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Foto © A. T. Schäfer

Grandioses Regie-Lehrstück

LA CENERENTOLA
(Gioachino Rossini)

Besuch am
15. Oktober 2017
(Premiere am 30. Juni 2013)

 

Oper Stuttgart

Regis­seuren, die in ihren Insze­nie­rungen mit dem Chor eher fremdeln, ihn mehr oder weniger statisch auf der Bühne hin und her schieben, ist unbedingt eine Reise nach Stuttgart zu empfehlen. Andrea Moses entzündet auf der dortigen Opern­bühne eine fulmi­nante La Cenerentola. Rossinis Melod­ramma giocoso, häufig in schwel­ge­ri­scher Farben­pracht als Aschen­puttel-Verschnitt insze­niert, haucht Moses eine atembe­rau­bende Leben­digkeit ein.

Es gelingt ihr etwas Seltenes: Solisten und Chor sowie vier Statisten als Hostess und Service­per­sonal drama­tur­gisch zu einer musik­thea­tra­li­schen Einheit  mit überra­gender Spiel- und Gesangs­kultur zu formen. Jedem einzelnen Choristen des Herren­chores überträgt Moses eine indivi­duelle Rollen­präsenz und eine Charak­te­ri­sierung, die sich jeder Solist pro domo nur wünschen kann. Dass zwei Sänger, kostü­miert neben den Herren als Damen, Teil einer Business-Gesell­schaft sind, geht weit über ein übliches Gag-Verwechs­lungs­spiel hinaus.

Moses‘ Insze­nierung beginnt schon, bevor es mit der Ouvertüre fulminant losgeht. Eine Hostess putzt einen riesigen Konfe­renz­tisch. Sie schüttelt den Putzlappen über den Orches­ter­graben aus: Der Staub, der sich in vielen Insze­nie­rungen auf La Cenerentola angesammelt hat, wird für einmal weggewischt.

Wenn die Hostessen später im enthemmten Freuden­taumel der Gesell­schaft – grandios gespielt und gesungen vom von Christoph Heil imponierend aufge­stellten Chor – in der Anmutung von Playboy-Häschen eroti­sieren, konter­ka­riert die Insze­nierung mögliche sich aufdrän­gende genuss­süss­liche Melan­cholien, wie sie sich ander­ser­seits nicht scheut, das Buffo­neske auszuspielen.

Vor Beginn des zweiten Aktes streiten sich Clorinda und Tisbe handgreiflich gesti­ku­lierend um den ersten Platz in der Gunst des Prinzen. Tisbe drängt sich mit einem Kuchen­teller ins Parkett, bietet den ersten Zuschau­er­reihen Torten­stücke an, um sie – zurück auf der Bühne – Clorinda in das Dekolleté zu stopfen. Was anderswo als ermüdende, ausge­leierte Slapstick-Nummer rüber­kommt, findet in Catriona Smith und Maria Theresa Ullrich als nicht nur in dieser Vorab-Szene umwerfend komisch spielende Sänge­rinnen einen drama­tur­gisch klug kalku­lierten Ausdruck. Ihre narrative und musika­lische Grundierung bringt das Melod­ramma giocoso in der Lesart von Moses wunderbar auf den Punkt.

Es sind solche kleinen Gesten, die feinsinnig charak­te­ri­sieren und mit den Opern­be­su­chern die Kommu­ni­kation suchen. Die Bühne von Susanne Gschwender plaziert einen runden Tisch auf der Schnitt­stelle von Bühne und Puppenhaus. Um ihn versammelt sich eine Gesell­schaft in Geschäfts­kleidung zu Strate­gie­sit­zungen. Er verbindet den minima­lis­ti­schen Raumkörper Puppenhaus von Don Magnifico und seinen beiden Töchtern Clorinda und Tisbe sowie Angelina als Bühne in der Bühnen­ar­chi­tektur mit der Tischgesellschaft.

