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DIE TOTE STADT
(Erich Wolfgang Korngold)
Besuch am
9. Mai 2025
(Premiere am 21. April 2025)
Eine Information, bevor sich der Vorhang hebt, ist selten ein gutes Zeichen. In Zürich wird Sopranistin Vida Miknevičiūtė angesagt. Sie habe eine starke Erkältung, singe aber trotzdem. Damit nicht genug. Auch Tenor Nathan Haller erhole sich gerade von einer Grippe und gebe seine Partie auf einem Stuhl an der Seite. Eine Besucherin verdreht die Augen und atmet tief durch. Eines gleich vorweg: Sie hat sich umsonst Sorgen gemacht. Beide Künstler singen ihre Partie ohne Einschränkungen, Miknevičiūtė brilliert geradezu in der Partie der Marietta.
Lorenzo Viotti, der musikalische Leiter, hat sich die Oper von Erich Wolfgang Korngold für Zürich gewünscht, und er erhält mit der Regie und dem Bühnenbild von Dmitri Tcherniakov eine nahezu ausgereifte Sicht auf das düstere Werk mit den schillernden Klangfarben. Das Opus Die tote Stadt, das am 4. Dezember 1920 gleichzeitig im Stadttheater Hamburg und in Köln uraufgeführt wurde, war ein Großerfolg für den erst 23-jährigen Komponisten, der das Libretto mit seinem Vater Julius Korngold unter dem Pseudonym Paul Schott verfasste. Heute wird das opulente Werk in drei Bildern wieder öfters gespielt, das für mehrere Jahrzehnte zu Unrecht von den Bühnen verschwand.
Umso mehr erstaunt es, dass die Vorstellung in Zürich nicht ausverkauft ist. Selten bekommt man derart packendes Musiktheater geboten. Regisseur Dmitri Tcherniakov hält sich nur bedingt an die Handlung. Sie basiert auf dem Roman Bruges-la-Morte von Georges Rodenbach und spielt in der melancholischen Stadt Brügge. Paul kann den Tod seiner Frau Marie nicht verkraften. Er lebt zurückgezogen und vergräbt sich in Erinnerungen an sie. Als er der Tänzerin Marietta begegnet, erkennt er in ihr die tote Marie. Seine Obsession beginnt.
Ist Marie gar nicht tot oder lebt sie in Marietta weiter? Der Filmhit Brügge sehen … und sterben von 2008 gäbe hinsichtlich des Sterbens sachdienliche Hinweise.

Die Grenzen zwischen Realität, Erinnerung und Wahn verschwimmen wie in einem Plot für einen Hollywood-Thriller. Im Stück geht es auch um Trauer, Schuld und das Verlangen, die Vergangenheit ungeschehen zu machen. Doch Paul lässt sie wieder lebendig werden, indem er Marietta das Leben nimmt. Die Oper endet für den Protagonisten mit einer Erkenntnis: Er muss sich aus seiner Kirche des Gewesenen, die sich in der toten Stadt befindet, lösen. Sonst ergeht es ihm wie Phil Conners aus der US-Komödie Und täglich grüsst das Murmeltier von 1993: Eine Wiederholung des immer Gleichen in Endlosschlaufe, bis der Gebeutelte selbst eingreift und sein Schicksal in die Hand nimmt.
Tcherniakov, der auch für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet, verlegt den Schauplatz in ein nobles Appartement mit mehreren Zimmern im Art-déco-Stil. Die Wohnung befindet sich als solides Bühnenelement über dem Theaterboden, so wie Paul in seinem Wahn über der Realität schwebt. Gleb Filshtinsky bedient präzise den Lichtschalter in den einzelnen Räumen und gewährleistet mit dem steten on and off die flinken Szenewechsel. Kostümbildnerin Elena Zaytseva weist mit ihren frechen Kostümen in die Gegenwart. Das ist ein dramaturgischer Kniff, denn bei Tcherniakovs Lesart geht es um toxische Männlichkeit – damals wie heute.
