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POLITISCHER KLIMAWANDEL
(Podiumsdiskussion)
Besuch am
9. September 2017
(Einmalige Veranstaltung)
Ein Festival aus bereits vorhandenen Stücken zusammenzusetzen, um mit vergleichsweise geringem finanziellen Aufwand noch einmal ein Thema zu fokussieren, ist keine neue Idee. Aber bei dem Festival Rechts(d)ruck – Drei Tage Antipopulismus eine besonders gelungene. Das Deutsche Theater in Göttingen zeigt damit sein gesellschaftliches und politisches Engagement. Und die Verdichtung des Themas sorgt für neuerlichen Diskussionsstoff beim Publikum. In konzentrierter Abfolge werden Stücke gezeigt, die in neuen Zusammenhängen noch einmal eine neue Intensität bewirken. Und es hätte alles gut sein können. Intendant Erich Sidler allerdings möchte noch einen draufsetzen und programmiert am Samstagabend „zur besten Sendezeit“ eine Podiumsdiskussion unter dem Titel Politischer Klimawandel. Auch prima. Schauspieler, die mit dem Publikum über die Stücke des Wochenendes streiten, Regisseure, die ihre gezeigten Stücke noch einmal in den gewollten Kontext rücken oder ein Intendant, der mit Schülern über die Zukunft Deutschlands fabuliert. All das hätte das Wochenende hergegeben.
Stattdessen siegt die Eitelkeit. Das Theater bleibt sich nicht treu, sondern gefällt sich darin, die Diskussion auf eine andere Ebene zu schieben. Da werden Menschen eingeladen, die sich mit akademischen Titeln schmücken dürfen, und Journalisten, die eine „große“ Zeitung und einen Hörfunksender repräsentieren. Das grenzt an Peinlichkeit, wenn diese Menschen sich in einer scheinbar elitären Sprache üben, die in erster Linie einem dient: Sich vom Publikum zu distanzieren. Sidler lässt es sich nicht nehmen, die „verbeamteten Intellektuellen“ persönlich vorzustellen. Stammte das Zitat von ihm, wäre noch vieles gerettet.
An Stelle einer moderierten Diskussion über einen politischen Klimawandel geht es überwiegend um eine politische Randerscheinung – eine Partei, die sich Alternative für Deutschland nennt – die alsbald wieder verschwunden wäre, wenn sie nicht beständig in den Medien hochgehalten und abgefeiert würde. Erst als der Soziologie-Professor über die konkrete Situation am Arbeitsplatz berichtet, wo mittels veränderter Bedingungen Kontinuitäten durchbrochen werden, fühlt sich das Publikum mitgenommen. Man ist unter sich. Und wundert sich, warum das rechte Gedankengut so viel Platz gewinnt. Wiederum ist es der Soziologe, der darauf hinweist, dass sich im Denken eigentlich gar nichts verändert hat, sondern die Rechten ein Forum in den so genannten Sozialen Medien gefunden haben.
Es lohnt nicht, auf den weiteren Diskurs einzugehen. Oder: Es lohnt nicht, das Pseudo-Fach-Geschwafel wiederzugeben. Spätestens wenn die Diskussion sich auf das ökonomische Gleichgewicht kapriziert, wird deutlich, dass die Auseinandersetzung innerhalb eines Systems stattfindet, dass das humanistische Weltbild komplett ausblendet.
Der Abend scheitert, weil er im linkselitären Gedankengut verhaftet bleibt. Das gefällt dem Publikum, bringt uns aber keinen Schritt weiter. Erst wenn wir zu einer Solidargemeinschaft zurückfinden, die einstmals den Grundkonsens unserer Gesellschaft begründete, werden wir uns weiterentwickeln können. Was die Politik im letzten Jahrzehnt vorgelebt hat, haben die herkömmlichen Medien brav mitvollzogen: Im Vordergrund steht die Aufrechterhaltung eines maroden Systems mit allen Mitteln der Macht, damit die Mächtigen sich selbst erhalten. Und in diesem Sinne wird auch in Göttingen kaum über Visionen nachgedacht, die einen politischen Klimawandel einläuten könnten, sondern lieber selbstherrlich über Phänomene geurteilt, die eine solche Erstarrung mit sich bringt.
Dabei hätte man es als Festival-Besucher eigentlich längst besser wissen können. Genügend Gelegenheit zur Reflexion und Selbstreflexion gab es. Dafür hat Intendant Sidler persönlich gesorgt. Mit einem ansonsten ausgewogenen und vielseitigen Programm bot er seinem Publikum, nämlich der Bürgerschaft seiner Stadt quer durch alle Altersgruppen, viel Gesprächsstoff, gepaart mit anspruchsvoller Unterhaltung, die auf auffallend hohem handwerklichen Niveau dargeboten wurde. Und obwohl keine Neuproduktionen auf dem Programmzettel standen, nahm das Publikum das Angebot in den meisten Fällen gern und intensiv an. Bis auf wenige Ausnahmen blieb kaum ein Platz in den Sälen frei.
Unter den in diesem Sommer besuchten Festivals landet Rechts(d)ruck – Drei Tage Antipopulismus klar auf Platz 1. So wie an diesem Wochenende in Göttingen muss Theater gemacht werden: fantasievoll, brandaktuell und mit vergleichsweise kleinen Mitteln auf einem außerordentlich hohen Niveau.
Michael S. Zerban