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Gegen die Wand

NABUCCO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
29. Juni 2019
(Premiere am 23. Juni 2019)

 

Opernhaus Zürich

Das ist es wieder, das Teil, das sich um die eigene Achse dreht und an dem die Protago­nisten kleben wie die Gläubigen an der Klage­mauer. Die Requisite in Andreas Homokis Lesart des alttes­ta­men­ta­ri­schen Stoffs ist aus grünem Marmor und somit weit edler als das staubige Original. In Verdis dritter Oper aus dem Jahr 1842 nach dem Libretto von Temis­tocle Solera geht es um einen Glaubens­krieg. Die Hebräer haben der Vielgöt­terei abgeschworen und müssen dafür büssen. Sie werden von den stolzen Babylo­niern gefan­gen­ge­nommen und geknechtet. Eine Famili­en­ge­schichte, die sich vor allem um einen Patri­archen und seine zwei ungleichen Töchter dreht, bringt Pep ins Geschehen. Das kann man von Homokis Umsetzung nicht durchwegs behaupten, zumal sich seine Heran­ge­hens­weisen an schwierige Libretti ähneln wie ein Ei dem anderen.

Am Opernhaus Zürich wird die typische Handschrift des Inten­danten und Regis­seurs aktuell mit zwei Verdi-Opern veran­schau­licht. Zeitgleich mit Nabucco wird Homokis Arbeit La Forza del destino wieder­auf­ge­führt. Bei der Premiere vor einem Jahr lautete der Titel dazu bei O‑Ton: Immer an der Wand lang. Geändert hat sich diesbe­züglich nicht viel, nur die Form im Zentrum ist eine andere. Aus dem Kubus in Forza wird bei Nabucco eine prägnante Wand, die im steten Dreh neue Tableaus im Vierakter ermög­licht. Ein paar Jahre zuvor stellte Homoki für Bellinis I puritani einen Zylinder auf eine Drehbühne. Auch damals war die Regie im festen Glauben, mit genug Umdre­hungen die Handlung voran­zu­treiben. Für viele kam jedoch nur eins in Fahrt, und das war die gepflegte Langeweile.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Nun muss man zu Homokis Vertei­digung sagen, dass sein Konzept mit nahezu null Requisite, aber aufge­bauschter Ästhetik gerade bei Nabucco am besten funktio­niert. Die geäderte Marmor-Mauer wird szenisch punkt­genau verschoben und das verschafft dem Chor je nach Position promi­nente Auftritte. Die Haupt­fi­guren agieren authen­tisch und erschöpfen sich kaum in eintö­nigem Rampen­singen. Mit kecken Show-Einlagen des Chors wagt sich Homoki gar aufs varie­tis­tische Parkett, ohne dabei auszu­rut­schen. Auch das Einfrieren einer Szene kommt präzise zur Musik. Das Opus während seiner Entste­hungszeit spielen zu lassen, macht durchaus Sinn. Wolfgang Gussmann, der auch die Bühne verant­wortet, und Susanne Mendoza geben alles, um die unruhige Zeit des Risor­gi­mento kostüm­tech­nisch aufleben zu lassen. Mitte des 19. Jahrhun­derts war Italien, ähnlich wie die Hebräer 586 vor Christus, fremd­be­stimmt. Während Verdis Schaffen dirigierten Bourbonen und Habsburger die Geschicke des losen Staaten­bundes, der später zur Nation wurde.

Bereits zur Ouvertüre, die mit sattem Klang und ordentlich Schub aus dem Orches­ter­graben ertönt, greift Homoki das Drama der Familie szenisch subtil auf. Die Töchter sind noch klein. Während die beiden Mädchen um die Krone kämpfen, erleidet der König der Babylonier einen Schlag­anfall. Das ist besonders pfiffig, weil man auf diese Weise den plötz­lichen Wahnsinn des Herrschers, der gegen Ende des Werks dann wieder bei Sinnen ist, plausibel veran­schau­lichen kann. Einzig Franck Evin bleibt am Licht gelinde gesagt zurück­haltend. Die Insze­nierung ist düster wie ein Caravaggio-Gemälde.

