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Foto © Ruth Walz

Überbordender Abgrund

WOZZECK
(Alban Berg)

Besuch am
13. August 2017
(Premiere am 8. August 2017)

 

Salzburger Festspiele, Haus für Mozart 

Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinun­ter­schaut …“. Es sind schrecklich pessi­mis­tische Schlüs­sel­worte des Titel­helden aus dem Dramen­fragment von Georg Büchner 1837, das Alban Bergs 15-szeniger Oper Wozzeck zugrunde liegt, die er von 1915 bis 1921 kompo­nierte und die die negative Grund­haltung der gesamten Geschichte charak­te­ri­siert. Das dachte sich offen­sichtlich auch William Kentridge, den der neue Intendant der Salzburger Festspiele, Markus Hinter­häuser, der ihn aus seiner Zeit als Wiener Festwo­chen­in­tendant kennen und schätzen gelernt hat, dafür engagiert hat. Damals hat der Multi­künstler wie Zeichner, Maler, Filme­macher und Opern­re­gisseur den Lieder­zyklus Die Winter­reise mit starken emotio­nalen Bilder umgesetzt.

Diesmal zieht er in seiner Insze­nierung die Zuschauer weit ins tiefste Schwarz hinunter. Er zeigt die Geschichte aber nicht nur als geschei­tertes Liebes­drama, sondern auch als apoka­lyp­ti­sches Szenario vor dem Hinter­grund des ersten Weltkriegs, der Entste­hungszeit der Oper, der auch die Musik von Berg beein­flusst hat. Doch er scheitert trotz seines Koregis­seurs Luc De Wit bei der Reali­sierung dieser expres­sio­nis­ti­schen Oper. Denn weniger wäre mehr gewesen. Er schafft mit seiner extremen Überfrachtung auf der Bühne eine völlige optische Überfor­derung des Publikums. Ganz genau weiß man nämlich nie, wohin man zuerst schauen soll.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Von der Bühnen­bild­nerin Sabine Theunissen hat er sich einen völlig unüber­sicht­lichen Gerüm­pel­haufen bauen lassen mit Stühlen, Kästen und steilen Bretter­stegen, ‑aufgängen und ‑abgängen, die die Protago­nisten immer wieder teils stolpernd überwinden müssen. Irgendwo in diesem Haufen findet sich Maries Bude, eine Art Bretter­ver­schlag. In einem Kasten ordiniert der ehrgeizige Doktor und treibt mit dem gequälten Wozzeck seine seltsamen Experi­mente. Der rasiert den Hauptmann nicht, sondern zeigt ihm seltsame animierte Bilder eines Projektors, also Kohle­zeich­nungen von Kentridge. Dazwi­schen tauchen immer wieder seltsame Figuren wie Zombies aus einem Horrorfilm mit Gasmasken auf und nehmen in dem Gerümpel kleine Umbauten vor.

Foto © Ruth Walz

Und dann stülpt Kentridge über die gesamte Bühne noch eine überbor­dernde Bilderwelt von selbst­an­ge­fer­tigten Zeich­nungen und beweg­lichen Comics von Kriegs­schau­plätzen, Aufmarsch­plänen, riesigen Gasmasken, marschie­renden und gefal­lenen Soldaten, devastierten Landschaften, einer Halle, Kampf­flug­zeugen, einem Zeppelin und vielem mehr. Es gibt kaum eine Sekunde ohne irgendeine optische Verän­derung. Sein aus unzäh­ligen Zeich­nungen gespeister Gestal­tungs­wille ist völlig überbordend. Seltsa­mer­weise passiert aber gerade bei einer Schlüs­sel­szene, kurz vor dem Mord, wo im Text vom aufge­henden, blutroten Mond die Rede ist, rein gar nichts. Alle Figuren erscheinen für den Regisseur groteske Karika­turen zu sein, die alle durchaus stringent geführt werden. Maries Kind ist eine hässliche, großäugige Puppe, die von einer Art Kranken­schwester geführt wird.

Das dunkle Stück braucht starke Künst­ler­per­sön­lich­keiten, und die sind vorhanden: Matthias Goerne ist das Abbild eines Geschun­denen, der zum Mörder und Selbst­mörder wird. Mit seinem herrlich lyrischen, fast zu schönen Organ für diese Rolle ist er auf der Höhe seiner Kunst, ein „guter Mensch“, der naiv durch die Welt stolpert. Asmik Grigorian ist recht blass gezeichnet und singt die Marie sehr jugendlich. Mauro Peter ist ein expres­siver, stimmlich exzel­lenter Andres. Stimm­ge­waltig hört man Gerhard Siegel als schrillen Hauptmann, hart kontu­riert Jens Larsen als Doktor. John Daszek als Tambour­major ist ein durch Testo­steron gesteu­erter, geiler Platz­hirsch. Auch die vielen kleinen Rollen singen bewun­dernswert gut.

Vladimir Jurowski bei seinem Einstand am Pult der Wiener Philhar­mo­niker lässt die ihren sinnlichen Zugang zur komplexen, expres­siven Musik von Alban Berg ausleben und erreicht viele Nuancen, die Schroffheit statt der Ästhetik betonend, und lässt vor allem die orches­tralen Zwischen­spiele und das Finale zum großen Ereignis werden.

Ein bildmäch­tiger, rätsel­hafter, optisch überbor­dender Abend, der zwiespältige Meinungen auslöst, insgesamt aber vom Publikum bejubelt wird.

Helmut Christian Mayer

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