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DAS RHEINGOLD
(Richard Wagner)
Besuch am
4. Februar 2017
(Premiere)
Immer wenn sich ein kleines Theater in Deutschland anschickt, das Mammutprojekt Der Ring des Nibelungen in Angriff zu nehmen, dann sind die Erwartungen groß. So auch jetzt am Oldenburgischen Staatstheater, wo man chronologisch mit dem Rheingold beginnt. Die schöne Stadt in Nordseenähe mit einem noch schöneren Theater ist ja durchaus Ring-erfahren, was man angesichts der Größe kaum glauben sollte. Seit 1922 gibt Einzelteile aus dem Ring hier zu erleben, zuletzt wurde 2011 während der Renovierung des Theaters im Ausweichquartier die Walküre gespielt. Den Versuch, den ganzen Zyklus auf die Bühne zu stellen, gab es bisher nur ab dem Jahr 1970. Beginnend mit dem Rheingold folgten Siegfried und Götterdämmerung, aber wie so oft wurde das wahre Leben tragischer als die Oper selbst. Die Sängerin der Brünnhilde, Isabell Strauss, und der damalige Generalmusikdirektor Fritz Janota verliebten sich ineinander, waren aber beide schon familiär gebunden. Sie gingen gemeinsam in den Freitod, der Zyklus blieb unvollendet.
Jetzt im Jahre 2017 steht das Staatstheater unter neuer Leitung. Seit 2014 leitet Christian Firmbach die Geschicke, in der laufenden Saison stößt der neue GMD Hendrik Vestmann zum Leitungsteam dazu. Ein ortsansässiger Sponsor mit vier Ringen im Logo steht auch bereit – also: wenn nicht jetzt, wann dann? Mit Paul Esterhazy und Mathis Neidhardt holt man sich ein Regieteam, von dem man einige schöne Impulse erwarten kann, und tatsächlich gibt es den ersten schon, noch bevor die Musik einsetzt. Eine hölzerne Hauswand liegt vor den Zuschauern offen und in ihrer Mitte ist eine Tür mit dem berühmten eingeschnittenen Herz darin. Das Plumpsklo der Alpenregion als Startsequenz für den Ring? Das ist frech und prompt sitzt Alberich während des Vorspiels auf der Toilette und verschafft sich Erleichterung, welcher Art auch immer. Die drei Waschweiber – ehemals die Rheintöchter – die sowohl Wäsche wie auch Leichen säubern, lassen ihn eiskalt abblitzen. Und so greift er, die Liebe verfluchend, dahin, wo das Rheingold glänzt: tief ins Klo. Selten ist dieser Szene so sämtlicher Pathos genommen worden, und selten hat eine an sich so unpassende Bühnenhandlung so viel Sinn ergeben.
Man braucht eine Weile, um sich an diese degenerierte, abgeschiedene Gesellschaft zu gewöhnen, die Esterhazy, Neidhardt und die Dramaturgin Stephanie Twiehaus auf die Bühne gestellt haben. Hier ist kein großes Weltendrama angesagt, sondern nur das Scheitern eines sozialen Gefüges, das außerhalb jeder Kontrolle steht. In den Kostümen aus Wagners Zeiten und in den Masken der Darsteller finden sich alle Arten von Dorfbewohnern, mit vielen Deformationen oder körperlichen Gebrechen. Diese Detailarbeit ist nicht schön in der Wahrnehmung, aber gelungen in der Ideenfindung. Irgendwann wundert man sich auch nicht mehr, dass die Götterfamilie von Freia gesäugt wird. Der katholische Kaplan namens Froh hat sich in dieses System gefügt, lässt alten Mythen den Vorrang vor seinem Glauben, auch wenn er sich alibimäßig eine Regenbogen-Stola umhängt und die Berghütte segnet.
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Selbst wenn der Gehstock längst ein abgenutztes Synonym für Wotans Speer ist, hat man selten so viele neue Einblicke in die Größenverhältnisse der verschiedenen Familien bekommen, wo es wirklich nichts gibt, was es nicht gibt. Dank einer genialen Drehbühne bekommt man einen raschen Perspektivwechsel in verschiedene Räume, wo die Bewohner eng aufeinander hocken. Ernst Engel verleiht dem Ganzen meist eine diffuse Ausleuchtung. Das Unheimliche ist immer greifbar. Wie sich diese Bildersprache mit Wagners Text und der bis heute allgegenwärtigen Handlung verbindet, das nötigt Respekt ab. Stellenweise ist bei so viel Einfallsreichtum auch der Blick in das Programmheft notwendig, aber insgesamt ist die Arbeit aus sich heraus schlüssig und man kann sich nach dem Theater darüber austauschen.
