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Tosca total

TOSCA
(Giacomo Puccini)

Besuch am
27. Oktober 2017
(Premiere am 29. März 2009)

 

Opernhaus Zürich

Es gibt den Klassiker in der Oper, und es gibt Opern­pro­duk­tionen, die schon bald als Klassiker durch­gehen. Tosca in der Insze­nierung von Robert Carsen, in der Ausstattung von Anthony Ward und der Licht­ge­staltung von Davy Cunningham ist ein solcher Klassiker. Carsen ist ein Meister der Reduktion, und er hat ein sicheres Gespür dafür, wann eine extra­va­gante Lesart zur Last wird und die Geschichte einfach und stringent erzählt werden muss. Bei Giacomo Puccini und seinen Dichtern ist es ohnehin eine Gratwan­derung, denn Partitur und Libretto sind derart zu einer dichten Textur verwoben, dass es schier unmöglich wird, dieses Geflecht neu zu inter­pre­tieren. Das gilt auch für Puccinis Verismo-Oper Tosca mit dem Libretto von Luigi Illica, die 1900 in Rom urauf­ge­führt wurde.

Das Opernhaus Zürich startete in der Saison 2008/​2009 mit Robert Carsens Version von Tosca und trumpfte mit Tenor Jonas Kaufmann als Mario Cavara­dossi und Thomas Hampson als Baron Scarpia auf. Die Titel­partie sang damals Emily Magee. Vor zwei Jahren, bei den Festspielen 2016 am Opernhaus Zürich, waren es Catherine Naglestad in der Rolle der Tosca und Marcelo Alvarez als deren Geliebter. Marco Vratogna war Scarpia. Ein überzeu­gendes Dreier­ge­spann. Diese Besetzung sieht man auch auf den Fotos. Nun, bald zehn Jahre später, schließt sich auf eine besondere Weise ein Reigen. Mit Anja Harteros steht eine Sopra­nistin auf der Bühne, die nicht von ungefähr als Traum-Bühnen­part­nerin von Jonas Kaufmann gehandelt wird.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Anja Harteros ist Tosca total. Mit jeder Faser kostet sie die hoch emotionale Partie aus und nutzt die unheim­liche Bandbreite ihrer Tessitur. Puccini gibt ihr reichlich Gelegenheit dazu. Die Schau­spie­lerin Floria Tosca, die einen Maler liebt und in die brutalen Mühlen des Macht­men­schen Scarpia gerät, hält für eine Sopra­nistin im drama­ti­schen Fach eine Vielzahl an Facetten bereit, und Harteros bringt sie alle zum Funkeln. Leicht und scheinbar schwe­relos intoniert sie im Piano­pia­nissimo, um kurz darauf in weiten Bögen ein fulmi­nantes Glissando zum Besten zu geben. Harteros setzt die Akzente pfeil­gerade und wie aus dem Nichts, öffnet ihre Kehle für ein glasklares Forte und stürzt im Bruchteil einer Sekunde ins Parlando hinab, das sonor und auch Mal dreckig klingt. Ihr Vissi d’arte ist eine Offen­barung. Harteros nutzt ihre hohe Diffe­ren­ziertheit in der Dynamik souverän und gänzlich ohne Prahlerei. Ihre Legati singt sie mit schwe­bender Eleganz, ihr Diminuendo ist engelsgleich.

Anja Harteros als Tosca – Foto © Judith Schlosser

Tenor Brian Jagde als Cavara­dossi und wie 2016 Bariton Marco Vratogna als Scparia können nicht zu jeder Minute im gleichen Maß mithalten. In der Verhör-Szene im zweiten Akt gelingt es Vratogna erst nach und nach, mit seinem oftmals kantigen Bariton der schieren Mühelo­sigkeit seiner Bühnen­part­nerin Harteros Paroli zu bieten. Jagde lässt sich in diesem furiosen Teil der Oper dazu verleiten, seine Kanti­lenen zu forcieren und scheitert prompt. Die darauf folgenden Takte im Brustton sind kaum mehr hörbar. Eigen­tümlich aus der Reihe tanzt die Sequenz vor Toscas Auftritt, in der der Chor aus der Ferne eine Gavotte erklingen lässt. Orchester, Chor und Solisten haben offen­sichtlich Mühe, im Gleich­klang zu bleiben. Brian Jagde wächst schluss­endlich im letzten Teil des Dreiakters über sich hinaus. Noch bevor er das Bravour­stück E lucevan le stelle zum Besten gibt, beweist er großes Geschick in der Phrasierung. Mit der Sterne­narie gelingt Jagde die ganz große Präsenz, stimmlich wie schau­spie­le­risch. Seine Reduktion hat Kaufmann-Qualität, und obschon er noch nicht über den Schmelz seines Kollegen verfügt, hat diese Inter­pre­tation Weltformat.

Die Philhar­monia Zürich unter der Leitung von Paolo Carignani spielt diesen Puccini auf den Punkt und ohne Effekt­ha­scherei. Fast zu perfekt, möchte man sagen, denn man hat dieses überaus radikale Werk des Maestros aus Lucca schon wesentlich kantiger und drama­ti­scher gehört. Die feinen Nuancen sind zwar vorhanden, aber sie zünden nur bedingt. Eine Kritik auf hohem Niveau, es ist denkbar, dass sich der Orches­ter­ap­parat in der Folge dieses Tosca-Reigens noch steigern wird. Beim Chor der Oper Zürich unter Ernst Raffels­berger bedarf es keiner Korrek­turen mehr. Gut möglich, dass hier einige der Sänge­rinnen und Sänger schon mehrfach im Einsatz waren für diesen Dauer­brenner von Robert Carsen.

Das Publikum feiert die Solisten mit starkem Szenen­ap­plaus und lässt am Schluss der Vorstellung lang anhal­tenden Beifalls­donner sowie Bravorufe vom Stapel, die an das ganze Ensemble gerichtet sind.

Peter Wäch

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