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DIE ERSTE WALPURGISNACHT/
STABAT MATER
(Felix Mendelssohn Bartholdy, Gioachino Rossini)
Besuch am
6. Mai 2017
(Einmalige Aufführung)
Das sieht schlecht aus für eine Abendveranstaltung in der Stadthalle Ratingen. Endlich wieder Sonnenschein und frühlingshafte Temperaturen. Noch dazu kündigt die Wettervorhersage an, dass das gute Wetter genau zwei Tage hält. Da kann man sich für die Gestaltung eines Samstagabends vieles vorstellen, was garantiert nichts mit den Innenräumen einer Stadthalle zu tun hat. Dafür sind noch erstaunlich viele Besucher gekommen. Zu etwa zwei Dritteln sind die Stühle besetzt. Der Konzertchor Ratingen hat zu seinem Frühlingskonzert eingeladen. Und die ihn begleitende Sinfonietta Ratingen verabschiedet sich zuallererst mal vom Winter und begrüßt den Frühling. „Es lacht der Mai! Der Wald ist frei von Eis und Reifgehänge. Der Schnee ist fort, am grünen Ort erschallen Lustgesänge.“ Prächtig erklingt der Chor nach der zweiteiligen Ouvertüre, die das Geschehen dramatisch einleitet. Dabei handelt es sich bei der Ballade Die erste Walpurgisnacht von Johann Wolfgang von Goethe, die Felix Mendelssohn Bartholdy als Kantate vertont hat, eher um eine lustige Begebenheit. Heiden, von Christen im Harz festgesetzt, kämpfen darum, ihre Frühlingsbräuche feiern zu können. Sie veranstalten einen gewaltigen Mummenschanz, schlagen damit die Christen in die Flucht und können so ihren Gottesdienst feiern. Mendelssohn konzentriert sich bei der Vertonung nicht auf den Humor der List, sondern beschreibt musikalisch eher „Menschen-Wölf‘ und Drachen-Weiber, die im Flug vorüberziehen! Welch entsetzliches Getöse!“. Nun, vom Getöse sind Chorsänger und Solisten dann doch weit entfernt.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
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Vielmehr werden hier in selten erlebter Balance sämtliche Tiefen der Musik ausgetragen und vorgeführt. Thomas Gabrisch, Leiter des Konzertchores, hat eigens zu diesem Werk eine Neuerung eingeführt. Er hat den Videokünstler Moritz Hils beauftragt, ein in dieser Weise vorgetragenes vollkommen eigenständiges Werk um eine Video-Licht-Installation zu ergänzen. Hils zeigt auf einer schmalen Projektionsfläche hinter dem Chor Mond‑, Blumen- und Augenbilder mit vorüberziehenden Wolken. Selbst wenn es aussagekräftigere Bilder wären: Der musikalische Vortrag erlaubt in seiner Stärke keine visuelle Ablenkung. Was dem jungen Künstler allerdings hervorragend gelingt, ist seine Lichtintervention. Hier schafft er mit geringsten Mitteln eine Dramaturgie, von der man sofort weiß: Das hat hier gefehlt. Und das nachfolgende Stück wird ihm gleich noch Recht geben. Vorerst aber gibt es drei, vier atmosphärische Lichtwechsel, die der Szenerie ausgesprochen gut zu Gesicht stehen. Und wenn Bariton Konrad Jarnot mit großer Stimme zum Schluss kommt, die jeden in den Bann zieht, ja, fast schon wagnerische Ausmaße annimmt, die letzten beiden Zeilen der Ballade zitiert – „Und raubt man uns den alten Brauch, dein Licht, wer kann es rauben?“ – blendet Hils weißes Licht in zunehmender Intensität ins Publikum. Einfach großartig.
Eine halbstündige Pause sorgt für ausreichenden Abstand zwischen den beiden Werken des Abends. Auch wenn die Erste Walpurgisnacht und Stabat Mater von Gioachino Rossini etwa zur selben Zeit entstanden sind, könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Wurde Mendelssohn zu viel Ernsthaftigkeit vorgeworfen, war es bei Rossini ein zu geringer kirchlicher Bezug. Bei Kirchenaufführungen von Stabat Mater bemüht man sich, den kirchenmusikalischen Aspekt in den Vordergrund zu stellen – in Ratingen bemüht sich Gabrisch, die operesken Feinheiten herauszuarbeiten. Und das gelingt hervorragend. Neigen Kirchenchöre dazu, zu Gott aufzubrausen, gelingt es Gabrisch auch hier, eine schöne Balance zwischen Chor, Orchester und Solisten herzustellen.
Neben einem absolut begeisternden Jarnot in der Ersten Walpurgisnacht zeigen auch die übrigen Solisten eine Meisterschaft, die mit einer Stadthalle kaum mehr zu vereinbaren ist. Bei einem Oratorium gibt es als Sänger für dich keine Chance, dich in eine Rolle hineinzusingen. Das muss auf den Punkt sitzen. So wie bei Sabine Schneider als Sopran, bei der die Einsätze absolut akkurat stimmen. In den Höhen glänzt sie silbern, in den mittleren Lagen bleibt sie gut verständlich. Und besonders schön wird es, wenn sie bei „Quis non posset contristari, piam matrem contemplari dolentem cum filio?“ mit Mezzosopranistin Elvira Bill ins Duett geht. Die zeigt in der Kavantine Fac ut portem Christi mortem ihr ganzes Können. Simon Robinson liefert sich als Bass mit dem Chor einen nahezu perfekten Dialog. Auch Tenor Michael Siemon trägt zum Erfolg des Abends bei.
Der Chor bringt sich a cappella in eine Spitzenposition, zeigt aber durchgängig seine hohe Qualität, die er inzwischen mit Gabrisch erarbeitet hat. Auch der Dirigent hat sich weiterentwickelt. An diesem Abend entsteht der Eindruck, als habe er sich vom väterlichen Begleiter zum entschiedenen Motivator gewandelt. Erstmals erlebt man ihn als maestro, und das bekommt Chor und Orchester bestens.
Am Ende des Konzerts steht fest: Das war mit Abstand der beste Abend, den Konzertchor, Sinfonietta und Solisten abgeliefert haben. Das Publikum johlt, gratuliert und erhebt sich von den Plätzen. Diesen Genuss möchte man gegen keinen Biergarten tauschen.
Michael S. Zerban