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Das 1926 am Breslauer Stadttheater uraufgeführte Werk befand sich auf Erfolgskurs. Düsseldorf und Königsberg spielten es nach. In Hans Gáls österreichischer Heimat brachte Graz die „Dramatische Ballade in drei Bildern“ heraus. Doch verschwand die Oper 1930 vom Spielplan. Rollkommandos aus dem SA-Pöbel fürchtend, kapitulierten die deutschen Intendanzen vor dem völkischen Ungeist. Verdienstvoll hat sich nun das Theater Osnabrück eines Stücks angenommen, mit dem Bekanntschaft zu schließen lohnt.
Gál, Jahrgang 1890, war in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bereits ein arrivierter Tonsetzer, der als Direktor des Mainzer Peter-Cornelius-Konservatoriums auch im akademischen Lehrbetrieb einen bedeutsamen Platz einnahm. Zur Emigration gezwungen, wurde er schließlich Dozent an der Universität Edinburgh. Im Ruhestand verfasste Gál weithin beachtete Bücher über Schubert und Brahms, Wagner und Verdi. Er starb 1987.
Das Libretto zu seiner dritten Oper schrieb der ihm freundschaftlich verbundene Karl Michael von Levetzow mit jenem hohen poetischen Anspruch, den auch d’Albert und Schönberg zu schätzen wussten.
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Schauplatz der Oper ist ein märchenhaft-symbolgeladenes mittelalterliches Sizilien. Nach dem Tod des Königs drängt die öffentliche Meinung Erbprinzessin Lianora zur Wahl eines Gemahls, der die Nachfolge ihres Vaters antreten soll. Der Prinzessin Weigerung verursacht eine Staatskrise. Schließlich verkündet Lianora dem harrenden Volk jenen geheimnisvollen Sänger als Bräutigam und neuen König, dessen inbrünstige Lieder sie seit einiger Zeit allnächtlich vernimmt. Doch kaum hat der Serenadensänger seine wahre Identität enthüllt, überwältigt Ekel die Prinzessin. Der vermeintliche Märchenprinz ist der von ihr immer von oben herab behandelte Bootsmann Ciullo, ein Domestik. Um Lianora die Schmach einer standeswidrigen Ehe zu ersparen, erdolcht sich der Sänger. Die Prinzessin tritt ins Kloster ein.
Wie weltfern die Handlung auch anmutet, das Stück ist unverkennbar ein Produkt der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Kund gibt sich der Zeitbezug nicht allein durch permanentes Psychologisieren, auch changiert die Verfassung des fiktiven Sizilien konfliktträchtig zwischen Erb- und Wahlmonarchie. Die Öffentlichkeit lechzt nach einer starken Führerfigur.
Gáls Musik basiert auf den kompositorischen Errungenschaften von Elektra und Salome, schwelgt in Mahlerklängen und verarbeitet den noch tonalen Schönberg der Gurre-Lieder. Ergebnis ist ein ganz eigenes Idiom von suggestiver Harmonik, gepaart mit weitreichendem melodischem Atem. Die Szene zwischen Lianora und der Fürstabtissin lässt sich weder an Wohlklang noch musikdramatischer Spannung leicht überbieten. Das ausgedehnte Liebesduett der Prinzessin mit dem erst fernen, schließlich in der Umarmung mit ihr vereinten Sänger bezwingt durch Sehnsucht und Liebesjubel.
Mascha Pörzgen sieht in Lianora ein verwöhntes Ding, das nicht erwachsen werden will. Selbstverliebt und eitel bis ins Mark, weist die Prinzessin den um sie freienden hochadeligen Tancred nicht etwa emanzipativ gesonnen, vielmehr aus purer Laune ab. Da Lianora die auf sie einwirkenden Impulse nur unzureichend kontrolliert, verleitet sie infantile Frustration dazu, selbst die ihr ergebene Freundin und Vertraute Hämone zu brüskieren. Die der Prinzessin Nächte durchtönende Stimme des unbekannten Sängers verschafft ihr Gelegenheit, sich einen Märchenprinzen zurecht zu backen. Pörzgen arbeitet Figuren und Konstellationen sinnfällig heraus. Der Auftritt der ihre Nichte bis auf den Grund der Seele und Motive durchschauenden Fürstäbtissin, die auf hohem Kothurn ein Denkmal ihrer selbst vorstellt, gerät monumental. Vergeblich mahnt dieser weibliche Steinerne Gast die Prinzessin, sich dem Erwachsenwerden nicht länger zu versperren.
Die suggestive Bühne von Frank Fellman zeigt ein luxuriöses Mädchengemach mit riesigem Himmelbett und überdimensionalem Portal in mediterran angehauchtem Shabby-Stil. Alles ist für die kindische Prinzessin zu groß geraten und entspricht in seinen Dimensionen eher der ragenden Fürstäbtissin. Das ausgreifende Liebesduett ist in einer Zwischenwelt angesiedelt, die sich zugleich über wie unter dem Wasser befindet, auf dem Altan des Königspalastes wie in einem Meer der Empfindungen, durch das sich das Ruderblatt des Nachens bewegt, den der Bootsmann und Sänger steuert. Szenerien wie diese werden durch sublime Videoprojektionen erzeugt, die sich niemals in den Vordergrund drängen.

Auch für die Kostüme zeichnet Fellmann verantwortlich. Zu besichtigen ist eine in Rosa und Flieder getauchte Mädchenwelt neckischer Kleidchen. Lionora indessen nimmt sich das Privileg schriller Leggins-Geschmacklosigkeit unter weitem Plunder. Der namenlose Sänger laviert zwischen Zorro und dem Phantom der Oper.
Der von Markus Lafleur einstudierte Chor und Extrachor des Theaters Osnabrück meistert seine rhythmisch oft heiklen Aufgaben souverän.
Mit dem Osnabrücker Symphonieorchester realisiert Andreas Hotz die komplexe und raffinierte Partitur sowohl durch Detailarbeit als auch mit Gespür für die großen Züge. Dirigent und Orchester liefern den Beweis für Schönbergs Diktum, die Dur-Moll-Tonalität sei noch lange nicht ausgereizt. Trotz symphonischer Wogen ist Hotz ein sängerfreundlicher Begleiter.
Allererst nimmt die geschlossene Ensembleleistung für sich ein. Freilich besticht Lina Liu in der omnipräsenten Partie der Lianora durch ihren leicht ansprechenden, dabei bestens fokussierten Sopran. Noch die exponiertesten Töne wachsen organisch aus der Mittellage. Ferdinand von Bothmer als namenloser Sänger zielt seinen Tenor etwas zu sehr auf die Produktion von Spitzentönen ab. Gritt Gnaucks Mezzo lässt die Fürstäbtissin bis in den letzten Winkel des Auditoriums dringen. Susann Vent-Wunderlichs warmer Sopran beglaubigt die der Prinzessin überlegene menschliche und soziale Kompetenz Hämones. Rhys Jenkins als abgewiesener Freier und José Gallisa als wenig souveräner Kanzler singen und agieren rollendeckend.
Der Applaus signalisiert eindeutige Zustimmung. Dem Werk sind Folgeproduktionen zu wünschen.
Gál rettete sein Leben. Von Levetzow, dem die Nationalsozialisten die Uraufführung seines Rembrandt-Dramas vereitelten, wurde von der Roten Armee inhaftiert. Ein Gefängniswärter prügelte ihn tot.
Michael Kaminski