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Puccini ist gefährlich

LA SIGNORA DORIA
(Rainer Holzapfel)

Besuch am
7. Juli 2017
(Urauf­führung)

 

Volks­theater Rostock, Neptun-Werft, Halle 207

Ähnlich wie seine zwei Haupt­prot­ago­nisten, die Kommissare Sigrid Hansen und Oskar Kowalewski, durch „puren Zufall“ auf den juris­tisch längst abgeschlos­senen Fall der Doria Manfredi stoßen, scheint auch Rainer Holzapfel eher zufällig auf die Idee gekommen zu sein, einem bunten Potpourri von Puccini-Melodien eine krimi­na­lis­tische Rahmen­handlung zu verpassen, die er „ganz charmant“ findet. Und so lässt er die beiden heutigen Kommissare in die Zeit und gesell­schaft­liche Umgebung um 1900 stolpern, wo sie im Zusam­menhang mit dem vermeint­lichen Selbstmord von Doria, dem Hausmädchen der Puccinis, viele heutige Fragen stellen, denn sie ahnen Schlimmes. Wurde Dorias Jungfräu­lichkeit nach ihrem Tod unter­sucht, weil etwa Puccini …, hat Puccini den Arzt bestochen …? Kommis­sarin Hansen, souverän und routi­niert darge­stellt von Renate Krößner, wittert Unheil, wühlt mit ihrem Kollegen Kowalewski in alten Akten und … ermittelt.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Mit einem rückwär­tigen Zeitsprung taucht die Hansen als Dienst­mädchen „under­cover“ im Hause der Puccinis auf, beobachtet den Hausherrn bei seiner Kompo­si­ti­ons­arbeit, in seinen Ausein­an­der­set­zungen mit seiner immer wieder betro­genen, zickigen Ehefau Elvira und bei seinen „Landungs­ver­suchen“ bei verschie­denen Damen. Der italie­nische Lebemann mit „seiner überstarken Libido“   kann trotz vieler Zerwürf­nisse auf seine Frau als Künst­lerin und Partnerin nicht verzichten, die ihm mal eine fehlende Künst­lerin, mal die ersehnte Geliebte ersetzt. Auch Doria möchte sich gern dem Charme ihres Maestros hingeben und stimmt gern in sein Liebes­duett mit ein, ohne zu bemerken, dass sie eine Eroberung neben vielen anderen ist. Als sie die Bitternis der Realität erkennt, ist es zu spät, sie zieht „ einen verklärten Operntod“  mit Gift dem öden Leben vor. Selbst der Kommis­sarin geraten zum Schluss Fantasie und Wirklichkeit durch­ein­ander, als sie mit gezogenem Revolver auf Puccini losstürmt, der auch ohne ihr Zutun tot zu Boden sinkt. Ganz Profi kann sie noch feststellen: „Puccini ist gefährlich“.

Dass diese Rahmen­handlung der schil­lernden Figur Puccinis klareres Profil verleiht, kann man kaum behaupten. Während vor allem im ersten Teil die Puccini-Arien noch als die Ergeb­nisse der Kompo­si­ti­ons­arbeit des Meisters quasi „zwanglos“ einge­flochten werden können, sind die Musik­bei­träge im zweiten Teil nahezu beliebig einge­streut. Die ausge­wählten Arien aus La Bohéme, Madama Butterfly und schließlich Tosca stehen für sich und sind wohl deshalb so populär geworden und geblieben, weil sie ohne jede Rahmen­handlung eine ins Ohr und ans Gemüt gehende Musik darstellen.

Foto © Thomas Häntzschel

Puccinis Musik wird von den Darstellern ohne Einschränkung bestens präsen­tiert. Als Giacomo Puccini überzeugt James J. Kee mit locker-leichtem Auftreten und einem klaren, tragenden Tenor, dem auch die ironische Note nicht fehlt. Anna-Maria Kalesidis bringt mit weichem Sopran gefühlvoll die liebend-leidende Ehefrau wie die zänkisch-giftige Betrogene, Jamila Raimbekova glaubt man das naive Hausmädchen nur kurze Zeit. Ihre verfüh­re­rische Sopran­stimme und ihr Ausdruck sind zu schön, um ihr trauen zu können. Auch Chulhyun Kim überrascht mit einem ausdrucks­starken Tenor, dem freilich der Belcanto-Klang fremd bleibt. Dem stark auftre­tenden Opernchor hat Franziska Just ein Dienst­mädchen-Outfit verpasst, was angesichts der kräftigen Männer­fi­guren mancher Szene eine witzige Note verleiht.

Die Norddeutsche Philhar­monie unter Manfred Hermann Lehner bewegt sich auf sicherem Gelände und hat keine Mühe, die eingän­gigen Melodien Puccinis in dem Provi­sorium der ehema­ligen Schiff­bau­halle am Ufer der Warnow klingen zu lassen.

Doch ob das knapp angedeutete Kommis­sariat oder Puccinis Arbeitsstil mit Noten­papier und Stift die Szene andeuten, Haupt­motor des Abends bleibt Puccinis Musik, von der sich mancher Zuschauer gern hinweg­tragen lässt. Und so wenden sich die beiden Kommissare fast wortlos dem nächsten Fall zu, die Zuhörer aber nehmen Giacomos und Dorias Liebes­duett oder Mimìs Arie mit auf den Heimweg. Die Künstler müssen sich mit einem sparsamen Beifall aus der knapp besetzten Halle 207 der ehema­ligen Neptun-Werft begnügen.

Horst Dichanz

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