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Unlängst beschäftigte sich das Essener Ballett mit einer putzigen, recht verstaubten Tanz-Version des Stoffs. Don Quijote, der „Ritter von der traurigen Gestalt“, Cervantes‘ dickleibiger Weltklassiker, ist im Theater, ob in Musical, Oper oder Ballett, nicht so selten anzutreffen wie der umfangreiche Romanstoff vermuten lässt. Das Theater Oberhausen hat den hageren Fantasten jetzt in Form eines „mechanischen Welttheaters mit Musik“ auf die Bretter gestellt. Die rätselhafte Gattungsbezeichnung zielt auf barocke Vorstellungen des Welttheaters ab, und in der Tat lässt Thomas Fiedler, Ideengeber und Regisseur des zweistündigen Spektakels, zusammen mit Kostüm- und Bühnenbildner José Luna keine Gelegenheit aus, das aus den Fugen geratene Getriebe der Welt, in der der scheinbar wahnsinnige Held seine ritterlichen Tugenden verwirklichen möchte, mit großem und raffiniertem bühnentechnischem Aufwand im wahrsten Sinne des Wortes rotieren zu lassen.
| Musik | ![]() |
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Die Drehbühne spielt eine zentrale Rolle. Symbole und Chiffren aus der Welt des Ritters – so etwa eine Frauenbüste, ein Pferdekopf, Flaggen und ein Kreuz – sind wie Trophäen enthaupteter Gegner auf Pfählen gespießt und drehen sich, von anschwellenden Nebelschwaden umwabert, um sich selbst, bis Don Quijote am Ende sein Leben aushaucht. Ein Szenario, wie man es sich auch als Finale Shakespearescher Tragödien, ob Macbeth oder Richard III, vorstellen kann. Ein Ritt auf klapprigem Ross in die Apokalypse.
Der Schluss wirkt stark, allerdings auch unentschlossen und austauschbar. Wer dieser „Don Quijote“ eigentlich ist, das bleibt im Dunkeln. Wer ist der eigentlich „Wahnsinnige“? Der Ritter, der christliche Tugenden realisieren will, oder die Umwelt, die ihn dafür verhöhnt? Thomas Fiedler hilft dieser Ungewissheit bewusst und entschlossen nach, wenn er die Titelpartie von einer Frau spielen lässt, der hochgewachsenen, mit schneidender Stimme pointiert artikulierenden Schauspielerin Anja Schweitzer, die der Rolle einen androgynen Anstrich verleiht.

Auch sonst wird vieles rezitiert und bebildert, aber wenig erklärt. Der Abend beginnt auf leerer Bühne hörspielartig mit einer recht trockenen Lesung der ersten Textabschnitte aus Cervantes‘ Roman durch Thieß Brummer, bevor auf einer Projektionswand die Handlung durch Schattenspiele illustriert wird. Nach diesen einige bekannte Episoden paraphrasierenden Eingangssequenzen öffnet sich die Bühne zum Hintergrund und wird zum Schauplatz des Weltkarussels. Neben Schweitzer und Brammer kommt man mit vier Schauspielern und einer Statistengruppe aus, die in verschiedene Rollen schlüpfen und die die einem irrsinnigen Strudel entgegeneilende Welt in bizarre und fantasievolle Szenarien von dunkler Untergangsstimmung tauchen. Eine Chiffre auf die Zukunft unserer Zeit? Gespielt wird ausgezeichnet. Nicht nur von Schweitzer, sondern auch von Janna Horstmann, Klaus Zwick als Sancho Pansa und deren Kollegen, die allesamt in verschiedene Rollen schlüpfen.
Ein Welttheater im barocken Sinn kommt natürlich nicht ohne Musik aus. Komponist Anton Berman und sein Mitstreiter Nico Stallmann sind mit ihrem vielfältigen Instrumentarium ständig präsent, wobei auch die Schauspieler gelegentlich musikalische Aufgaben übernehmen. Nicht nur singend wie etwa Janna Horstmann oder Anja Schweitzer, sondern auch instrumental. Berman hat einige schlichte Songs eingefügt und begnügt sich ansonsten mit Klängen, die die Szene meist hintergründig und ein wenig unheilschwanger einfärben. Das zeugt von gutem Handwerk und viel Respekt vor der Szene, setzt aber wenig eigene oder markante Akzente.
Insgesamt ein turbulenter, pessimistisch angehauchter Rückblick in die barocken Zeiten von Cervantes, die wie ein Blick in die Zukunft wirken. Begeisterter Beifall für ein Stück eigenwilligen und durchaus innovativen Theaters.
Pedro Obiera