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Foto © A. T. Schäfer

Drei, sieben, As aus

PIQUE DAME
(Pjotr Tschaikowski)

Besuch am
13. Oktober 2017
(Premiere am 11. Juni 2017)

 

Oper Stuttgart

Von der Kuppel über der Rotunde des Württem­ber­gi­schen Kunst­vereins Stuttgart grüßt ein goldener Hirsch zum Opernhaus hinüber. Im Kunst­verein gräbt Alexander Kluge in der Ausstellung Gärten der Koope­ration nach den Zeitschichten der Geschichte, die so gelaufen ist, wie sie histo­risch kanoni­siert ist. Er insis­tiert aber darauf, dass sie auch ganz anders hätte ausgehen können.

Der insgesamt unent­schieden wirkenden Insze­nierung von Pjotr Tschai­kowskis Oper Pique Dame hätte es vielleicht  gut getan, hätte das Regieteam Jossi Wieler und Sergio Morabito den metapho­risch ausge­la­denen Assozia­ti­onshirsch aus Kluges Garten auf der Opern­bühne weiträumig grasen lassen. Bifur­ka­tionen, Schei­dewege sind Kluge optionale Grabungs­an­lässe, scheinbar Eindeu­tiges, Festge­schrie­benes mit anderen Erzäh­lungen zu verschränken und dadurch einen Möglich­keitsraum zu öffnen. Wieler und Morabito verkleinern dagegen den gespens­tisch-fantas­ti­schen Hinter­grund der erzäh­le­ri­schen Libretto-Vorlage, als würde, nur ein kleines Stück von einer großen Wiese abgegrenzt, Platz sein, auf der allein gegrast, respektive gespielt werden kann.

POINTS OF HONOR

Musik    
Gesang  
Regie  
Bühne   
Publikum  
Chat-Faktor  

Im Programmheft von Pique Dame sind ungewöhnlich zahlreiche Erzäh­lungen von Fjodor Dosto­jewski bis Edgar Allan Poe neben der gleich­na­migen, dem Libretto von Modest Tschai­kowski zugrunden Erzählung von Alexander Puschkin abgedruckt. Wieler und Morabito gelten sie offenbar als Legiti­mation für ihre zeitliche und räumliche Verortung ihrer Insze­nierung. Sie wollen sie bei einer Recher­che­reise in den Hinter­höfen von St. Petersburg gefunden haben.

Davon angeregt, zitiert Anna Viehbrock mit ihrer labyrin­thi­schen Bühnen­struktur von verschränkten Treppen, Stiegen und Balkon­fluchten herun­ter­ge­kommene, desolate Großstadt­teil­mileus im heutigen St. Petersburg. Das bizarre Spiel um ein Glücks­ver­prechen, das an drei Karten hängt, findet auf einem Hinterhof statt. Versoffene Glücks­spieler und verwirrte Obdachlose teilen ihn mit dem Glücks­sucher German, der mosko­wi­ti­schen Venus-Gräfin  und dem willfäh­rigen Mündel Lisa.

Für die Wechsel­fälle im Leben der Gräfin hat Viehbrock einen mobilen Raum  bauen lassen. Sie ästhe­ti­siert die Struktur einer Zeitkapsel, indem sie, wie von Geisterhand gezogen, leise rollend durch die Bühnen­ar­chi­tektur schwebt.  Die Tür ist ein akribisch am Original orien­tierter Nachbau des ehema­ligen, noch existie­renden Palastes. In ihm wird heute eine schäbig vernach­läs­sigte Poliklinik betrieben, wie sie Viehbrock vor Ort gesehen hat.

Tschai­kowski lag wenig daran, eine Litera­turoper zu schreiben. Die Zeit des Fin de Siècle, bestimmt von dekadent paranoider, symbo­lis­ti­scher Aufladung der Kunst in ihrem nietz­schea­ni­schen Hoffnungs­ver­sprechen einer ewigen Wiederkehr, diktierte seine Kompo­sition. Das Quart-Intervall des Karten­motivs durch­zieht Pique Dame program­ma­tisch: Obses­sionen eines Psycho-Spiels auf Leben und Tod.

Alle Protago­nisten, verloren in den Diskon­ti­nui­täten der Zeitge­schichte, bei Puschkin und in der Version von Tschai­kowski changierend zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert, müssen auch in Zeiten globa­li­sierter, kapita­lis­ti­scher Ausgren­zungs­me­cha­nismen selbst­zer­stö­re­risch untergehen.

Während Lisa in abhän­gigen Diensten der Gräfin auf Liebe hofft, die diese nur noch als Träume fanta­siert, will German sein Glück machen. Reich zu sein, viel Geld zu haben, wird ihm letztlich zu einem manischen, vernich­tenden Dilirium.  Er verausgabt sich für die Hoffnung auf ein scheinbar sicheres, bürger­liches Leben.

German ist mit deutscher Tugend­haf­tigkeit erzogen. Das präde­sti­niert ihn geradezu, vom schüch­ternen Beobachtern zum berech­nenden Gewalt­täter zu werden. Die ehemals in den Pariser Salons und vor allem am Casino-Spiel­tisch glänzende Gräfin, die sich als Edelk­ur­tisane das Geheimnis der drei unfehl­baren Karten erschlafen hat, umschleicht German, um ihr dieses Geheimnis zu entlocken. Lisa wird zum Spielball zwischen gesichertem, gleichwohl bleiernem Zukunfts­ver­sprechen des ältlichen Grafen Jeletzki und der roman­tisch verklärten Liebes­hoffnung, mit German glücklich zu werden.

Dieses drama­tur­gische Szenario führt in der Handschrift von Wieler und Morabito zu einer merkwürdig zweige­teilten Aufführung. Ist bis zur Pause des vierten Bildes im zweiten Akt eine kurzweilig tempe­rierte Oper zu sehen, verdünn­flüssigt sich die Aufführung danach in eine kammer­mu­si­ka­lische Schmalbrüstigkeit.

Beginnend mit der Intro­duktion unter­nimmt Frank Beermann am Pult des Staats­or­chesters Stuttgart eine Expedition nach der musika­li­schen Pique-Dame-Essenz. Es ist ein ambitio­niertes Suchen und Finden, das angesichts der insze­na­to­ri­schen Unent­schie­denheit nicht immer aufgeht. Über welche orches­trale Geschmei­digkeit der Klang­bildung das Orchester verfügt, wird in einzelnen volks­me­lodiös inspi­rierten Sequenzen und ganz besonders in Polinas  Romanze Das Schicksal einer Schäferin nachhaltig hörbar.

In Tschai­kowskis Kompo­sition fungieren Chor und Kinderchor als Lautver­stärker einiger, weniger Szenen. Johannes Knecht lässt den Kinderchor sowohl bei seinem allei­nigen Auftritt zu Opern­beginn als auch den Staats­opernchor bei seinen punktu­ellen Einsätze präzis intonieren. Überzeugend vor allem im Inter­mezzo Die Lauterkeit der Schäferein.

Der erste Teil der Aufführung entwi­ckelt trotz des obliga­to­ri­schen, gleichwohl  ärger­lichen, allzu häufig auf den Opern­bühnen wieder­keh­renden, reichlich überstra­pa­zierten Bierdosen-Geklapper und überdehnten Bildmo­tiven, wie die eines Fußballs, dem in Germans Händen die Luft ausgeht, dynamische Bildfolgen.

Foto © A. T. Schäfer

Das Arioso der Lisa nach der Pause entkleidet die Insze­nierung ihrer liebes­zau­be­ri­schen Formstruktur. Wo im Libretto-Text steht – Lisa fällt ihm, German, in die Arme – hofft Lisa, auf einem Dachvorbau stehend, dass Germans Ermordung der Gräfin nur ein Opfer des Zufalls gewesen sein möge. Die das  Eigent­liche ihrer Liebe nicht berühren kann. German steht unten auf dem  Hinterhof mit dem Blick zu ihr nach oben in schein­barem Einver­ständnis, bevor er sich, von ihr abwendend, in Ekstase um den Verstand singt. Er sei jener Dritte, um „mit Gewalt zu erfahren, die Drei, die Sieben, das As.“

Der um Nachsicht  bittende Hinweis vor der Aufführung, dass die Sopra­nistin Rebecca von Lipinski trotz einer Erkältung in den letzten Tagen als Lisa auftreten wird, bedarf in keiner Phase einer entspre­chenden Rücksicht­nahme. Mit feinfüh­ligem Instinkt navigiert ihr schlanker, in den Höhen etwas überspitzt klingender Sopran Lisa durch die Abgründe von Spiel­sucht und Liebessehnsucht.

Hätte die Bitte um Nachsicht Erin Caves in der zwiespäl­tigen Rolle des German gegolten, hätte sein in einzelnen Szene bis zur Pause in Lautstärke und Ausdruck zurück­ge­nom­mener Tenor eine nahelie­gende Erklärung gefunden. Am Ende der vierten Szene geht sein „Freu dich nur, Freund!“ im donnernden Blech des Orchesters fast unter. So bleibt die Vermutung einer kurzfris­tigen Indis­po­sition, die nach der Pause zum Glück wieder aufklart.

Den solis­ti­schen Gesang der Gräfin gestaltet Tschai­kowski relativ nachlässig. In der Finals­szene ist sie allein schau­spie­le­risch als tonloses Opfer gefordert.  Insofern hat Helene Schnei­derman wenig Gelegenheit, ihren dunkel grundierten Mezzo­sopran zur Geltung zu bringen. Die Regie lässt sie wiederholt stumm das Raum-Mobile über die Bühne schieben,  ohne das ein drama­tur­gi­scher Mehr-Wert erkennbar ist.

Die Baritone von Shigeo Ishino als Graf Jeletzki und Gevorg Hakobyan als Tomski setzen ausdrucks­starke Zäsuren. Jeletzki mit verdruckstem Under­statement-Ton; Tomski mit jovial klein­ka­rierter Großmannspose.

Stine Marie Fischer tanzt sich mit ihrem vollmun­digen Alt und ihrer körperlich eroti­schen Präsenz der Polina in die Herzen des Publikums. Eine gesanglich wie komödi­an­tisch überzeu­gende Darstellung. Obwohl sie in der Romanze nur einen begrenzten Auftritt hat, räumt sie am Ende fast den größten Applaus eines insgesamt begeis­terten Publikums ab.

Peter E. Rytz

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