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ZEIT BEZEUGEN
(Gernot Grünewald)
Besuch am
9. September 2017
(Uraufführung am 12. Februar 2017)
Auch am zweiten Tag des Festivals Rechts(d)ruck – Drei Tage Antipopulismus geht die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus weiter. Hätte vor 40 Jahren jemand vorgeschlagen, ein Stück zu machen, in dem sich zehnjährige Kinder mit dem Nationalsozialismus beschäftigen sollen, hätte er sich womöglich einer strafrechtlichen Verfolgung ausgesetzt. Die Zeiten – und wohl auch die Notwendigkeiten – ändern sich. Will man Jugendliche gegen die Einflüsse rechtsradikalen Gedankenguts starkmachen, muss man wohl schon die Kinder sensibilisieren. Dachte sich zumindest Gernot Grünewald und entwickelte gemeinsam mit dem Deutschen Theater in Göttingen und der Paul-Gerhardt-Schule in Dassel das Projekt Zeit bezeugen – Kindheit in der NS-Zeit. Man kann es Grünewald nicht hoch genug anrechnen, sich auf ein solches Unterfangen einzulassen. Sämtliche nur erdenklichen Bedenkenträger – von den Lehrern über die Eltern bis zu den Theaterpädagogen – sind von Anfang an mit dabei. Wer einmal einen Elternabend zur Vorbereitung einer Klassenfahrt miterlebt hat, kann sich kaum vorstellen, dass ein solches Projekt, das schließlich in einer einstündigen Aufführung enden sollte – jemals verwirklicht werden kann. Aber im Februar dieses Jahres fand tatsächlich die Uraufführung statt. Und die 28 Kinder einer fünften Klasse des Gymnasiums hatten riesig Spaß.
Wie so oft im Theaterleben war der Entstehungsprozess der weitaus wichtigere Teil der Arbeit, die Präsentation dann nur das – immerhin noch aufregende – i‑Tüpfelchen. Ehe auch nur an Proben zu denken war, bekamen die Schüler eine wichtige Aufgabe: Sie durften Zeitzeugen befragen, die zwischen 1933 und 1939 in die Schule gingen. Sieben Damen und Herren erklärten sich bereit, am Ende ihres Lebens den etwa zehnjährigen Schülern Auskunft über ihre Schulzeit zu erteilen. Und auch den alten Herrschaften gefiel das. Es war das erste Mal, dass sie vorurteilsfrei und ohne Belehrungen erzählen durften. Dabei waren die Fragen bewusst einfach gewählt. Wie hat ihnen die Schulzeit gefallen? Welche Fächer gab es? Hatten sie genug zu essen? Welche Spielzeuge gab es? Schon das Ergebnis an sich war erstaunlich. Es war schließlich alles ganz normal. Für die Schüler von damals war ihre Schulzeit das Normalste auf der Welt. „Natürlich“ gehörten Jungvolk, Hitlerjugend, Arbeitsdienst und so weiter dazu – mit all den schönen Erlebnissen. Vor allem die Gemeinsamkeit wurde hoch eingeschätzt. Von der Körperertüchtigung über Singen und Wandern bis zu Lagerfeuer-Abenden erlebten die damaligen Kinder eine schöne Schulzeit. Da zeigten sich auch die heutigen Schüler begeistert. Das Leuchten in den Augen der alten Leute versprach mehr als pädagogisch wertvolle Computerspiele oder What’s‑App-Vernetzung.
Ganz so einfach wollte es Grünewald seinen Schützlingen dann aber doch nicht machen. Er entwickelte eine Collage, die nicht nur den Schülern auch die andere Seite zeigte, sondern eine Professionalität an den Tag legt, die Filmreife zeigt. Der schwarz ausgeschlagene Bühnenraum des Studios bietet viel Raum für Bewegung, Grafik und an der Rückwand für Videos. Vollkommen unverständlich, warum auf der Tribüne noch Plätze frei bleiben.

Während die Schüler sich vom Bühnenrand aus immer wieder zu Übungen bis hin zu Drill auf der Bühne treffen, versammeln, neu ordnen und marschieren, laufen im Hintergrund Videos historischer PR-Videos, die die ganze Herrlichkeit des „neuen“ Bildungssystems der Nationalsozialisten zeigen. Zwischenzeitlich werden von den beiden „Lehrern“, die das Geschehen auf der Bühne betreuen, Texte verlesen, die die ideologische Grundlage für das Bildungssystem bilden. Oder sollte man sagen: Die Kehrseite des Systems? Da wird alles in die Schule hineingetragen, was das nationalsozialistische Gedankengut ausmacht und den Kindern von der ersten Stunde an – so sagen es die Lehrpläne – indoktriniert werden soll: Vom Antisemitismus über die Rassenideologie, vom Kampf für das deutsche Volk bis zur Verherrlichung des „Führers“. Auch wenn die Schüler nicht genau verstanden, was ihre jüdischen Mitschüler ihnen eigentlich getan hatten, verstanden sie umso genauer, dass sie in eine neue, herrliche Zeit aufbrachen. Die Schüler der Paul-Gerhardt-Schule spielen das nach, ziehen noch einmal die Sportuniformen der Nazi-Schüler an, lassen ihren so genannten Hitler-Gruß bereitwillig von den Lehrern optimieren und singen gemeinsam Volkslieder. In diesem Alter hinterfragt man nicht, sondern bemüht sich, möglichst gut zu sein.
Für den Zuschauer ist das alles zwiespältig, weil die Idee der Solidargemeinschaft nichts von ihrem Reiz verloren hat. Weil es großartig aussieht, wenn die Jugend gemeinsam für die „gute Sache“ aufmarschiert und daran offensichtlich Spaß hat. Den Gymnasiasten aus Dassel gelingt es, ihrem Publikum diese Faszination zu vermitteln. Diese Idee von der Volksgemeinschaft, die in Kindheitstagen beginnt und „bis zum Grab“ dauern soll, ist doch gerade in diesen Tagen bestechend, in denen plötzlich jeder wie am jüngsten Tag auf sich selbst gestellt zu sein und eine solche Kraft gar nicht zu haben scheint. Wenn es sie denn ohne das rechtsradikale Gedankengut gäbe. Ein verwirrender Gedanke, den man erst mal wieder abschütteln muss.
Und während das Publikum die großartigen Bemühungen der Schüler applaudiert, die Zeitzeugen gar zur Gänze beglückt scheinen, als hätten alle Worte keine Wirkung, dämmert eine weitere Frage auf. Was wird eigentlich dieses Stück aus den Kindern machen, nicht jetzt, vielleicht in fünf Jahren? Die Theaterpädagogin bietet im Anschluss ein Gespräch an, aber gerade jetzt möchte man erst mal mit seinen Gedanken allein sein. Ein letztlich verstörendes Stück, von dem man hofft, dass die Kinder die richtigen Schlüsse für sich daraus ziehen.
Michael S. Zerban