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Foto © Caroline Seidel

„Nouvelle Cuisine“ vor Hochöfen

HOMO INSTRUMENTALIS
(Silbersee)

Besuch am
21. September 2017
(Urauf­führung)

 

Ruhrtri­ennale, Landschaftspark Duisburg-Nord

Wenn es um das Verhältnis von „Mensch und Maschine“ geht, setzt die Indus­trie­land­schaft des Duisburger Landschafts­parks mit ihrer gigan­ti­schen Hochofen-Kulisse boden­ständige Assozia­tionen an Schweiß und Muskel­kraft frei. Die hyper­sen­sible Perfor­mance Homo Instru­men­talis der experi­men­tellen Musik­theater-Company Silbersee, die jetzt im Rahmen der Ruhrtri­ennale in der Geblä­se­halle des Parks urauf­ge­führt wurde, nimmt sich in diesem Umfeld wie ein klingendes Nouvelle-Cuisine-Menü aus einer fernen und feinen Welt aus, die mit den rauchenden Schloten des „Potts“ niemals in Berührung gekommen ist.

Homo Instru­men­talis ist halt eine franzö­sische Produktion, die auch in Gent, Amsterdam und Paris gezeigt wird und bereits mit ihrer franzö­si­schen Sprache einen unüber­brück­baren Kontrast zur rauch­ge­schwärzten Kulisse der Geblä­se­halle bietet. Die andert­halb­stündige Perfor­mance gliedert sich in vier Abtei­lungen, die trotz ihrer unter­schied­lichen musika­li­schen Umsetzung das Thema feinnervig und reali­täts­ent­rückt reflek­tieren. Das gilt sogar für das älteste und mit seinen authen­ti­schen Einblen­dungen von Arbei­ter­streiks konkre­teste Werk des Abends, Luigi Nonos Klassiker La fabbrica illuminata – Die erleuchtete Fabrik – aus dem Jahre 1964, der bereits mit seinem sphärisch schwe­relos schwe­benden, von Eléonore Lemaire grandios vorge­tra­genen Sopransolo die Realität der Fabrikwelt ästhe­tisch überhöht, wenn nicht gar verzuckert.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Asketi­scher geht es zum Auftakt in Yannis Kyria­kides nagel­neuem a‑cap­pella-Quartett Ode to Man zu, in dem in stoischer Ruhe und Gleich­för­migkeit der Schluss­mo­nolog aus Sophokles‘ Antigone skandiert wird. Hier verharren die Sänge­rinnen unter Leitung von Romain Bischoff quasi bewegungslos und scheinen in ihren neutralen, hellen Gewändern wie antike Pries­te­rinnen ein religiöses Ritual einleiten zu wollen, was sich durch die Sphären­klänge Nonos zu bestä­tigen scheint.

Foto © Caroline Seidel

Präsen­tiert sich die Perfor­mance bisher in weihe­voller Würde, antwortet Georges Aperghis in seinen für die Triennale neu einge­rich­teten Machi­na­tions mit burlesken Impulsen. Warnt Sophokles in Kyria­kides Ode vor der Hybris des Menschen, präzi­siert Aperghis den prome­t­hei­schen Anspruch des Menschen auf Gottgleichheit durch skurrile Beispiele. Der Versuch, eine Ente künstlich herzu­stellen, wird ebenso karikiert wie die Vorstellung, den Menschen durch eine Maschine ersetzen zu können. Das spielt sich in einer langen, viel zu langen Sprech-Kanonade in einem Staccato-Feuer ab, das die Darsteller mit beein­dru­ckender Virtuo­sität abspulen. Leider in rasant schnell rezitiertem Franzö­sisch, das nur lückenhaft durch Übertitel verständlich gemacht werden kann.

Die Choreo­grafin Johanne Saunier entwi­ckelte dazu fanta­sie­volle Bewegungs­for­ma­tionen, die aller­dings überwiegend willkürlich und austauschbar wirken. Im Grunde handelt es sich gerade bei Aperghis um ein Sprech­stück, bei dem das Textver­ständnis im Mittel­punkt stehen sollte. Beach­tenswert, aber ebenfalls ohne erkenn­baren Kontext, sind einige akroba­tische Break­dance-Einlagen zu nennen. Gespielt auf einer recht schmalen Fläche, die von einer schwenk­baren und trans­pa­renten Video-Leinwand beherrscht wird, die Floriaan Ganze­voort mit Bildern bestückt, die sich nicht konse­quenter auf die Thematik beziehen lassen wie die gesamte Inszenierung.

Bevor das Thema durch Aperghis vollends zur Karikatur entschärft werden kann, setzt man mit einem gigan­ti­schen, elektro­ni­schen Crescendo einen bedroh­lichen Schluss­punkt. Die einzige Szene, in denen die elektro­ni­schen Klänge mehr ausdrücken als ein unschein­bares Dauerrauschen.

Kompliment für die Profes­sio­na­lität des Ensembles in einer Produktion, die das Thema „Mensch und Maschine“ einer­seits ritua­li­siert und anderer­seits clownesk verharmlost.

Den langan­hal­tenden Beifall haben alle Akteure dennoch vollauf verdient.

Pedro Obiera

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