Mit dem Szenen­wechsel vom Mini-Haus zum Festball im Palast verschwindet das Puppenhaus in der Bühnen­ver­senkung.  Aus dem Schnür­boden senken sich drehbare Spiegel-Wandele­mente. Die Opern­be­sucher werden mit ihrem Spiegelbild optisch auf die Bühne, mitten ins Geschehen geholt. Schließlich verwandelt sich der Tisch erst in einen Laufsteg, auf dem Angelina unerkannt mit einem weit ausfä­chernden, roten Kleid geheim­nisvoll die Szene betritt, um sich am Ende des ersten Aktes in einen Roulette­tisch zu verwandeln. Statt Jetons dreht sich die Kugel um La Cenerentola.

Moses‘ entrümpelt die Verwechs­lungs­ge­schichte. Keine Schuh-Fetischi­sierung, die schon Rossini nolens volens durch eine Armreif-Signatur ersetzte, da nach damaligem morali­schem Konsens barfüßig als nackt galt. Keine Magie, sondern wirtschaft­liches Vewer­tungs­in­teresse rückt Moses ins Zentrum. Der verarmte, durch Verhei­ratung seiner Töchter auf finan­zielle Konso­li­dierung hoffende Don Magnifico sowie der Prinz Don Ramiro, der innerhalb von 24 Stunden heiraten muss, sollte ihm nicht ein Erbe durch die Lappen gehen, werden von Alidoro manipu­liert. Der Philosoph und Erzieher des Prinzen mutiert zum opera­tiven Erfül­lungs­ge­hilfen der um den Tisch versam­melten Wirtschafts- und Verwer­tungs­ge­sell­schaft. Moses zitiert mit Ironie den häufig kolpor­tierten Rollen­tausch von Herr und Knecht.

Puppen­stube und Business-Kontext folgen mehr einer sozial­kri­ti­schen Perspektive  von Henrik Ibsens Drama Ein Puppenheim als dem Märchen­zauber der Gebrüder Grimm. Passend zu dem durch­sich­tigen Bühnen­vorhang, auf dem die Aschen­puttel-Vorge­schichte in Art eines Stumm­films einge­blendet wird, hebt die Ouvertüre mit einem durch­schei­nenden Ton an.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Maurizio Barbacini, ein ausge­wie­sener Spezialist für die italie­nische Oper des 19. Jahrhun­derts, nimmt mit den ersten Takten den drama­tur­gi­schen Faden auf. Er dirigiert das Staats­or­chester Stuttgart mit empathi­schem Italianità-Esprit. Tempi und Modi im Wechsel von  distin­gu­ierter Zurück­haltung und drama­ti­scher Zuspitzung gestaltet er konse­quent und unmiss­ver­ständlich: La Cenerentola, der Triumph der Herzensgüte.

Dezent einge­streute Playbacks von Hubschrauber-Sirren, das Rauschen einer Toilet­ten­spülung oder der mit Blitz und Donner unter­legte Kutschen­unfall von Don Ramiro vor dem Haus von Don Magnifico illus­trieren mit kontra­punk­ti­schen Zäsuren Szenen­wechsel. Barbacini gibt dem Staats­or­chester Stuttgart reichlich Gelegen­heiten, furios das Blech mit dem Holz, von den Strei­chern getragen, zu intonieren. Blitz und Donner gewinnen eine musika­lische Form, die das Publikum stellen­weise rauschhaft umhüllt.

Aus einem überdurch­schnittlich besetzten Solisten-Ensemble ragt Lilly Jørstad heraus. Natürlich ist Angelina, das Aschen­puttel, die Dienstmagd, die von ihren dümmlich arroganten Halbschwestern Clorinda und Tisbe mit handfester Unter­stützung von Don Magnifico an den Herd verwiesen wird, die zentrale Protago­nistin. Eine solche mit Vorschuss­lor­beeren einher­ge­hende Selbst­ver­ständ­lichkeit lässt Jørstad aller­dings nicht gelten. Ihr Mezzo­sopran strahlt in schlichter, natür­licher Schönheit und zeigt schon unter dem Asche­staub mit der Eingangsarie Una volta c’era un re, wie mit geschmei­diger Stimm­führung, die mit ihren Kolora­turen alle Grenzen der mensch­lichen Stimme zu negieren scheint, eine phäno­menale Ausdrucks­stärke sicht- und hörbar wird.

