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Arsen und Spitzentöne

SIMON BOCCANEGRA
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
6. Dezember 2020
(Premiere)

 

Opernhaus Zürich

Ein verwin­keltes Patri­zi­erhaus, hohe Türen und dunkle Flure, in denen man sich verlieren kann. Andreas Homoki, Hausherr im Opernhaus Zürich, wählt für seine Regie­arbeit von Verdis 1857 urauf­ge­führter Oper Simon Bocca­negra einfache Stilmittel, um den Dreiakter mit Prolog in Fahrt zu bringen. Eine Drehbühne erweist sich als probat, die komplexe Handlung des Dogen-Dramas aus dem 14. Jahrhundert aufzu­schlüsseln. Erinne­rungen werden wach an Christof Loys Lesart von Bellinis Oper Capuleti e i Montecchi, die er für dasselbe Haus konzi­piert hat und die ebenfalls mit visua­li­sierten Rückblenden punktete.

Foto © Monika Rittershaus

Homoki zielt für die Geschichte des Plebejers, der unfrei­willig Doge von Venedig wird und 25 Jahre später vom Rivalen Paolo mit Arsen vergiftet wird, auf die politisch aufge­ladene Epoche vor 100 Jahren. Das schlägt sich auch in der ästhe­ti­schen Archi­tektur und Mode der 20-er Jahre nieder. Hier darf man nicht vergessen, dass ein gewisser Sinn für das Schöne nicht unwichtig ist bei Opern, die kurz vor Weihnachten starten. Wer sich in dieser Zeit an überladene Regie­kon­zepte wagt, vergrault sein Publikum. In Zeiten von Corona mit Livestream auf Arte und ohne Folge­vor­stel­lungen im Haus, gilt das auch für ein Fernseh­pu­blikum, das bewusst einschaltet, um ein wenig abzuschalten.

Die Insze­nierung von Homoki mit der stilsi­cheren Ausstattung von Christian Schmidt und den sinistren Licht- und Schatten-Spielen von Franck Evin überzeugt vor allem auch bei der Figuren­zeichnung. Die Regie leuchtet tief in die seelische Zerris­senheit der fünf Protago­nisten. Dem Regisseur gelingt mit der charak­ter­lichen Feinzeichnung seiner Helden und Antihelden eine authen­tische Moment­auf­nahme inmitten in einer polari­sierten Gesellschaft.

Die Lesart von Homoki hat einen ausge­sprochen filmi­schen Drive, der jegliches Rampen-Singen im Keim erstickt. Zürich spielt die zweite Fassung von Simon Bocca­negra aus dem Jahr 1881, die damals in Zusam­men­arbeit mit Multi­talent Arrigo Boito zustande kam. Es ist ein Verdi, der bereits deutlich unter dem Einfluss von Richard Wagner steht und sich mit seinen dekla­ma­to­ri­schen Stellen und Rezita­tiven bestens für eine cineas­tisch geprägte Anschauung eignet, in der die Matadore nicht nur schön singen, sondern auch echt leiden.

Mit dem Drehen der Bühne gewährt Homoki immer wieder panop­tische Einblicke ins Labyrinth, in dem Krieg, Liebe und Verrat dominieren. Manchmal sind es Bilder aus der Vergan­genheit, die kurz als poeti­scher Reigen aufblitzen. Dann schwenkt der Fokus wieder in die Gegenwart und präsen­tiert einen Parla­mentsraum, in dem düstere Pläne ausge­heckt werden und der kurze Zeit später revolu­ti­ons­be­dingt in Trümmern liegt.

Für Christian Gerhaher erfüllt sich mit der Titel­partie des Simon ein Wunsch. Die Rolle stand zuoberst auf der Liste des Künstlers, der sich einen Namen als gefragter Konzert- und Liedsänger gemacht hat. Dem Bariton gelingt ein eindrucks­volles Debüt, sowohl gesanglich als auch im nuancierten Spiel. Im selben Maß, wie er seinen wandel­baren Bariton einsetzt, unauf­geregt, geschmeidig und mit imposanten Ausbrüchen im Forte, nähert er sich dem sensiblen Wesen eines gerad­li­nigen Herrschers, der von inneren Gefühls­stürmen geplagt ist.

Foto © Monika Rittershaus

Sopra­nistin Jennifer Rowley, im Rollen- und Haus-Debüt in Zürich, ist Bocca­negras verschollene und dann unerwartet aufge­tauchte Tochter Amelia. Ein dunkel schim­merndes Timbre köchelt in ihren vibrie­renden Tiefen, während sie die Höhen mit der Klarheit eines Bergsees pariert. Manchmal überdreht Rowley einen Tick zu sehr ins Kühle und wirkt dadurch leicht spitz, doch das mag viel mehr am nahezu leeren Zuschau­erraum liegen, der die Töne aller Inter­preten etwas hohl und blechern aufnimmt und wieder zurückwirft.

Christof Fisch­esser ist Amelias Vater und Simons anfäng­licher Wider­sacher Jacopo Fiesco. Sein sonorer Bass ist durch­woben von wabernder Wärme und patri­ar­chaler Grandezza. Im gleichen Zug geht er dieses Debüt einer Figur an, die erst Feind und dann Freund ist. In derselben Liga bewegt sich Nicholas Brownlee, der mit funkelndem Bernstein in seinem markanten Bass und schau­spie­le­ri­schem Können den Fiesling Paolo Albiani verkörpert. Mit edel geformten Kanti­lenen und wendigen Legati stellt sich Tenor Otar Jorjikia als Amelias Geliebter Gabriele Adorno in den Reigen der Spitzentöne und macht den Abend zu einem Sängerfest. Der Chor unter Janko Kastelic ist vom Feinsten und Tonmeister Oleg Surgutschow, der für die Live-Übertragung zuständig ist, macht einen 1A-Job.

Fabio Luisi ist der Mann am Pult, der mit dem Dirigat dieses überar­bei­teten Verdi seinen Abschied vom Opernhaus Zürich gibt. Das ist ihm nicht vor Ort vergönnt, sondern einen Kilometer entfernt im Probesaal und mit Glasfaser in die Stätte gebeamt. Luisi stellt sein großes Können und im Beson­deren sein leiden­schaft­liches Faible für die italie­nische Oper erneut unter Beweis. Die Philhar­monia Zürich entfacht unter seiner musika­li­schen Leitung einen feinglied­rigen wie fulmi­nanten Verdi, der die Pianissimi lustvoll auskostet und die furiosen Crescendi in den Ensembles zum Glühen bringt.

Der Schluss­ap­plaus der wenigen Anwesenden an diesem denkwür­digen Abend ist nachhaltig und mit zahlreichen Bravo-Rufen angereichert.

Peter Wäch

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