Foto © Monika Rittershaus

Michael Volle gibt in seinem Rollen­debüt als Nabucco Vollgas. Sein Bariton strahlt erhaben und sonor in den Raum. Auch wenn er hinsichtlich Elasti­zität und Geschmei­digkeit ein paar Einbrüche erkennen lässt, überzeugt er mit einem donnernden und zugleich warm durch­zo­genen Stimm­vo­lumen. Volles Darstellung eines unnach­gie­bigen und strecken­weise liebe­vollen wie wahnsin­nigen Patri­archen ist packend wie in einem Shake­speare-Drama. Anna Smirnova hält als Abigaille mit unange­strengter Stimm­gewalt dagegen. Das lässt bei den hohen Tönen aller­dings einen gewissen Schrill­faktor erkennen. Dabei kann die Mezzo­so­pra­nistin auch leise. Smirnova gelingt es stimmlich, schnur­gerade in den Keller zu stolzieren, wo sie im dunklen Brustton sinister glüht und für Schau­er­mo­mente sorgt. In der Gestik legt die Künst­lerin manchmal ein Scheit zu viel ins Feuer und wirkt in ihrer Rollen­ge­staltung drama­tisch überzeichnet.

Benjamin Bernheim gibt in Zürich sein Debüt als Ismael und überzeugt auf der ganzen Linie. Da ist Strahl­kraft und Schmelz, da sind aber auch gleißende Höhen. Sein wendiger Tenor hat eine unver­kennbare cremige Note, die selbst im Forte keine Einbußen erleidet. Bernheim hat das Zeug zum Helden­tenor und befindet sich diesbe­züglich auf der Zielge­raden. Für Fenena, die einzige leibliche Tochter Nabuccos, hatte Verdi nicht viele Noten übrig. Gerne würde man mehr hören von Veronica Simeoni, die mit einem ausdruck­starken und wandel­baren Sopran punktet. Georg Zeppe­nfeld ist Zaccaria, der geschickte Verhandler und Hohepriester der Hebräer. Mit seinem auftrump­fenden und gut tempe­rierten Bass mausert er sich an diesem Abend zu einem Publi­kums­liebling. Stanislav Vorobyov liefert im Debüt als Oberpriester des Baal eine solide Leistung.

Fabio Luisi spannt mit der Philhar­monia Zürich von Anfang an einen konzisen musika­li­schen Bogen, der mit militä­risch zackigen Rhythmen faszi­niert und in den leisen Passagen silbern glitzert. Luisi präsen­tiert einen trans­pa­renten Klang­körper mit fein ausge­ar­bei­teten Instru­menten-Soli. Sein elegisch subtil abgestimmtes Dirigat bringt die satte Dramatik in der Partitur minutiös auf den Punkt und kommt dabei gänzlich ohne plattes Humtata aus.

Das Beste kommt zum Schluss, und das ist in dieser Nabucco-Neupro­duktion der Chor der Oper Zürich mit Zuzüger und Zusatzchor. Janko Kastelic führt die Sänger­riege mit sicherem Gespür in die empha­ti­schen Sphären Verdis. Er gestaltet die Hymne Va pensiero! anfangs bewusst feingliedrig und zurück­haltend, um dann diesen flehenden Ruf nach Freiheit mit voller Wucht dem Publikum entge­gen­zu­schleudern und im leisen Aussummen für Dauer­frösteln zu sorgen.

Die Zuschauer honorieren die musika­lische und gesang­liche Leistung an diesem Abend mit Jubel­rufen und lautstarkem Applaus, der in ein begeis­tertes Rhyth­mus­klat­schen mündet.

Peter Wäch

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