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LADY MACBETH VON MZENSK
(Dmitri Schostakowitsch)
Besuch am
5. August 2017
(Premiere am 2. August 2017)
Zwei Jahre nach der Uraufführung von 1934 besuchte Stalin eine Vorstellung von Lady Macbeth von Mzensk in Moskau. Zur Pause verließ er wutentbrannt das Bolschoi-Theater. Zwei Tage danach erschien in der Zeitung Prawda der berühmt-berüchtigte Artikel Chaos statt Musik. Damit fiel die Oper in Ungnade. Und es wurde damit nicht nur gegen den Komponisten bis zu dessen Lebensgefährdung mobilgemacht – er wurde mehrfach verhört und lebte in ständiger Todesangst – sondern der Artikel wurde zu einem Verdikt gegen jedwede avantgardistische Moderne.
Auch heute noch kann man im Klangbild die Provokation des Komponisten spüren. Dmitri Schostakowitsch reiht in acht Bildern kaleidoskopartig gesellschaftskritische und biografische Szenen aneinander, die vom Schicksal der auch sexuell frustrierten Kaufmannsgattin Katerina Ismailowa handeln. Die wird von ihrem despotischen Schwiegervater drangsaliert. Ihr schwacher Mann ist ein Weichei, weshalb sie in einer leidenschaftlichen Liebe zu einem Arbeiter entbrennt, die sie schließlich zur mehrfachen Mörderin werden lässt.
Spektakulär ist die Kulisse im Großen Festspielhaus, wo dieser Plot von Sex and Crime abläuft, die einem renommierten Filmstudio zur Ehre gereichte. Harald B. Thor schuf einen mehrstöckigen, sehr tristen, postsozialistischen Innenhof einer Fabrik inklusive Arbeiterwohnungen aus abbröckelndem Beton und zerbrochenen Fenstern mit Treppen und Galerien. Der heruntergekommene Bau ist mit allen nur erdenklichen Details ausstaffiert. Wie aus einer Schublade kann von links das komfortable und geradezu luxuriös wirkende Schlafzimmer der Katerina herausfahren, wo sie sich schrecklich langweilt bis Sergej in ihr Leben tritt. Von rechts fährt das Betriebskontor heraus, wo ihr Ehemann Sinowi sitzt und sich meistens betrinkt, oder eine Polizeiwachstube. Diese beiden Elemente können sich auch verzahnen und wirken wie aus einer überdimensionalen Puppenstube. Die passenden, praktikablen Kostüme wurden von Tanja Hofmann erdacht.
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Man merkt sofort, dass Andreas Kriegenburg vom Schauspiel kommt. Er will die Ausweglosigkeit der Katerina zeigen, die gewohnt ist zu kuschen. Ihre Seelentäuschungen und Träume werden während der Zwischenmusiken gezeigt, indem die Kulisse in mystisch blaues Licht getaucht wird, wodurch mit Hilfe der Videotechnik die Fassaden zu verschwimmen scheinen. Sie scheint bei ihren Visionen alles Mögliche zu sehen, so etwa kopulierende Paare. Kriegenburgs Inszenierung ist psychologisch präzise gearbeitet. Er weiß auch die Chormassen professionell zu führen. Erst im letzten Bild wird er jedoch ziemlich platt, wenn die beiden Frauen statt in den Fluss zu gehen, plötzlich als erhängte Puppen an einem Geländer baumeln.

Nina Stemme singt die Titelrolle mit enormer Kraft und vielen Farben und setzt sich mühelos gegen die Orchesterwogen durch, hat aber nichts Heroinenhaftes. Sie ist auch schauspielerisch großartig. Ein zwischen provokantem Draufgängertum und gespielten Schmeicheleien changierender Arbeiter Sergej, wie es eben die Rolle glaubhaft erfordert, ist Brandon Jovanovich mit tollem, glänzendem tenoralem Material. Als Katerinas Schwiegervater Boris, der sich gerne in eine Parfumwolke hüllt, besticht Dmitry Ulyanov mit mächtigem Bass. Er kann seine Geilheit gegenüber Katerina kaum bezähmen. Mit sehr engem Tenor hört man hingegen Maxim Paster als schwächlichen Ehemann Sinowi, der ständig zur Flasche greift, aber exzellent ins Rollenbild passt. Rundherum finden sich hauptsächlich russische oder slawische Sänger mit idealer Diktion, bei denen wie beim fulminant und klangprächtig aufsingenden Wiener Staatsopernchor, dessen Einstudierung Ernst Raffelsberger wieder bewährt besorgt hat, eigentlich kein Mangel feststellbar ist. Hervorstechend aus dem großen Ensemble sind Andrei Popov als der Schäbige, Stanislav Trofimov als Pope, Alexey Shishlyaev als Polzeichef und Ksenia Dudnikova als Sonetka, mit der sich Sergej zum Schluss auf dem Weg nach Sibirien letztlich vergnügt.
Eine wunderbare Klangpracht besorgt auch Mariss Jansons, der zur Urfassung der Oper gegriffen hat und erstmalig in Österreich Oper dirigiert. Ein Genre, das er ja bekanntermaßen aus gesundheitlichen und zeitlichen Gründen sehr klein hält. Aber nicht nur das, denn durch den enormen, tiefgründigen Klangsinn des lettischen Maestros erklingen bei den Wiener Philharmonikern ein betörendes Melos, aber auch exzessive Rhythmik. Pathetische Lyrik wechselt mit Groteskem, illustrative Vulgarität mit parodistischer Überspitzung des erst 24-jährigen Schostakowitsch. Vor allem die Zwischenaktmusiken sind von drastischer Schärfe, ja geradezu zermalmender Energie. Jansons ist das Kraftzentrum der Produktion und beschert ein überwältigendes Klangereignis.
Vom Publikum im vollen Saal gibt es begeisternde Zustimmung, viel Applaus und lautstarken Jubel.
Helmut Christian Mayer