücker. Wenn da nur nicht dieser schwer inter­pre­tierbare Schluss wäre.

Am Anfang war der leere Raum. Man wähnt sich in der Ausstellung eines Kunst­mu­seums. Weiße Wände und mittendrin das Nichts. Japanische Schlichtheit, so scheint es, aber der unheim­liche Ort füllt sich schnell mit Leben. Glatz­köpfige Komparsen tauchen aus raben­schwarzer Nacht auf und wuchten schwere Möbel und Objekte ins Zentrum, die ein Zuhause erkennen lassen. Es ist jedoch nur bedingt die alte Tradition, die hier gelebt wird, denn es prallen zwei völlig verschiedene Kultur­welten aufein­ander. Der ameri­ka­nische Militär und Imperialist Benjamin Franklin Pinkerton hat sich für wenig Geld eine sehr junge Geisha gegönnt und verweist sie ins vermeint­liche Liebesnest mit Blick auf die Bucht von Nagasaki. Dort wird die Schöne mit Namen Cio-Cio-San die Zeit vor allem mit Warten verbringen: Auf den flüch­tigen Ehemann und die Erfüllung einer Sehnsucht jenseits rigider Konven­tionen. Aber der Offizier ist kein Gentleman, denn er kehrt mit neuer Gattin zurück.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Huffman reduziert den komplexen Stoff nach der gleich­na­migen Tragödie von David Belasco mit einer auf Minima­lismus getrimmten Anschauung aufs Maximum und erhält dafür adäquate Unter­stützung vom Bühnen­bildner Michael Levine. Die präzise wie unauf­ge­regte Lesart zwischen Belle-Époque-Ästhetik und fernöst­licher Ahnen­scha­tulle hat zudem etwas Klaus­tro­pho­bi­sches, dem man sich nicht entziehen kann. Es ist ein Haus, in dem die Besit­zerin nicht lebt. Ein gross­zü­giger panic room, in dem sie mehr verloren als geborgen scheint. Die nuancierte Licht­ge­staltung von Franck Evin stellt die einzelnen Figuren aus wie die Bilder in einer Ausstellung. Der Chor wird dazu mitunter im Freeze festge­halten. Wenn die Protago­nisten sich an den Wänden als Schat­ten­fi­guren wieder­finden oder im Moment der Wahrheit grell ausge­leuchtet werden, hat das etwas Plaka­tives und das verfehlt seine Wirkung nicht.

Regisseur Huffman gelingt mit der choreo­gra­fi­schen Mitar­bei­terin Sonoko Kamimura-Ostern und der Chorein­stu­dierung von Ernst Raffels­berger ein äußerst authen­ti­sches Sittenbild dieses Culture Crashs mit program­miertem Freitod. Das Team entwi­ckelt die bösen Folgen einer nonkon­formen Instant-Heirat und der damit einher­ge­henden Entfremdung aus der Sicht von Cio-Cio-San, und das ist in seiner unauf­ge­regten Stringenz schlüssig und packend. Es macht Sinn, dass die präch­tigen Kostüme von Annemarie Woods eine mehrheitlich tradi­tio­nelle Sprache sprechen. Allzu gewagte Inter­pre­ta­tionen und Zeitsprünge würden von den schau­spie­le­ri­schen Feinzeich­nungen ablenken. So sehen wir ein Japan um die Jahrhun­dert­wende, das sich aber deutlich nach dem Westen reckt und mit stili­siertem Urban­schick diese Öffnung zelebriert.

Svetlana Aksenova gibt in Zürich ihr Debüt. Die Rolle der Madama Butterfly hat sie an die sechzig Mal und in zehn verschie­denen Produk­tionen gesungen. Die Sopra­nistin wirkt jedoch alles andere als verbraucht in dieser Rolle. Es scheint, dass sie mit jedem Auftritt als Puccinis Geisha an Inten­sität gewinnt. Aksenova gelingt die Rollen­ge­staltung, die den Wandel vom naiven Teenager­mädchen zur jungen Mutter und später zur verzwei­felten Ehefrau beinhaltet, auf ergrei­fende Weise. Die Gestik als japani­sches Mädchen ist subtil, die Ausweg­lo­sigkeit vor dem Selbstmord überwäl­tigend. Diese Vielschich­tigkeit der Partie drückt Svetlana Aksenova auch stimmlich facet­ten­reich aus. Die Spann­weite ihres Soprans reicht vom leichten Schön­gesang bis hin zu lyrischer und drama­ti­scher Fülle. In der Mittellage und im Brustton bringt die Künst­lerin ein sonores Mezzot­imbre zum Klingen. Die Akzente sind schnur­gerade, das Forte manchmal etwas überdreht. Bei der Arie Un bel vedremo bleibt Aksenova am Schluss eine Spur hinter den Erwar­tungen zurück, die Verzweiflung wird erst später erkennbar.

