O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Es sind diese Produktionen, die ein Opernhaus gerne aus dem Fundus holt, mit einem starken Sängerensemble aufpoliert und zu einer glänzenden Wiederaufnahme bringt. Richard Wagners Parsifal in der Inszenierung von Claus Guth mit der üppigen Ausstattung von Christian Schmidt und dem raffinierten Licht von Jürgen Hoffmann ist ein Wurf, der selbst nach zig Comebacks an der Theaterkasse nicht floppt. Die Co-Produktion mit dem Gran Teatro del Liceu Barcelona weist hinsichtlich der Ästhetik Parallelen auf mit der Handschrift eines Christof Loy, auch die Lesart bildet einen intelligenten wie schlüssigen Rahmen, die epische Erzählung um Erschütterung und Erlösung auf einen klaren Punkt zu bringen.
Guth gelingt mit seiner im Juni 2011 erstmals am Opernhaus Zürich gezeigten Inszenierung eine kluge Anschauung, die Wagners lyrisch-pathetisches Bühnenweihfestspiel in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg setzt und den Bogen spannt bis hin zur Machtergreifung Adolf Hitlers im Jahr 1933. Der Gefahr des allzu festlichen Rampensingens wirkt der Regisseur von Anfang an mit den Mitteln einer Drehbühne entgegen. Wir sehen eine herrschaftliche Villa, die schon bessere Zeiten erlebt hat. Der stete Zerfall des Palastes, ebenso ein Merkmal Loyscher Lesart, erinnert bei diesem Gang durch die Nachkriegsjahre an ein Schauerschloss, wie man es aus Gruselfilmen kennt. Es spukt jedoch in den Köpfen der Kriegsversehrten, die ohnehin schon an Krücken gehen oder von Krämpfen geplagt sind.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Der zerrüttete Bund, der im Mittelpunkt der Geschichte steht, geht auf einen Versroman des mittelhochdeutschen Dichters Wolfram von Eschenbach zurück und wurde von Richard Wagner für seine 1882 in Bayreuth uraufgeführte Oper stark verknappt. In seiner Konsequenz eignet sich der Plot exzellent für das Setting einer kriegsgeschüttelten und posttraumatischen Gesellschaft. Claus Guth ist nicht der erste Regisseur, der die bedeutungsschwangere Thematik um den Heiligen Gral, den Insignien, Helden und Antihelden mit dem NS-Regime in Verbindung bringt. Steven Spielberg wagte ein ähnliches Konstrukt mit der Abenteuerreihe Indiana Jones. Die unheilige Verquickung der alleinseligmachenden Heilsversprechung mit den Mechanismen der totalen Unterwerfung funktionierte bereits in den frühen Achtzigern im Popcornkino.
Mit der Neubesetzung der Stimmen in der schlüssigen Regiearbeit hapert es allerdings in Zürich. Handelte es sich um ein Meistersingen, zöge die Hauptfigur den Kürzeren. Für den Tenor Brandon Jovanovich springt noch während der ersten Proben der Ring-erprobte Wagner-Sänger Stefan Vinke ein, der am Opernhaus sein Hausdebüt gibt. Es ist kein guter Start, Vinke bleibt als Parsifal darstellerisch und vor allem gesanglich weit hinter den Erwartungen zurück. Braucht der Mann eine Pause? Im ersten Teil des Dreiakters ist sein Tenor eigentümlich verhalten, die Stimme wirkt oft angestrengt und gepresst. Bei den famosen Ausbrüchen im zweiten Akt, die weit über das Lyrische hinausgehen, schrammt Stefan Vinke im Forte unschön die hohen Töne und das mehrmals. Es gelingen ihm zwar immer wieder luzide Momente mit der nötigen Strahlkraft, das Schwächeln in der Reduktion kriegt der Sänger hingegen kaum in den Griff.

Für den vokalen Glanz an diesem Abend sorgen Christof Fischesser als Gurnemanz und Nina Stemme in der Rolle der Kundry. Fischessers Phrasierungen sind makellos, die Diktion hat Burgtheater-Niveau. Sein unverkennbar sonorer und samtener Bass überzeugt in jeder Tonlage. Der Sänger ist eine Idealbesetzung, auch wenn er darstellerisch manchmal etwas hölzern rüberkommt. Stemme gibt ihrer Partie im Spiel mehr Raum zur Entfaltung. Ihre Kundry ist eine vielschichtige Person, mystisch, leidenschaftlich, verführerisch, aber auch verschüchtert und demütig. Der Facettenreichtum spiegelt sich auch in ihrem dramatischen, aber sehr wendigen Sopran, der sich scheinbar mühelos aus dunkelsten Purpur-Tiefen in kristallklare Höhen emporschwingt. Im Akzent spitz, im Brustton wohlig vibrierend: Stemmes Stimm-Radius fasziniert durchwegs.
Jede Wagner-Oper ist auch eine Olympiade für Solisten. Während sich Fischesser und Stemme eindeutig Gold holen, reicht es bei Lauri Vasar als Amfortas immerhin für Silber. Anfangs etwas wackelig in der Phrasierung, begeistert der lyrische Bariton zunehmend mit fein gezeichneter Linienführung und elegant geformten Melodiebögen. Man leidet förmlich mit, wenn er sich als verwundeter Königssohn und gescheiterter Held durch das Epos hangelt und dabei den Eindruck eines müden Wiedergängers hinterlässt. Wenwei Zhang steht der mehrheitlich großartigen Gesamtleistung in seinem Rollendebüt als Klingsor in nichts nach. Von Guth als abtrünniger Bruder skizziert, bringt der Bassbariton einen wild schäumenden Furor ins Geschehen. Sein Gesang ist kraftvoll und akzentuiert, der anhaltende Impetus mündet dafür vereinzelt in allzu abgehackten Phrasen.
Neben Fischesser und Stemme erhält Dirigentin Simone Young in Zürich den stärksten Beifall. Mit feiner und sicherer Hand navigiert sie die Philharmonia Zürich durch Wagners huld- und heilvolle Klänge und erliegt nie der Versuchung, das monumentale Werk in bleiernem Bombast zu ertränken. Youngs Dirigat schafft einen überaus transparenten Klangkörper, der das lyrische Potenzial der Partitur hervorhebt und Wagners Wucht gezielt einsetzt. Chorleiter Janko Kastelic zieht alle Register und treibt die Ensembles, bestehend aus Chor, SoprAlti und Zusatzchor der Oper Zürich, zu Höchstleistungen. Ob ferner Windhauch im ersten Akt, Verführung im Zaubergarten oder patriarchale Kraft bei Titurels Tod, die jeweiligen Schattierungen sind meisterhaft herausgearbeitet.
Der Schlussapplaus ist kräftig, aber auffallend kurz. Mag sein, dass es nach fünf Stunden Zeit war, die Erlösung bei einem Glas Wein zu suchen. Ohne Kelch, versteht sich.
Peter Wäch