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Das ist es wieder, das Teil, das sich um die eigene Achse dreht und an dem die Protagonisten kleben wie die Gläubigen an der Klagemauer. Die Requisite in Andreas Homokis Lesart des alttestamentarischen Stoffs ist aus grünem Marmor und somit weit edler als das staubige Original. In Verdis dritter Oper aus dem Jahr 1842 nach dem Libretto von Temistocle Solera geht es um einen Glaubenskrieg. Die Hebräer haben der Vielgötterei abgeschworen und müssen dafür büssen. Sie werden von den stolzen Babyloniern gefangengenommen und geknechtet. Eine Familiengeschichte, die sich vor allem um einen Patriarchen und seine zwei ungleichen Töchter dreht, bringt Pep ins Geschehen. Das kann man von Homokis Umsetzung nicht durchwegs behaupten, zumal sich seine Herangehensweisen an schwierige Libretti ähneln wie ein Ei dem anderen.
Am Opernhaus Zürich wird die typische Handschrift des Intendanten und Regisseurs aktuell mit zwei Verdi-Opern veranschaulicht. Zeitgleich mit Nabucco wird Homokis Arbeit La Forza del destino wiederaufgeführt. Bei der Premiere vor einem Jahr lautete der Titel dazu bei O‑Ton: Immer an der Wand lang. Geändert hat sich diesbezüglich nicht viel, nur die Form im Zentrum ist eine andere. Aus dem Kubus in Forza wird bei Nabucco eine prägnante Wand, die im steten Dreh neue Tableaus im Vierakter ermöglicht. Ein paar Jahre zuvor stellte Homoki für Bellinis I puritani einen Zylinder auf eine Drehbühne. Auch damals war die Regie im festen Glauben, mit genug Umdrehungen die Handlung voranzutreiben. Für viele kam jedoch nur eins in Fahrt, und das war die gepflegte Langeweile.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Nun muss man zu Homokis Verteidigung sagen, dass sein Konzept mit nahezu null Requisite, aber aufgebauschter Ästhetik gerade bei Nabucco am besten funktioniert. Die geäderte Marmor-Mauer wird szenisch punktgenau verschoben und das verschafft dem Chor je nach Position prominente Auftritte. Die Hauptfiguren agieren authentisch und erschöpfen sich kaum in eintönigem Rampensingen. Mit kecken Show-Einlagen des Chors wagt sich Homoki gar aufs varietistische Parkett, ohne dabei auszurutschen. Auch das Einfrieren einer Szene kommt präzise zur Musik. Das Opus während seiner Entstehungszeit spielen zu lassen, macht durchaus Sinn. Wolfgang Gussmann, der auch die Bühne verantwortet, und Susanne Mendoza geben alles, um die unruhige Zeit des Risorgimento kostümtechnisch aufleben zu lassen. Mitte des 19. Jahrhunderts war Italien, ähnlich wie die Hebräer 586 vor Christus, fremdbestimmt. Während Verdis Schaffen dirigierten Bourbonen und Habsburger die Geschicke des losen Staatenbundes, der später zur Nation wurde.
Bereits zur Ouvertüre, die mit sattem Klang und ordentlich Schub aus dem Orchestergraben ertönt, greift Homoki das Drama der Familie szenisch subtil auf. Die Töchter sind noch klein. Während die beiden Mädchen um die Krone kämpfen, erleidet der König der Babylonier einen Schlaganfall. Das ist besonders pfiffig, weil man auf diese Weise den plötzlichen Wahnsinn des Herrschers, der gegen Ende des Werks dann wieder bei Sinnen ist, plausibel veranschaulichen kann. Einzig Franck Evin bleibt am Licht gelinde gesagt zurückhaltend. Die Inszenierung ist düster wie ein Caravaggio-Gemälde.

Michael Volle gibt in seinem Rollendebüt als Nabucco Vollgas. Sein Bariton strahlt erhaben und sonor in den Raum. Auch wenn er hinsichtlich Elastizität und Geschmeidigkeit ein paar Einbrüche erkennen lässt, überzeugt er mit einem donnernden und zugleich warm durchzogenen Stimmvolumen. Volles Darstellung eines unnachgiebigen und streckenweise liebevollen wie wahnsinnigen Patriarchen ist packend wie in einem Shakespeare-Drama. Anna Smirnova hält als Abigaille mit unangestrengter Stimmgewalt dagegen. Das lässt bei den hohen Tönen allerdings einen gewissen Schrillfaktor erkennen. Dabei kann die Mezzosopranistin auch leise. Smirnova gelingt es stimmlich, schnurgerade in den Keller zu stolzieren, wo sie im dunklen Brustton sinister glüht und für Schauermomente sorgt. In der Gestik legt die Künstlerin manchmal ein Scheit zu viel ins Feuer und wirkt in ihrer Rollengestaltung dramatisch überzeichnet.
Benjamin Bernheim gibt in Zürich sein Debüt als Ismael und überzeugt auf der ganzen Linie. Da ist Strahlkraft und Schmelz, da sind aber auch gleißende Höhen. Sein wendiger Tenor hat eine unverkennbare cremige Note, die selbst im Forte keine Einbußen erleidet. Bernheim hat das Zeug zum Heldentenor und befindet sich diesbezüglich auf der Zielgeraden. Für Fenena, die einzige leibliche Tochter Nabuccos, hatte Verdi nicht viele Noten übrig. Gerne würde man mehr hören von Veronica Simeoni, die mit einem ausdruckstarken und wandelbaren Sopran punktet. Georg Zeppenfeld ist Zaccaria, der geschickte Verhandler und Hohepriester der Hebräer. Mit seinem auftrumpfenden und gut temperierten Bass mausert er sich an diesem Abend zu einem Publikumsliebling. Stanislav Vorobyov liefert im Debüt als Oberpriester des Baal eine solide Leistung.
Fabio Luisi spannt mit der Philharmonia Zürich von Anfang an einen konzisen musikalischen Bogen, der mit militärisch zackigen Rhythmen fasziniert und in den leisen Passagen silbern glitzert. Luisi präsentiert einen transparenten Klangkörper mit fein ausgearbeiteten Instrumenten-Soli. Sein elegisch subtil abgestimmtes Dirigat bringt die satte Dramatik in der Partitur minutiös auf den Punkt und kommt dabei gänzlich ohne plattes Humtata aus.
Das Beste kommt zum Schluss, und das ist in dieser Nabucco-Neuproduktion der Chor der Oper Zürich mit Zuzüger und Zusatzchor. Janko Kastelic führt die Sängerriege mit sicherem Gespür in die emphatischen Sphären Verdis. Er gestaltet die Hymne Va pensiero! anfangs bewusst feingliedrig und zurückhaltend, um dann diesen flehenden Ruf nach Freiheit mit voller Wucht dem Publikum entgegenzuschleudern und im leisen Aussummen für Dauerfrösteln zu sorgen.
Die Zuschauer honorieren die musikalische und gesangliche Leistung an diesem Abend mit Jubelrufen und lautstarkem Applaus, der in ein begeistertes Rhythmusklatschen mündet.
Peter Wäch