Svetlana Aksenova als Cio-Cio-San – Foto © Toni Suter

Saimir Pirgu gibt als Pinkerton sein Rollen­debüt. Der Tenor glänzt von Anfang mit Dovunque al mondo mit vokaler Pracht, edel geformten Kanti­lenen und vollendeten Legati. Im Verlauf des Abends vermag sich Pirgu in punkto Phrasie­rungen noch zu steigern. Das leichte Metall in seiner strah­lenden Stimme passt hervor­ragend zum schnit­tigen Marine­leutnant. Im Spiel lässt Saimir Pirgu aller­dings eine vielschichtige Figur erkennen, die weit weniger unsym­pa­thisch als viel mehr mit der Situation überfordert wirkt. Brian Mulligan als Konsul Sharpless ist in seiner Fürsorge zur geprellten Geisha fest umrissen. Das anfäng­liche Beben in seiner Stimme kriegt der Bariton schnell in den Griff und betört daraufhin mit einer satten Kraft im Forte und einem warmen Timbre in den weniger lauten Passagen. Judith Schmid als Dienerin Suzuki lässt sich an der Premiere aufgrund einer Erkältung ansagen und das scheint zu helfen. Ihr ausge­sprochen dunkler Mezzo­sopran ist die perfekte Ergänzung zur hochka­rä­tigen Besetzung der Haupt­rollen. Auch bei den Neben­rollen gibt es kaum etwas zu kritteln, hier seien besonders Huw Montagué Rendall in der Doppel­rolle als Fürst Yamadori und Standes­be­amter sowie Ildo Song als Onkel Bonze erwähnt.

Mit der gleichen Brenn­schärfe, wie die Regie ans Werk geht, wird auch die dichte Partitur des Maestros musika­lisch freigelegt. Die Philhar­monia Zürich unter der Leitung von Daniele Rustioni sorgt für einen glanz­vollen und spannungs­reichen Abend. Puccinis vielschichtige und wendungs­reiche Notie­rungen hört man nicht oft derart lupenrein. Rustioni gelingt es souverän, feinste Veräs­te­lungen zum Vorschein zu bringen und den emotio­nalen Bombast der Oper mit ganzer Kraft auszu­kosten. Ob klarer Bergsee oder reissender Fluss, der Maestro navigiert den Orches­ter­ap­parat mit feinem Gespür und nicht nachlas­sender Leiden­schaft durch sämtliche Gewässer. Der Chor der Oper Zürich steht diesem gelun­genen Steiltanz in nichts nach. Das offenbart sich schön beim gesummten Nocturno zu Beginn des dritten Akts.

Das Premie­ren­pu­blikum in Zürich reagiert auf diesen gelun­genen Opern­abend entspre­chend enthu­si­as­tisch mit Bravo­rufen und Rhyth­mus­klat­schen. Und das, obwohl der Schluss verstört. Cio-Cio-San, so inter­pre­tieren es nicht wenige, begeht kein Harakiri, sondern bricht in den Armen von Pinkerton zusammen. Die Deutung, der vermeint­liche Chauvinist würde seine Gattin auf Zeit erwürgen, ist falsch. Madama Butterfly schneide sich zuvor die Kehle auf, hört man aus der Direktion. Das ist schwer nachvoll­ziehbar, weil kein Tropfen Blut fließt. Die Erlösung der getrie­benen Geisha ist derart zwingend, dass man trotz aller Ästhetik nicht auf diesen Theater­trick verzichten sollte.

Peter Wäch

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