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BORIS GODUNOW
(Modest Petrowitsch Mussorgski)
Besuch am
13. Juni 2018
(Premiere am 7. Juni 2018)
Ab dem 19. Jahrhundert kann man immer weniger nur von einer italienischen und einer französischen Oper sprechen, weil nun zunehmend auch in anderen Sprachen in Europa nationale Opern komponiert werden. Man denke nur an Webers Freischütz. In Russland werden diese Bestrebungen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts vor allem von einer Gruppe von fünf jungen Komponisten getragen, von denen die Opern Mussorgskis besonders deutlich die national-russische Musik zum Ausdruck bringen. Mit seinem Boris Godunow ist er bemüht, ein Musiktheater zu schaffen, das sich an den slawischen Volksliedern und ‑tänzen sowie an der altrussischen Kirchenmusik inspiriert und sich soweit wie möglich vom Stil der westlichen Oper befreit. Sein neuer, realistisch-expressionistischer Ausdruckstil hat nicht nur andere slawische Komponisten wie Leoš Janáček beeinflusst, sondern auch Komponisten in westeuropäischen Ländern wie Claude Debussy.
Die dieser Aufführung zu Grunde liegende Version der Oper ist die Urfassung von 1869, die von der zaristischen Zensur abgelehnt und daher zu Lebzeiten des Komponisten nie aufgeführt wurde. Er hat daraufhin seine Oper grundlegend umgearbeitet, so dass es zwei Versionen gibt. Überdies hat Rimski-Korsakow nach Mussorgskis Tod das Werks noch einmal überarbeitet. Und in dieser letzteren Fassung ist die Oper dann auch weltweit bekannt geworden, bis 1928 die ungleich eindrucksvollere, radikalere Urfassung wiederentdeckt wurde.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Ivo van Hove und sein Team inszenieren Boris Godunow bewusst einfach, realistisch, zeitlos. Das Drama soll allgemeingültig sein – ein Symbol der Macht und seiner Auswirkungen, die Geschichte eines einsamen, von Ängsten und Schuldgefühlen geplagten Tyrannen und seines notleidenden Volkes. Jan Versweyvelds Bühnenbild ist modern, dunkel, kühl, mit einer breiten Treppe in der Mitte. In D’Huys Kostümen steht ein ärmlich und zeitgenössisch gekleidetes Proletariat einem Zaren und einer geschniegelten Nomenklatura in schwarzen Anzügen gegenüber. Videos projizieren regelmäßig Gesichter, Gestalten oder Gegenstände im Großformat auf den Hintergrund, die sich wie in einem Kaleidoskop rechts und links widerspiegeln. Alles Ur-russische, Volkstümliche ist von der Bühne verbannt. Nur die Sprache und die Musik bleiben russisch. Dieser Gegensatz hinterlässt eine gewisse atmosphärische Leere. Aber der Regisseur erklärt in einem Interview, dass es sich zwar um ein russisches Drama handle, das aber ebenso die politische Situation in anderen Länder beleuchten könne, und dass der kulturelle Hintergrund nur ein Mittel, nicht der Zweck sein dürfe. Das Schauspiel solle dazu dienen, die Vergangenheit zu erforschen, um die Gegenwart zu verstehen und Hinweise auf die Zukunft zu geben. Und der Dramaturg Jan Vandenhouwe fügt hinzu, dass seiner Meinung nach die primitive dramatische Gewalt des Dramas noch stärker ohne die „folkloristische Sauce“ zum Ausdruck käme.

Musikalisch ist die Aufführung gewaltig – ein einheitliches, fast durchweg all-russisch-ukrainisches Solisten-Ensemble auf sehr hohem stimmlichem Niveau. Und eine hervorragende musikalische Leitung. Zwar ist Alexander Tsymbalyuk kein Schaljapin, aber er singt den Boris mit wohlklingendem Bass, der in den hohen Lagen eine warme Leuchtkraft annimmt, wie besonders in der lyrischen Szene mit seinen Kindern im fünften Bild – das einzige Bild in der tragischen Geschichte, in dem auf der Bühne die Sonne scheint und in den Videos Blumen blühen. Von jeglichem Pomp befreit, hat er als Zar erstaunlich wenig Bühnenpräsenz, vielleicht von der Regie so gewollt. Sehr wirkungsvoll dagegen ist Maxim Paster mit wohl timbriertem Tenor als der intrigante, mit allen höfischen Wässerchen gewaschene Fürst Schuiski. Sehr eindrucksvoll singt und spielt auch Ain Anger den Mönch Pimen. Mit tiefem, orgelndem Bass rezitiert er episch die Episoden der russischen Geschichte im dritten und die Legende von der Wunderheilung am Grabe des ermordeten Zarewitschs im letzten Bild. In der einzigen heiteren Rolle, die des immer betrunkenen Bettelmönchs Varlaam, erfreut Evgeny Nikitin. Dmitry Golovnin ist mit jugendlichem, metallischem Heldentenor sehr glaubhaft der unverfrorene Usurpator Grigori. Besonders bewegend mit hohem Fistel-Tenor spielt und singt Vasily Efimov den Schwachsinnigen, der Wahrheiten sagt, die niemand auszusprechen wagt. Ruszan Mantashyan singt mit etwas herbem Sopran die Zarentochter Xenia und Evdokia Malevskaya, man möchte fast meinen mit Kinderstimme, den unglücklichen Zarewitsch Fjodor. Die Nebenrollen sind auf ähnlich hohem Niveau besetzt. Wahrhaft gewaltig sind die vereinten Chöre der Opéra de Paris und der Maîtrise des Hauts-de-Seine unter der bewährten Leitung von José Luis Basso. Die Irrreden des Schwachsinnigen und der folgende Aufschrei des Volkes Gib uns Brot! im sechsten Bild ist eine der eindrucksvollsten Szenen der Aufführung.
Vladimir Jurowski dirigiert Chor und Orchester der Opéra national de Paris und die zahlreichen Solisten mit Meisterschaft und ohne jegliches Pathos durch eine Partitur, die zur Zeit ihrer Entstehung die traditionelle Auffassung einer Opernaufführung zweifellos erschüttert hat.
Es gibt viel Applaus.
Alexander Jordis-Lohausen