O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Jürgen Paust-Nondorf

Menschen-Wölf‘ und Drachenweiber

DIE ERSTE WALPURGISNACHT/
STABAT MATER

(Felix Mendelssohn Bartholdy, Gioachino Rossini)

Besuch am
6. Mai 2017
(Einmalige Aufführung)

 

Konzertchor Ratingen, Stadthalle

Das sieht schlecht aus für eine Abend­ver­an­staltung in der Stadt­halle Ratingen. Endlich wieder Sonnen­schein und frühlings­hafte Tempe­ra­turen. Noch dazu kündigt die Wetter­vor­hersage an, dass das gute Wetter genau zwei Tage hält. Da kann man sich für die Gestaltung eines Samstag­abends vieles vorstellen, was garan­tiert nichts mit den Innen­räumen einer Stadt­halle zu tun hat. Dafür sind noch erstaunlich viele Besucher gekommen. Zu etwa zwei Dritteln sind die Stühle besetzt. Der Konzertchor Ratingen hat zu seinem Frühlings­konzert einge­laden. Und die ihn beglei­tende Sinfo­nietta Ratingen verab­schiedet sich zuallererst mal vom Winter und begrüßt den Frühling. „Es lacht der Mai! Der Wald ist frei von Eis und Reifge­hänge. Der Schnee ist fort, am grünen Ort erschallen Lustge­sänge.“ Prächtig erklingt der Chor nach der zweitei­ligen Ouvertüre, die das Geschehen drama­tisch einleitet. Dabei handelt es sich bei der Ballade Die erste Walpur­gis­nacht von Johann Wolfgang von Goethe, die Felix Mendelssohn Bartholdy als Kantate vertont hat, eher um eine lustige Begebenheit. Heiden, von Christen im Harz festge­setzt, kämpfen darum, ihre Frühlings­bräuche feiern zu können. Sie veran­stalten einen gewal­tigen Mummen­schanz, schlagen damit die Christen in die Flucht und können so ihren Gottes­dienst feiern. Mendelssohn konzen­triert sich bei der Vertonung nicht auf den Humor der List, sondern beschreibt musika­lisch eher „Menschen-Wölf‘ und Drachen-Weiber, die im Flug vorüber­ziehen! Welch entsetz­liches Getöse!“. Nun, vom Getöse sind Chorsänger und Solisten dann doch weit entfernt.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Publikum  
Chat-Faktor  

Vielmehr werden hier in selten erlebter Balance sämtliche Tiefen der Musik ausge­tragen und vorge­führt. Thomas Gabrisch, Leiter des Konzert­chores, hat eigens zu diesem Werk eine Neuerung einge­führt. Er hat den Video­künstler Moritz Hils beauf­tragt, ein in dieser Weise vorge­tra­genes vollkommen eigen­stän­diges Werk um eine Video-Licht-Instal­lation zu ergänzen. Hils zeigt auf einer schmalen Projek­ti­ons­fläche hinter dem Chor Mond‑, Blumen- und Augen­bilder mit vorüber­zie­henden Wolken. Selbst wenn es aussa­ge­kräf­tigere Bilder wären: Der musika­lische Vortrag erlaubt in seiner Stärke keine visuelle Ablenkung. Was dem jungen Künstler aller­dings hervor­ragend gelingt, ist seine Licht­in­ter­vention. Hier schafft er mit geringsten Mitteln eine Drama­turgie, von der man sofort weiß: Das hat hier gefehlt. Und das nachfol­gende Stück wird ihm gleich noch Recht geben. Vorerst aber gibt es drei, vier atmosphä­rische Licht­wechsel, die der Szenerie ausge­sprochen gut zu Gesicht stehen. Und wenn Bariton Konrad Jarnot mit großer Stimme zum Schluss kommt, die jeden in den Bann zieht, ja, fast schon wagne­rische Ausmaße annimmt, die letzten beiden Zeilen der Ballade zitiert – „Und raubt man uns den alten Brauch, dein Licht, wer kann es rauben?“ – blendet Hils weißes Licht in zuneh­mender Inten­sität ins Publikum. Einfach großartig.


Eine halbstündige Pause sorgt für ausrei­chenden Abstand zwischen den beiden Werken des Abends. Auch wenn die Erste Walpur­gis­nacht und Stabat Mater von Gioachino Rossini etwa zur selben Zeit entstanden sind, könnten sie kaum unter­schied­licher sein. Wurde Mendelssohn zu viel Ernst­haf­tigkeit vorge­worfen, war es bei Rossini ein zu geringer kirch­licher Bezug. Bei Kirchen­auf­füh­rungen von Stabat Mater bemüht man sich, den kirchen­mu­si­ka­li­schen Aspekt in den Vorder­grund zu stellen – in Ratingen bemüht sich Gabrisch, die operesken Feinheiten heraus­zu­ar­beiten. Und das gelingt hervor­ragend. Neigen Kirchen­chöre dazu, zu Gott aufzu­brausen, gelingt es Gabrisch auch hier, eine schöne Balance zwischen Chor, Orchester und Solisten herzustellen.

Neben einem absolut begeis­ternden Jarnot in der Ersten Walpur­gis­nacht zeigen auch die übrigen Solisten eine Meister­schaft, die mit einer Stadt­halle kaum mehr zu verein­baren ist. Bei einem Oratorium gibt es als Sänger für dich keine Chance, dich in eine Rolle hinein­zu­singen. Das muss auf den Punkt sitzen. So wie bei Sabine Schneider als Sopran, bei der die Einsätze absolut akkurat stimmen. In den Höhen glänzt sie silbern, in den mittleren Lagen bleibt sie gut verständlich. Und besonders schön wird es, wenn sie bei „Quis non posset contristari, piam matrem contem­plari dolentem cum filio?“ mit Mezzo­so­pra­nistin Elvira Bill ins Duett geht. Die zeigt in der Kavantine Fac ut portem Christi mortem ihr ganzes Können. Simon Robinson liefert sich als Bass mit dem Chor einen nahezu perfekten Dialog. Auch Tenor Michael Siemon trägt zum Erfolg des Abends bei.

Der Chor bringt sich a cappella in eine Spitzen­po­sition, zeigt aber durch­gängig seine hohe Qualität, die er inzwi­schen mit Gabrisch erarbeitet hat. Auch der Dirigent hat sich weiter­ent­wi­ckelt. An diesem Abend entsteht der Eindruck, als habe er sich vom väter­lichen Begleiter zum entschie­denen Motivator gewandelt. Erstmals erlebt man ihn als maestro, und das bekommt Chor und Orchester bestens.

Am Ende des Konzerts steht fest: Das war mit Abstand der beste Abend, den Konzertchor, Sinfo­nietta und Solisten abgeliefert haben. Das Publikum johlt, gratu­liert und erhebt sich von den Plätzen. Diesen Genuss möchte man gegen keinen Biergarten tauschen.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: