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DER UNTERTAN
(nach Heinrich Mann)
Besuch am
8. September 2017
(Premiere 16. April 2016)
Das Deutsche Theater in Göttingen zeigt zu Beginn der neuen Spielzeit – und rechtzeitig vor der Bundestagswahl, wie intensiv es sich mit den gegenwärtigen gesellschaftlichen Umbrüchen auseinandersetzt. Dazu hat Intendant Erich Sidler vom 8. bis zum 10. September Stücke der vergangenen Spielzeit zusammengestellt und mit zusätzlichen Veranstaltungen wie Podiumsdiskussionen, Stadtführung oder Lesungen kombiniert, um den Diskurs in der Stadt zu beleben. Dabei verzichtet er bewusst auf den erhobenen Zeigefinger oder gar Agitprop-Theater, sondern zeigt lieber, was das Theater mit eigenen Mitteln bewirken kann, ohne festgefügte Positionen zu betonieren. Rechts(d)ruck – drei Tage Antipopulismus, so der Titel des Festivals, der Diskurs ankündigt, ohne Haltung vermissen zu lassen.
Wie schwierig das mit der vermeintlich richtigen Haltung ist, zeigt gleich das erste Stück, mit dem das Festival eröffnet. Im April vergangenen Jahres zeigte das Göttinger Theater seine Studio-Version von Der Untertan nach Heinrich Mann in der Regie von Theo Fransz. Dabei handelt es sich eher um ein Surrogat denn um eine Wiedergabe des Buches, das den Inhalt auf rund 80 Minuten komprimiert. Einerseits ist die Zeit vollkommen ausreichend, um den Konflikt der geistigen Haltung aufzuzeigen, andererseits wird das Stück stark textlastig, um die Handlung verständlich zu machen. Da überschlagen sich schon mal die Worte im Chorus, und die Spielszenen geraten arg kurz. Bettina Weiler hat sich um Bühne und Kostüme gekümmert. Mit denkbar knappen Mitteln gelingt es ihr, das Geschehen zu verdeutlichen. Links am Bühnenrand ein Klavier, dahinter eine „Garderobenecke“, in der viele Accessoires untergebracht sind. Rechts ein überdimensionaler Bilderrahmen, der ermöglicht, historische Videos aus der wilhelminischen Zeit zu zeigen, und als halbtransparente Fläche, hinter der Schattenspiele stattfinden können. In der Mitte ein stabiler Tisch und ein paar solide, einfache Stühle, mit denen die verschiedensten Situationen dargestellt werden können. Die Kostüme sind in Schwarzweiß gehalten: Weiße Blusen und schwarze Anzüge mit Westen, die durch Überstreifen von Gehröcken oder Aufsetzen von Verbindungsmützen für blitzschnelle Rollenwechsel sorgen.

Durchgängig behält seine Rolle Benedikt Kauff als Diederich Heßling. Er hat den Lebensweg des Sohnes eines Papierfabrikanten aus der Kleinstadt Netzig zu verfolgen, der sich allzu sehr in der Rolle des nationalistischen Untertanen verliert und absolut davon überzeugt ist, dass sein Weg der richtige ist. Obrigkeitshörig scheut er vor keiner Doppelmoral zurück, legt die an sich selbst erfahrene Strenge gegenüber den eigenen Untergebenen an den Tag und unternimmt alles, um selbst in die höchstmögliche gesellschaftliche Position zu gelangen. Genau dieser Untertan in der wilhelminischen Zeit war es, der den Weg für den Nationalsozialismus bereitete. Kauff zeigt Heßling nachvollziehbar, intensiv und überzeugend. Was er nicht zeigt, weil es nicht seine Aufgabe ist, was das für uns heute bedeutet. Die Frage bleibt offen – und damit dringend diskutabel.
Andreas Jeßing, Benjamin Kampf und Andrea Strube übernehmen mit größter Souveränität die übrigen Rollen. Eindrucksvoll aus heutiger Sicht die Rolle des Buck, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Veteran der Revolution von 1848 genauso belächelt wird wie heute die Menschen, die ab 1968 auf die Straße gegangen sind, um die Verkrustungen der Bundesrepublik aufzubrechen. Dennoch haben beide dafür gesorgt, dass sich die Welt ändert – und ein bisschen menschlicher wird.
Wenn Michael Frei Lieder alter Burschenschaftsherrlichkeit singen lässt, unterstreicht er damit die Stimmung der Zeit und hinterlässt zugleich Fragen, ob eine solche falschverstandene Solidarität heute noch gültig ist. Und so ist das eben mit dem Theater. Es überlässt anderen die einfachen Antworten, stellt lieber selbst Fragen an die Gesellschaft.
Mit dem Untertan jedenfalls ist dem Festival schon mal ein glanzvoller Auftakt gelungen. Das bekräftigt das Publikum mit nachhaltigem Applaus. Das Wochenende verspricht, aufregend zu werden.
Michael S. Zerban