O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Avantgarde ohne Auftrag

DIE MAßNAHME/​DIE PERSER
(Bertolt Brecht, Aischylos)

Besuch am
5. Juni 2017
(Premiere)

 

Ruhrfest­spiele Reckling­hausen, Großes Haus

Die Zuschauer blicken ein wenig irritiert auf eine granit­graue Wand, die die Bühne lückenlos nach vorn verschließt, kalt, abweisend, leblos. Vier Figuren treten auf, Partei­a­gi­ta­toren, knallrote Jacketts und Gesichts­masken kennzeichnen sie als Zugehörige zu einer Gruppe. Eine Bläser­gruppe intoniert lautstark und in hellem Licht ein Lied, das der Chor übernimmt und das sich als Revolu­ti­onslied entpuppt. Die namenlose Figur 1 berichtet fast proto­koll­mäßig: „Er wollte das Richtige und tat das Falsche.” Das kostet den jungen, unerfah­renen Genossen sein junges Leben. Die vier Figuren sind dieje­nigen, die die „Maßnahme” durch­ge­führt haben, vorur­teilslos, zwingend und erbar­mungslos, satzungs­gemäß – und vielleicht mit schlechtem Gewissen, wenn es so etwas gibt in einer kommu­nis­ti­schen Gesell­schaft. Sie wären schon gern „linientreu”, und damit auch „unschuldig” und hätten gern ein Volks­urteil, das ihnen bestätigt, sie hätten keine andere Wahl, sie hätten „richtig” gehandelt, als sie ihren jungen Genossen dem Volks­urteil übergeben.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Zu gern nehmen sie das Urteil des Kontroll­chores „Wir sind einver­standen” an, das sie von jeder persön­lichen Verant­wortung befreit und als konform mit den Partei­sta­tuten erklärt. Enrico Lübbe nutzt die so abweisend-kühle Wand auf überra­schend vielfältige Weise. In wechselnden Fenstern, zu denen sich die Granit­würfel öffnen und schließen, tauchen verschie­denste Positionen und Figuren auf, die sich alle hinter der Maske der Partei und ihren einge­blen­deten Prinzipien verstecken. Da tauchen die immer wieder leeren Parolen aus dem Partei­pro­gramm, fallende Schatten, irritierend blinzelnde Augen­pro­jek­tionen auf und symbo­li­sieren die Wider­sprüche zwischen program­ma­ti­schen Aussagen und der gesell­schaft­lichen Wirklichkeit. Die wahren Gesichter der Agita­toren wie des Kontroll­chores bleiben verborgen, „Maskierung und Tarnung ist Pflicht”. In der Schluss­szene schütten rote Farbfilter alle noch vorhan­denen indivi­du­ellen Nuancen zu und übergießen die Szene mit der ideolo­gisch-roten Einheitssoße – die Revolution „kann weiter­mar­schieren”. Wenn sich die „Trenn­linie zwischen Wirklichkeit und Fiktion” aufgelöst hat und es von „purer Willkür” abhängt, „ob man in einem Prozess als Ankläger oder Angeklagter, als Richter oder Hinge­rich­teter endet”, dann haben die Maßnahmen ihren system­er­hal­tenden Zweck erfüllt, ihr Sinngehalt wird nicht hinter­fragt, es genügt, sie als „Rituale” zu praktizieren.

Foto © Bettina Stöß

Zur Zeit des Aischylos um 500 vor Christus durchaus ungewöhnlich, ja verpönt, bringen im zweiten Teil des Abends Die Perser die Sicht der Ereig­nisse, der verlo­renen Seeschlacht der Perser bei Salamis 472 vor Christus durch die Griechen zur Sprache. Lübbe verzichtet auf jegliches Schlach­ten­ge­tümmel, die „Grande Armée” ist schon unter­ge­gangen, wie ein Bote berichtet. Durs Grünbein, der Übersetzer, sieht in den Persern kein Antikriegs­stück, sondern entdeckt in Aischylos‘ Drama den Krieg „als Lebens­prinzip” mit hohem gesell­schaft­lichem Ansehen. Doch auch hier verliert die macht­be­sessene Elite, die politische Avant­garde mit der totalen Niederlage ihre Legiti­mation als Führer, sie wird Opfer der „Hybris der Herrscher”. Als Chorfüh­rerin gibt Hannelore Schubert den Trauernden eine bewegende Stimme, der endlich auftau­chende Bote bringt mit einer langen Namens­liste die Gewissheit der Niederlage, die anonym Beherrschten erhalten plötzlich sehr indivi­duell Toter für Toter einen Namen. Griechen und Perser erfahren auf geradezu wider­sprüch­liche Weise die Doppel­seite des gleichen Ereig­nisses, je nachdem, welche Perspektive sie als Betrachter einnehmen, die Hybris oder Leid sein kann.

Auch bei den Persern verzichtet Lübbe auf großen szeni­schen Aufwand und bietet in seiner direkten, am Text orien­tierten kühlen Insze­nierung ein Spiel, das der Intention von Bertolt Brecht und Hanns Eisler, ein „politi­sches Lehrstück” zu verfassen, sehr nahekommt. Die Bühnen­ein­richtung von Etienne Pluss und die Kostüme von Bianca Deigner folgen diesem Ansatz. Starke Einfälle wie etwa die gefes­selte Figur des Königs Xerxes oder sein grausig verschnürtes Gesicht sind einfache, aber wirkungs­volle Gestaltungsmittel.

So erleben die Zuschauer einen konzen­trierten, inten­siven, vielfach klassi­schen Theater­abend mit Elementen einer griechi­schen Tragödie, deren Inten­sität sie zu einem „Paradigma für mensch­liches Handeln” macht. Ein aufmerk­sames, nachdenk­liches Publikum braucht Minuten, um sich mit langan­hal­tendem Beifall für einen gelun­genen Theater­abend zu bedanken und über die beängs­ti­gende zeitliche Nähe des „Phantasma der Allge­wal­tigen” nachzudenken.

Horst Dichanz

Teilen Sie O-Ton mit anderen: