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Foto © Anne van Aerschot

Gehen ist mein Tanz

MITTEN WIR IM LEBEN SIND
(Anne Teresa de Keersmaeker)

Besuch am
26. August 2017
(Urauf­führung)

 

Ruhrtri­ennale, Maschi­nen­halle Zweckel, Gladbeck

Mitten wir im Leben sind ist Anne Teresa de Keers­maekers vierte choreo­gra­fische Ausein­an­der­setzung mit der Musik Johann Sebastian Bachs. Sie begann schon 1993 mit Toccata, setzte sie 2008 mit Zeitung fort und endete bislang 2013 mit Partita 2, eine Arbeit, die auch bei der Ruhrtri­ennale zu sehen war. Die lange Faszi­nation und konti­nu­ier­liche Beschäf­tigung beruht auf ihrer Verehrung für die „perfekte Verkör­perung der Abstraktion“ in der Musik Bachs, der das Göttliche menschlich und das Mensch­liche göttlich erscheinen lasse.

Mit Partita 2 ist die neue Produktion auch sehr verwandt. Partita 2 liegt musika­lisch die zweite Partita für Violine solo BWV 1004 zugrunde, die live von Amandine Beyer gespielt wird und die de Keers­maeker zusammen mit Boris Charmatz tanzt. Grund­le­gendes Bewegungs­prinzip ist das Gehen, de Keers­maeker nennt es ganz einfach My walking is my dancing. Gehen struk­tu­riert Raum und Zeit zugleich, ist Grundlage des Tanzes, indem man eine Richtung, eine Form und einen Ablauf in der Zeit erzeugt.

In ihrer Inter­pre­tation der sechs Cellos­suiten Bachs, BWV 1007–1012, verfolgt sie diesen Ansatz weiter. Die Cello­suiten werden live von dem Cellisten Jean-Guihen Queyras gespielt, de Keers­maeker tanzt erneut selber und zieht ein kleines Team vertrauter Tänzer hinzu: Marie Goudot, Boštjan Antočič, Julien Monty und Michaël Pomero. Die Kostüme, sehr reduziert, stammen diesmal von An D’Huys, die minima­lis­tische wie überwäl­ti­gende Licht­regie verant­wortet Luc Schaltin.

Die Ausgangslage ist faszi­nierend: Eine große graue Spiel­fläche in der monumen­talen Maschi­nen­halle der Zeche Zweckel. Auf der linken Seite sind die Fenster und eine große Tür weit zur die Halle umgebenden Natur geöffnet, und die begin­nende Dämmerung des schönen Sommer­abends dringt in den Raum – eine unglaublich angenehme, ruhige Stimmung. Der Verlauf des Abends ist exakt an den Sonnen­un­ter­gangs­verlauf angepasst. Damit alles stimmt, beginnt das Stück zehn Minuten später als annonciert.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

De Keers­maeker lotet in ihrer Choreo­grafie das Spannungs­ver­hältnis zwischen der harmo­ni­schen Struktur der Musik mit der geome­tri­schen Grund­struktur ihrer Tanzform aus. Schon zu Beginn ist der Tanzboden mit Penta­grammen, Spiralen und Kreisen grundiert, im weiteren Verlauf überlagern die Tänzer ihn mittels Klebe­bändern oder Kreide mit weiteren geome­tri­schen Mustern wie Dreieck oder Kreis. Die sechs Cello­suiten sind alle fast gleich aufgebaut – einem Präludium folgt eine Allemande, dann eine Sarabande, eine Courante. Der fünfte Satz variiert: ein Menuett in BWV 1007 und 1008, eine Bourrée  in BWV 1009 und 1010 und eine Gavotte  in den beiden letzten Suiten in BWV 1011 und 1012. Alle sechs schließen dann wieder einheitlich mit einer Gigue. Obwohl die Sätze allesamt, vom einlei­tenden Präludium abgesehen, nach Tänzen benannt sind, verkörpern sie bei Bach keine einfache barocke Tanzmusik, sondern sind eher eine reflexive Metamusik über Tanz. De Keers­maeker antwortet auf die Musik mit den ihr eigenen, reduzierten und sparsamen ­– one note, one step – Formen ihres abstrakten Tanzes. Man sieht viele spiral­förmige Drehungen, die Tänzer folgen Elipsen, Kreisen, Dreiecken und Linien, es gibt eher wenige energe­tische Ausbrüche. Die einzelnen Sätze weisen gewisse Gemein­sam­keiten auf, an die man sich aber nicht sklavisch hält. Die Allemandes sind von fließenden Bewegungen charak­te­ri­siert, die Courantes haben einen im Wortsinn rennenden – courir bedeutet rennen – Gestus. Sarabanden werden oft genutzt, um vom Horizon­talen in die Vertikale zu gelangen. Die Tänzer verfallen in skulp­turale Posen, strecken sich in die Waage­rechte. Die finalen Gigues haben einen stark energie­ge­la­denen Charakter.

De Keers­maeker hat für das Projekt Tänzer ausge­wählt, mit denen sie schon länger koope­riert und die sie gut kennt. Jeder Tänzer übernimmt entspre­chend dem solis­ti­schen Prinzip der Cello­suiten jeweils eine Suite in der Reihen­folge Michaël Pomero, Julien Monty, Marie Goudot und Boštjan Antočič. Anne Teresa de Keers­maeker schaltet sich jeweils im zweiten Satz, der Allemande, ins Tanzge­schehen ein. Sie tanzt immer dasselbe Material, auf das die Tänzer dann indivi­duell reagieren. Meist wirkt es distan­ziert, zu einem wirklichen Duett kommt es nur einmal. Das solis­tische Prinzip wird weiterhin durch­brochen in den Bourrées, bei denen zwei oder drei Tänzer agieren, und in der sechsten Suite, zu der die gesamte Truppe tanzt.

Foto © Anne van Aerschot

Jean-Guihen Queyras ist mitten im Geschehen platziert, wechselt seinen Platz mit jeder Suite und wandert so im Laufe des Abends von der linken zur rechten Seite der Spiel­fläche. De Keers­maeker gibt zu jeder Suite mit strengem Blick ein kryptisch-zeichen­haftes Start­signal am vorderen Bühnenrand in Richtung des Publikums und ist so als treibende, kontrol­lie­rende Kraft im Geschehen präsent. Mit der fünften Suite, mit der dunklen melan­cho­li­schen Sarabande im Zentrum, bricht dann die Struktur auf. Inzwi­schen ist es in der Halle ganz dunkel geworden, nur zwei kleinere Schein­werfer werfen Licht­strahlen auf die Akteure, werfen Schatten an der Wand. Hier wird sehr karg choreo­gra­fiert, Musik ohne Tanz, Tanz ohne Musik. Assozia­tionen an Tod und Vergäng­lichkeit kommen einem in den Sinn, worauf auch der Werktitel anspielt: Mitten wir im Leben sind/​Vom Tod umfangen heisst der Titel vollständig nach einer mittel­al­ter­lichen Hymne. Ein Satz, der sich laut Programmheft auch auf dem Grabstein von Pina Bausch in Wuppertal befindet, was ein weiteres Assozia­ti­onsfeld eröffnet. Die sechste, den Zyklus abschlie­ßende Suite ist dazu ganz kontrastiv entge­gen­ge­setzt. Die Bühne erscheint in vollem Licht, getanzt wird vom ganzen Ensemble.

Queyras kennt die Cello­suiten schon seit Jahrzehnten. Seit 2007 liegt seine ausge­zeichnete Gesamt­ein­spielung vor, die zu den Referenz­auf­nahmen des Werkes gehört. Er spielt die Suiten auf einem Cello von Gioffredo Cappa aus dem Jahr 1696 folglich mit einer bewun­derns­werten Souve­rä­nität. Dabei verfügt er über einen eher schlanken, klaren, eleganten, dennoch körper­reichen Ton. Es ist faszi­nierend, wie natürlich er sich in das Ensemble einfügt, wie er reagiert, anteil­nimmt. Wahrscheinlich wird er die Tänzer bei jedem kommenden Soloauf­tritt bitterlich vermissen.

Insgesamt ist Mitten wir im Leben sind ein sehr konzen­trierter, vom Tanz her eher reduziert zurück­ge­nommen wirkender Abend, der trotz der realen Länge von etwa zwei Stunden eher kurzweilig wird. Das Publikum, man hat den Eindruck: alles Fans, hört und sieht gebannt, so eine konzen­trierte Stille gibt es selten. Ganz großer Beifall und Ovationen.

Dirk Ufermann

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