Dazu gibt es viel Theaterzauber. Einiges ist grandios gelöst, wie die Verwandlungen Alberichs. Anderes dagegen auch sehr ungeschickt, wie der Arm, der dem Alberich abgeschnitten wird. Das ist eben der Preis, den man für eine detaillierte Arbeit zuweilen zahlt: Nicht immer läuft auf der Bühne alles hundertprozentig glatt, und der leicht überstrapazierte Einsatz der Drehbühne, die vielen Auf- und Abgänge geben der Inszenierung einen hektischen Unterton. Dazu gibt es eine unfreiwillige Unterstützung aus dem Orchestergraben, denn Hendrik Vestman dürfte wohl das schnellste Rheingold der Musikgeschichte erarbeitet haben. Vor allem in der Szene in Nibelheim bringt das Tempo viel Unruhe in die bis dahin so hohe Konzentration. Die Fehleinsätze häufen sich und der GMD, der mit seinen Einsatzzeichen alles andere als geizig ist, hat Mühe diese komplexe Musikmaschinerie wieder zusammen zu fügen. Das Oldenburgische Staatsorchester tut sich mit dem schwebenden Zusammentreffen der Harmonien und Motive noch etwas schwer, aber das dürfte nur eine Frage der Zeit sein. Denn das Engagement der Musiker hört man in jedem Takt und keine Aufführung von New York bis Bayreuth läuft bei dieser Musik fehlerfrei ab. Schon gar nicht, wenn man so auf Risiko spielen lässt wie jetzt Vestmann. Seine geforderte Dramatik ist mitreißend, da nutzt man als Hörer jede Ruhesequenz zum Durchschnaufen. Das Klangbild ist in diesem schönen, kleinen Theater mächtig, aber auch immer transparent genug für Feinheiten – beispielsweise für die vier Harfen, die in den beiden Orchesterlogen links und rechts positioniert sind. Das Orchester macht angesichts dieser schwierigen Interpretation eine hervorragende Arbeit ebenso auch wie das Ensemble, das nur mit fünf Gästen ergänzt werden muss.

Einer von ihnen ist der anführende Johannes Schwärsky als Alberich, ein intensiv aufsingender Charakterbariton mit einer famosen Bühnenpräsenz. Besonders ihn bringt aber das schnelle Tempo in Schwierigkeiten, auch in der Intonation. Trotzdem: Eine geniale Charakterstudie durch und durch. Zu Lasten des Tempos geht auch die Aussprache, und dass man mit Übertiteln gearbeitet hat, kommt nicht nur Daniel Moon zugute. Der Bariton des Hauses fällt gegenüber Schwärsky deutlich im Farbenreichtum seiner Stimme ab, singt aber ansonsten einen guten Wotan mit am Ende noch kräftigen Höhen. Melanie Lang darf, von der Regie als verbitterte, verhärmte Fricka angelegt, auch vokal so klingen, löst das aber stets mit einer kultivierten Stimme. Timothy Lang ist ein in Oldenburg gern gesehener Gast, und das wird nach seiner Leistung als Loge auch so bleiben: Windig und abwechslungsreich vorgetragen, trifft er den Kern der Rolle. Auch der stimmmächtige Fasolt von Randall Jakobsh weiß zu begeistern. Dass Ill-Hoon Choung als sein Bühnenbruder nicht über Jakobsh‘ Resonanzen verfügt, löst Choung geschickt, indem er den Fafner einfach etwas verschlagener interpretiert.
Überhaupt ist das gesamte Ensemble sehr individuell geprägt. Auch jede der Rheintöchter wartet mit eigenem Charakter auf, die sich in den Stimmen von Sooyeon Lee, Anna Avakian und Julia Fayelnbogen widerspiegeln und zudem auch schön harmonieren. Sarah Tuttle befreit Freia von allen so oft gehörten Schärfen in den Höhen. Aarne Pelkonen besitzt als Donner Witz in der Darstellung und Kraft in der Stimme. Philipp Kapeller singt seine wenigen Phrasen als Froh sehr schön, bleibt als Figur auch immer präsent auf der Bühne. Timo Schabel teilt sich mit einem kleinwüchsigen Statisten die Rolle des Mime. Ein schöner Bühnentrick und ein toller Tenor. Überhaupt wird mit vielen Statisten gearbeitet, deren Hintergründe sich nicht immer sofort erschließen. So sind auch menschliche Vertreter für das Pferd Grane und die Raben oft zu sehen. Auch die Mutter von Siegmund und Sieglinde, die Wölfin, taucht immer wieder, Wotan anhimmelnd, auf. In jedem Raum aber ist Erda präsent und wenn schließlich die Sängerin Ann-Beth Solvang mit in sich ruhendem Alt und erfüllt von großer Sorge das Ende der Götter prophezeit, dann ist die Gänsehaut im Publikum spürbar.
Am Ende zielt Wotan mit dem Schwert Nothung auf den Stamm der Esche, wo es in der Walküre, die für Ende 2017 angekündigt ist, stecken wird.
Der letzte Akkord ist kaum verklungen, da bricht die Begeisterung los. Nicht übertrieben, aber dennoch hört man die stolzen Lokalpatrioten, die zufriedenen Klassikliebhaber, die überraschten Ring-Freunde. Ablehnung gibt es gar keine an diesem Abend, nicht mal für das Regieteam trotz dieser nicht ganz so bequemen Interpretation. Die Musiker werden allesamt differenziert gefeiert. Beim Rausgehen gehen die Diskussionen los: „Der Schwärsky war klasse“, „Alles verstanden habe ich noch nicht“, „War gar nicht so schlimm, wie ich dachte“. Wenn das Niveau so bleibt, wird der Ring in Oldenburg noch höhere Wellen schlagen – so viel ist sicher.
Christoph Broermann