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Foto © Kammerspielchen

Bezaubernde Mona

MACH’S NOCH EINMAL, MONA LISA!
(Stefan Keim)

Besuch am
1. April 2017
(Urauf­führung)

 

Kammer­spielchen Oberhausen

Ein Schildchen weist von einer Seiten­straße in den Hinterhof eines Hotels. Dort liegt der Eingang zum Kammer­spielchen Oberhausen. Das ist wohl, was man einen Geheimtipp nennt. Zufällig kommt hier keiner hin. In einem Vorraum gibt es eine Rezeption, die gleich­zeitig als Bar dient, ein paar gemüt­liche Sitzge­le­gen­heiten füllen den Raum. Von dort aus geht es in den Zuschau­erraum. Von den Ausmaßen her ein überdi­men­sio­niertes Wohnzimmer mit einer ebenerdigen Bühne am Kopfende. Gleich links neben dem Eingang das Technikpult. An den Wänden wechseln sich gerahmte Erinne­rungs­fotos von vergan­genen Auffüh­rungen mit Gitarren ab. Etwa 40 ausge­diente Kinosessel dienen als Sitzge­le­gen­heiten für ein Publikum, das wohl zu großen Teilen aus Stamm­gästen besteht. Hinter dem Tresen im Vorraum steht Ernst-Werner Quambusch. Die meisten Gäste begrüßt er per Handschlag. Ende 2016 gründete er das erste Kammer­spielchen in Wuppertal unter dem Motto „Das Tor zur Fantasie“. Inzwi­schen sind auch Standorte in Mettmann und Solingen dazuge­kommen. Es ist gewis­ser­maßen der gelungene Gegen­entwurf zur hochsub­ven­tio­nierten Theater­kultur für Leute, die weder damit noch mit alter­na­tiven Szenen etwas anfangen können, sondern die Schau­spieler hautnah erleben wollen.

In diesem kleinen, aber deswegen nicht weniger profes­sio­nellen Umfeld findet die Urauf­führung der Komödie Mach’s noch einmal, Mona Lisa! statt. Ein Zwei‑, nein, eigentlich Drei-Personen-Stück, das der Autor, Kultur­jour­nalist und Kabarettist Stefan Keim verfasst hat. „Ende Januar standen die Auffüh­rungs­termine fest, also musste ich Anfang Februar anfangen, das Stück zu schreiben“, erzählt Keim inter­es­sierten Gästen in der Pause. „Ein paar Szenen habe ich vorge­geben, den Rest erarbei­teten wir in den Proben.“ Und während die Gäste noch über die ungewöhn­liche Reihen­folge staunen, macht sich der Regisseur vielmehr Gedanken darüber, die Bühnen­technik zu bewäl­tigen. Die obliegt ihm an diesem Abend nämlich auch. Zugegeben, sie ist beherrschbar. Das Licht kommt mit wenigen Grund­ein­stel­lungen aus – hier wäre mehr möglich gewesen – und die Zuspieler beherrscht er als Hörfunk­jour­nalist aus dem Effeff.

POINTS OF HONOR

Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

So, wie er auch das Komödi­enfach im Griff hat. Das beweist Keim an diesem Abend nachdrücklich. Der arg plakative Titel, der einer­seits kaum nachvoll­ziehbar auf Woody Allens filmische Sexko­mödie Mach’s noch einmal, Sam aus dem Jahr 1972 verweist und anderer­seits das Gemälde Leonardo da Vincis im Louvre thema­ti­siert, täuscht über die Qualität der immerhin andert­halb­stün­digen Aufführung hinweg. Ausgangs­si­tuation ist – wie schon häufiger – dass das Gemälde der Mona Lisa aus dem Louvre verschwunden ist. Weil für den kommenden Tag der Besuch des ameri­ka­ni­schen Präsi­denten im Louvre angekündigt ist, erfährt das Verschwinden hier zusätz­liche Brisanz. Leo, der üblicher­weise Touristen am Seine-Ufer porträ­tiert, bekommt den Auftrag, eine Kopie anzufer­tigen. Als ob das nicht komisch genug sei, trifft der Selfmade-Maler auf der Suche nach einem geeig­neten Modell auf die scheinbar rumänische Putzhilfe Draga. Und damit betritt der Zuschauer einen irren Kosmos von Verwick­lungen, aktuellen Bezügen, Verschwö­rungs­theorien und der Kapitu­lation vor der Habgier. Entgegen der abschre­ckenden Vorankün­digung, hier treffe Wortwitz auf Slapstick, bleibt es im Stück bei intel­li­gentem Witz und Emotion, überra­schenden Wendungen, glaub­wür­digem und vor allem überzeu­gendem Ende.

Foto © Kammerspielchen

Im Hinter­grund der Bühne weist ein Plakat auf die bevor­ste­hende Ausstellung von Bildern des hollän­di­schen Malers Jan Vermeer hin. Auf einem quadra­ti­schen Perser­teppich liegt ein Stuhl, rechts davon steht eine Hobby-Staffelei, dahinter einige „typische“ Maler-Utensilien. Mehr braucht das Stück nicht, weil die Kamera-Überwa­chung imaginär über den Köpfen der Zuschauer angenommen wird. Als sei es nicht schwer genug, mit zwei Schau­spielern einen Abend überzeugend zu gestalten, tritt das Schau­spieler-Ehepaar Mona und Kris Köhler auf. Sich aus dem Ehe-Alltag mit zwei Kindern zu lösen und auf der Bühne anzuspielen, dürfte wohl eher Schar­la­ta­nerie oder die höchste Form der Profes­sio­na­lität bedeuten. Bei den Köhlers ist es letzteres. Da sitzen die vermutlich eben schul­pflich­tigen Kinder im Publikum, und die beiden erarbeiten ganz wunderbar die fragile Beziehung zwischen Leo und Isabelle. Hochkon­zen­triert verfolgen die Kinder, wie ihre Eltern ein enormes Textvo­lumen nahezu fehlerfrei bewäl­tigen. Während Kris über die Dauer des Abends ein wenig zu Stereo­typien neigt, verzaubert Mona das Publikum mit ihrer natür­lichen, scheinbar naiv gespielten Isabelle im biederen Kostüm. Zwischen­an­sagen seitens der Louvre-Direktion kommen über den Lautsprecher, wunderbar gesprochen von – Stefan Keim. Und wenn die beiden Künstler zu Ça plane pour moi von Plastic Bertrand die neue Kunstform Body-Painting-Dancing entwi­ckeln, jauchzen die Zuschauer vor Vergnügen.

Das neugierige und vor Begeis­terung zu Zwischen­kom­men­taren neigende Publikum bedankt sich mit bravissimo-Rufen und stehend mit langem Applaus. In einer kleinen Dankesrede anlässlich der Urauf­führung fasst Kris Köhler die hohe Emotio­na­lität zusammen, die nicht nur die Zuschauer ergriffen hat. Besucher, die sich auch dieser Kunstform einmal widmen wollen, obwohl sie bislang nur das „große Theater“ gewöhnt sind, werden ob der intimen Situation erst einmal befremdet sein. Aber auch denen sei versi­chert, dass sie den Heimweg beseelt und heiter, wenngleich mit einem Stachel im Herzen, weil der Oppor­tu­nismus siegt, antreten werden.

Michael S. Zerban

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