Die Regie zeigt Paul als auffälligen Psychopathen mit nervösen Zuckungen, der seine Emotionen nur mäßig im Griff hat. Er ist ein tiefreligiöser und nicht minder patriarchal geprägter Zeitgenosse, der sich Frauen gefügig macht, wenn sie nicht parieren. Paul setzt dort Macht ein, wo er ohnmächtig ist, nämlich im Vertrauen in sich selbst und in seine Liebesfähigkeit. Eine Begegnung auf Augenhöhe wird für ihn zur inneren Zerreißprobe. Dort, wo andere aus innerer Überzeugung handeln, beginnt für Paul der Grund zu wanken. Tcherniakov veranschaulicht das mit einer Drehscheibe unter dem Appartement, die gleichzeitig Pauls Unentrinnbarkeit aus den Fängen seines Dämons symbolisiert.
Da viele Überlegungen der Regie schon im Libretto angelegt sind, wäre es nicht erstaunlich, wenn Opernbesucher den dezidierten Twist vom depressiven Helden zum aggressiven Antihelden gar nicht richtig mitbekommen. Ein deutliches Signal ist Pauls Verwandlung in einen grimmigen Kardinal, der sich als Priester der Hochmoral über alles stellt, sei es das Leben, den Tod oder Gott selbst. Eric Cutlers Darstellung des Monsters in Menschengestalt ist ebenso vielschichtig wie authentisch. Sein Tenor hat für die Partie Pauls die richtige Mischung aus Kraft, Flexibilität und Ausdrucksstärke. Der Klang seiner dunkel gefärbten Stimme ist im Forte durchdringend und in den wenigen Piani nuanciert.

Sopranistin Vida Miknevičiūtė ist als Marietta mit ihren vielen Gesichtern eine Wucht und das trotz starker Erkältung, was man als Zuschauer nicht ansatzweise mitbekommt. Ihre facettenreiche Stimme schimmert in der Liedarie Glück, das mir verblieb feinsilbrig und transportiert auch im Forte über das Orchestertutti hinweg eine metallische Klarheit. Miknevičiūtė beweist als Marietta einmal mehr, dass sie mit ihrem einnehmenden Bühnencharisma für die großen dramatischen Rollen prädestiniert ist.
Björn Bürger ist in der Zürcher Inszenierung Frank und Fritz, der Pierrot. Er meistert seine Partien mit stimmlicher Eleganz und technischer Präzision. Die Arie Mein Sehnen, mein Wähnen als Pierrot gelingt ihm souverän und formschön. Evelyn Herlitzius vereint als Brigitta mir ihrem purpurn eingefärbten Sopran die lyrischen wie dramatischen Elemente der Partie und glänzt ebenso mit technischer Versiertheit und künstlerischer Flexibilität. Der Ferngesang hinter der Bühne von Zusatzchor, SoprAlti und Kinderchor unter der Leitung von Ernst Raffelsberger ist das Tüpfelchen auf dem i der eindrücklichen Produktion.
Lorenzo Viotti am Pult der Philharmonia Zürich gelingt der spannungsgeladene Schmelztiegel aus spätromantischer Klangfülle, raffinierter Harmonik und filmmusikalischer Vorausahnungen ausgesprochen gut, auch wenn er oft dazu neigt, im Volumen zu überdrehen. Es ist ein Puccini auf Ecstasy. Korngold, der wegen der Nazis in die USA ausgewandert war, erhielt zwei Oscars für seine Filmmusik. Viotti serviert den frühen Hollywood-Klang, der zwischen üppiger Romantik, psychologischem Drama und impressionistischen Farben oszilliert mit intensiver, formaler, aber auch schwelgerischer Klarheit.
Das Publikum honoriert die künstlerischen Höchstleistungen der Solisten und vom Orchester mit starkem Applaus und Bravorufen. So manch einer, der sich an diesem Freitagabend nicht ins Opernhaus wagte, hat ganz großes Musiktheater verpasst.
Peter Wäch