O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
WEST SIDE STORY
(Leonard Bernstein)
Besuch am
7. Juli 2017
(Premiere am 30. Juni 2017)
Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin, Schlossfestspiele
Die heruntergekommenen Hütten und Containerbuden, teils verrostet, teils mit wüsten Graffiti „verziert“, sprechen der schon wackeligen Leuchtreklame eines Wohnungsbau-Investors Hohn, der „Tradition und Fortschritt für modernes Wohnen“ verspricht, aber die Urinale an der Wand schief hängen lässt, die Waschbecken nicht anschließt und das Wort Farbe für ein Fremdwort hält. Stephan Prattes hat sich für die Bühnengestaltung in den Großstadt-Vierteln umgeschaut, in denen heute Gangs anderer Herkunft die Straße beherrschen. Auf einer großflächigen Schräge tauchen raue Jungs auf und zeigen mit rhythmischem Knipsen und ihren wilden Sprüngen, dass sie die Herren der Szene sind oder sein wollen – ebenso wie eine andere Gruppe frecher Jungs aus dem Milieu, das Eichenberger aus dem Manhattan der 1950-er Jahre in das Brennpunkt-Viertel einer beliebigen europäischen Großstadt holt. Zwischen diesen beiden Gruppen, den amerikanisch-weißen Jets und den puerto-ricanischen Sharks tobt ein täglicher Kampf um die „Straßenhoheit“ in dieser finsteren Gegend. Und wenn mal kein Grund zum Streit ist, lässt sich schnell einer finden oder schaffen, der als Funke genügt, um den nächsten „Krieg“ zu zünden.
Hier ist der Gruppenkampf zwischen den Jets und den Sharks nur ein Element im oft sinnlosen Alltag der jungen Männer, die ihre Tage totschlagen. Hier wie dort kennt jeder das Wort „Ausländerpack“ als Schimpfwort. Dass diese Schaukämpfe nicht ausarten, darauf achtet hier der Cop, der Distriktpolizist, der äußerlich zurückhaltend, aber in der Sache brutal autoritär keinen Ärger auf der Straße duldet und im Notfall mit dem Knüppel für Ordnung sorgt. Die Gegenrolle dazu, quasi den Typ Sozialarbeiter gibt Matthias Unruh als Doc, der als Budenbesitzer und „Mädchen für alles“ wenigstens mit dem jungen Gemüse reden kann und es versteht.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Die zarte Liebesgeschichte, die sich zwischen Tony, einem der Anführer der Jets und der Schwester Maria des Führers der Sharks Bernardo kontrapunktisch entwickelt, kommt gerade recht, um neue Mutproben und „Kämpfe“ zu starten. Die Liebesgeschichte, in der die beiden sich ihren eigenen romantischen Weg erträumen, bringt sowohl Maria mit ihrer Familie wie auch Tony mit seiner Gang in heftige Konflikte, die schließlich zum Prestigekampf zwischen Bernardo, dem Boss der Sharks, und Riff, dem Anführer der Jets, führen – plötzlich sind Messer im Spiel, ein tragisches Ende ist abzusehen. Nach einer gezielten Falschmeldung, einer „fake news“, wird auch Tony noch Opfer des Bandenkrieges, den Maria vergeblich einzudämmen versucht. Die Träume von einer gemeinsamen Zukunft werden von Pistolenschüssen durchlöchert. Mit einer lauten Explosion bricht die als vergoldete Schlosskuppel skizzierte „alte“ Ordnung zusammen. Zur Pause tragen stilgerecht Uniformierte des „Police department“ die Opfer von der Bühne in die Kulissen.

Simon Eichenberger hat eine temporeiche Inszenierung gestaltet, die den jungen Darstellern körperlich-tänzerisch viel abverlangt. Auch wenn die Bewegungsabläufe meist eher an Ballettaktionen als an jugendliche Straßenkämpfe erinnern, beschreiben sie das Verlangen dieser Jugendlichen nach Action, ihren Lebenswillen und ihre Suche nach einem Ziel. Natürlich kann man die klassische Liebesgeschichte, oft als die zeitgemäße Form der Romeo-und-Julia-Vorlage interpretiert, auch als Rahmen für die wundervoll eingängigen und gefühlvollen Melodien von Leonard Bernstein sehen, der mit diesem 1957 uraufgeführten Klassiker dem Genre Musical neuen Auftrieb verlieh. Mit Songs wie Maria, Tonight, tonight und I like to be in America! hat Bernstein Songs komponiert, die sie bis heute zu rhythmisch spannenden, gefühlvollen Ohrwürmern machen. Conny Lüders‘ Kostümideen müssen sowohl den neuen Zeitgeist spiegeln als auch den Tänzern genügend Spielraum für ihre Sprünge, Spurts und Kampfszenen lassen. Den etwas merkwürdigen Regieeinfall, den Mädchen durchweg eine piepsige Stimme zuzumuten, unterstützt Lüders mit reichlich viel Pink.
Die Mecklenburgische Staatskapelle unter der bewährten Leitung von Daniel Huppert muss sich wie üblich bei den Schlossfestspielen in einem abgedunkelten Raum unter der Bühne verstecken und ist den Blicken der Zuschauer weitgehend entzogen. Das ist schade, denn gerade bei den besonders rhythmischen Partien der puerto-ricanischen Musik macht auch die Beobachtung der Musiker Freude und übermittelt die Lebendigkeit dieser Musik. Doch Huppert und seine big band haben den Sound drauf. Melodiereiche, romantische Phrasen verzieren den Gesang ebenso wie jazzig-disharmonische Elemente und rhythmusbetonte karibische Klänge.
In der Rolle des Tony überzeugt Jörn-Felix Alt mit leicht baritonaler Song-Stimme, die in den Duetten gut mit der helleren Färbung der Stimme der Maria harmoniert, die die zierliche Mercedesz Csampai bestens ausfüllt. Als Ausbund karibischen Feuers agiert und singt temperamentvoll Sidonie Smith als Anita.
So konfliktreich und sinnlos diese Version der Romeo-und-Julia-Romanze zu Ende geht, so gefühlvoll bleiben Bernsteins Melodien den Zuhörern im Ohr, als sie nach mäßigem Beifall das Areal der Schlossfestspiele zufrieden verlassen: Endlich ein Freiluft-Abend, bei dem nicht wie bei der Premiere der Himmel gnadenlos seine Schleusen öffnet, sondern bei dem ein immer runder werdender Vollmond mit mildem Licht die Katastrophen erträglicher zeichnet und den Traum von There´s a place for us näher rücken lässt … hach.
Horst Dichanz