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Foto © Erik Berg

Opulente Präzision

LA CENERENTOLA
(Gioac­chino Rossini)

Besuch am
21. Januar 2017
(Premiere)

 

Den Norske Opera, Oslo

Die Protago­nisten entsteigen während der Ouvertüre einem kleinen Kamin und tragen das Feuer der Aschen­puttel-Erzählung mit Freude weiter. Die Struktur des Kamins weitet sich in immer größeren Formaten, um schließlich ein ganzes Bühnen­portal mit Verzie­rungen im Empire-Stil darzu­stellen. Dieses Bild bleibt dann fortlaufend in Bewegung. Es wandelt sich durch Drehung in die herun­ter­ge­kommene Kulisse, in der Don Magnifico mit den drei Töchtern haust und in videor­eifer Bühnen­ima­gi­nation vom Wieder­einzug in ein wunder­sames Märchen­schloss träumt – Sinnbild seines Traumes vom wieder­zu­ge­win­nenden Wohlstand und alter Macht, welche er durch Heirat einer seiner Töchter mit könig­lichem Blut zu erreichen hofft.

Diese Restau­ration der Macht in Händen Magni­ficos mag man sich besser nicht vorstellen. Tatsächlich geraten alle Betei­ligten auf ihrem Weg durch das Abenteuer in einen teilweise absurden Strudel um Einfluss, Liebe, Anerkennung. Oft will es scheinen, als wissen sie im hekti­schen Geschehen selbst nicht mehr, worum es Ihnen eigentlich geht. Ein gutes Abbild der Zeit zur Entstehung der Oper, als vieles in Bewegung war und die Restau­ration auf die Beine kommen wollte. Kein Zufall auch, wenn einem aktuelle Bezüge zu heute einfallen. Der Regisseur freilich verzichtet auf solcherlei äußer­liche Aktualisierungen.

Kurzfristig scheint derjenige Einfluss auf die Handlung zu haben, der die Feder des Dichters für die Deutungs­hoheit der Geschichte in Händen hält, manchmal aber auch nicht. Wenn die Verwirrung den Höhepunkt erreicht, wird per Video­pro­jektion gleich der gesamte Zuschau­erraum in den schlaf­wand­le­ri­schen Prozess der Konfusion einbe­zogen. Trotzdem scheinen alle eine Agenda zu haben, auch wenn sie sich ihrer selbst nicht immer sicher sind. Alle geraten jedoch gleich­zeitig in den Strudel der Zeitläufte und niemand bleibt sich seiner Position sicher. Auch Cenerentola ist nicht nur passives Opfer.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Magnifico ist auf der Bühne zugleich auch immer das Abbild Rossinis, das in seinem bekannten Porträt mit Toupet und reichlich Bauch­umfang den großen Kompo­nisten in den 40 Jahren seines Ruhestandes zeigt. Auch der Männerchor, einschließlich einer statt­lichen Zahl von außer­or­dentlich beweg­lichen Statisten geistert als Rossini-Abbilder durch die Szene und überrascht durch immer wieder neue, komische, an Handlung, Musik oder Rossini zugeschriebene Eigen­schaften angelehnte Handlungseinlagen.

Diese Reali­sierung basiert auf bedin­gungs­loser, höchster Präzision von Spiel und Gesang aller Betei­ligten, inklusive der Sänger, des Chores und der Statisten und folgt ganz dem Charakter der handwerklich perfekten Kunst­fer­tigkeit der musika­li­schen Faktur à la Rossini. Der schuf das Werk nicht nur unmit­telbar zwischen zwei weiteren Auftrags­werken in nur 24 Tagen, sondern besaß auch keinerlei Skrupel, seine Kreationen mit bereits ander­weitig kreierten, eigenen Kompo­si­tionen zu versetzen, anzurei­chern oder in gänzlich anderem inhalt­lichen Bezug einfach wiederholt zu verwerten. Das Räderwerk dieser wohlbe­rech­nenden Kunst wird in der Insze­nierung liebenswert erfahrbar und relati­viert die Qualität nicht im Geringsten.

Die kühle Brillanz des Rossi­ni­schen Handwerks, die Artistik der Musik und nicht zuletzt des Gesangs könnten bei weniger perfekter Umsetzung Lange­weile und sogar die Sinnfrage für einen solchen Abend provo­zieren. Tickt aber das Uhrwerk, zieht der Sog der Musik, funktio­nieren die mit kompo­nierten Applaus­ein­sätze des Publikums und geht die Regie bei der Umsetzung der Absur­di­täten von Handlung und Musik in die Vollen, kann – wie jetzt in Oslo – ein äußerst gelun­gener Abend absurden Theaters und balsa­mi­schen Hörge­nusses über die Rampe kommen.

Stefan Herheim und seinem Team gelingt in einem atembe­rau­benden Ritt durch die Handlungs­ele­mente der alten Geschichte ein Sinnbild für mensch­liche Charak­ter­ei­gen­schaften und ‑handlungen, wie sie aktueller, unter­halt­samer und auch für den heutigen Zuschauer überra­schender nicht umgesetzt werden kann. Dabei wird er teilweise von bewährten Partnern, wie Daniel Unger beim Bühnenbild, Esther Bialas bei den wunderbar knallig-bunten Kostümen, dem Licht­design von Andreas Hofer und der Video­kunst von Torge Möller und Momme Hinrichs begleitet.

Foto © Erik Berg

Auf der Bühne findet ein außer­ge­wöhn­liches Sänger­ensemble zusammen, das nicht nur gesanglich, sondern auch in unermüd­licher Aktion spiele­risch wirkt. Allen voran die hemmungslos agile und mit einem wunderbar flexiblen Mezzo gesegnete Anna Gorya­chova als Aschen­puttel, die in Taylor Stayton einen exzel­lenten, spiele­ri­schen und in seinem Fach glänzenden Tenor-Counterpart hat. Gnadenlos gut in Auftritt und Geste auch Aleksander Nohr in der Rolle als verklei­deter Prinz, die er gehörig genießt. Stimmlich kann Nohr trotz der relativ kurzfris­tigen Übernahme der Partie gut überzeugen. Renato Girolami ist der hocher­fahrene und routi­nierte Don Magnifico und Rossini mit sonorer und entspannter Präsen­tation in Spiel und Stimm­führung. Michael Samuel changiert darstel­le­risch zwischen Mönch und Kardinal und kann in jedem Habit stimmlich überzeugen. Das Ensemble wird von den Schwestern Clorinda und Tisbe der Eli Kristin Hanssveen und Desiree Baraula perfekt abgerundet.

Ein reiner Männerchor unter der Leitung von David Maiwald singt spiel­trunken und –freudig im Rossini Outfit mit Grandezza und Aplomb. In den Chor mischt sich teilweise zunächst unmerklich, aber effektvoll eine clowneske und akroba­tische Statis­ten­schar mit ebendem Rossini-Outfit und wirbelt durch die vorzugs­weise absurden Handlungs­ele­mente, je absurder desto quirliger.

Das Orchester der Osloer Oper spielt unter der Leitung von Antonino Fogliano mit höchster Präzision und in allen Instru­men­ten­gruppen perfekter Durch­hör­barkeit. Fogliano greift aus dem Orches­ter­graben immer wieder mit Bemer­kungen oder Anwei­sungen in die Handlung ein und vermag die Vielschich­tigkeit der szeni­schen-musika­li­schen Durch­dringung auf diese Weise noch zu steigern.

Das Publikum in Oslo reagiert mit taktge­nauem Applaus wie zur Erleich­terung bei den sich absurd zuspit­zenden Spiel­szenen und springt am Ende unmit­telbar in eine stehende Ovation für die Sänger, das Orchester mit seinem mitsin­genden und mitspie­lenden Dirigenten, den Chor mit seinen agilen Statisten und das gesamte Regieteam.

Das Haus kann den Erfolg und eine große inter­na­tionale Aufmerk­samkeit dieser grandiosen Produktion genießen. Es muss gleichwohl ein hartes Stück Arbeit für alle auf und hinter Bühne gewesen sein, ein solch präzises Uhrwerk zu erarbeiten und in aller Perfektion liebevoll und animiert abzuspulen – eine große Leistung.

Wer es jetzt nicht nach Oslo schafft, kann sich die Produktion in der zweiten Jahres­hälfte beim Kopro­du­zenten, der Opera de Lyon, anschauen – es lohnt sich.

Achim Dombrowski

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