Foto © A. T. Schäfer

Beim Schluss­ap­plaus, nachdem sie in der letzten Szene ihre Schuhe auf den Tisch geworfen und damit alle Strate­gie­spielchen entwertet hat, springt sie in tänze­ri­scher Verzü­ckung auf die Bühne. Bedeckt in überschäu­mender Freude ihr Gesicht mit den Händen, als könne sie es selbst nicht fassen, wie sie mit ihrer Angelina das Publikum im Sturm erobert und offen­sichtlich sich selbst am meisten überrascht hat. Selten, dass eine Sängerin nicht nur den Applaus genießt, sondern rank und frei allen zeigt, wie sie sich unbändig über ihre Leistung freuen kann.

Neben Jørstad hat Moses Solisten versammelt, die gleich­wertig sänge­risch und schau­spie­le­risch brillieren. Sunnyboy Dladla ist ein flexibel singender und spielender Don Ramiro. Beginnend mit dem Duett Tutto è deserto mit Jørstad bis zu Rezitativ und Arie E allor… se non ti spiaccio… charak­te­ri­siert sein Tenor mit dynami­scher Flexi­bi­lität. Den drama­ti­schen Höhen wünschte man sich mitunter etwas mehr elegante Geschmeidigkeit.

Im Wechsel­spiel mit seinem Diener Dandini hält Bogdan Bacius Bass mit Überzeugung dagegen. Baciu setzt mit dunkel changie­render Klang­far­bigkeit Akzente, die mit dem Prinz-Mythos-Spiel Tisbe und Clorinda sowie vor allem Don Magnifico wie in einer Sackgasse zur Einsicht zwingen, dass sie allzu hoffärtig in die falsche Straße einge­bogen sind. Renato Girolami ist stimmlich sowie mit seiner unüber­seh­baren Bühnen­präsenz ein geradezu ideal­ty­pi­scher Don Magnifico. Wie ein gehetzter Pizza­bäcker, der sich mit einer guten Partie für seine Töchter seiner Sorge um die Schutz­geld­for­de­rungen der Mafia zu entle­digen gedenkt, tölpelt er durch die Szenen. Mit der Regis­terarie Sia qualunque delle figlie offenbart Girolami ein facet­ten­reiches, komödi­an­ti­sches Talent und löst einen nachhal­tigen Szenen­ap­plaus aus.

Nicht nur die von Rossini 1820 nachge­reichte Arie Lá del ciel nell’arcano gereicht Adam Palka als Alidoro als glänzende Gelegenheit, seinen Bass dunkel dräuend dröhnen zu lassen. Die ihm von der Regie zugeeignete Rolle als Operator und Kommu­ni­kator nutzt er spiele­risch instinkt­sicher, auch dann, wenn er als stiller Beobachter oder gesten­reicher Motivator nicht im Zentrum, aber fast durch­gängig auf der Bühne steht.

Das finale Sextett Questo é un nodo avviluppato, eine von Rossinis virtuo­sesten Ensem­ble­szenen, gestaltet sich zu einem begeis­ternden Abschluss einer glanz­vollen Aufführung, die alle Schwie­rig­keiten von Tempi, Klang­farben und Phrasie­rungen souverän meistert. Mit La Cenerentola unter­streicht Andrea Moses einmal mehr die beson­deren Leistungen des Opern­hauses Stuttgart. Und nachdem Fahrverbote erst einmal wieder in weite Ferne gerückt scheinen, wird das Haus wohl auch wieder für Gäste von außerhalb attraktiver.

Peter E. Rytz

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